Politisches Feuilleton
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27.10.2004
Fragen zum Fall Sebastian Deisler
Von Norbert Seitz

Norbert Seitz (Bild: privat)
Norbert Seitz (Bild: privat)
Kaum zum Retter des deutschen Fußballs erkoren, holte die erneute Erkrankung Sebastian Deislers die schwelgenden Fans auf den knüppelharten Rasen der Realitäten zurück.

Dem Rückfall des depressionskranken Fußballers steht die ansonsten so krisenerprobte Szene ziemlich hilflos gegenüber.

Dabei wären ein paar kritische Fragen zu stellen, zum Beispiel, ob der finanziell völlig aus den Fugen geratene Hochleistungsfußball nicht an die Grenzen der psychischen Belastung von Spielern gestoßen ist.

Das 24-jährige Jungtalent Sebastian Deisler steht seit seinem 17. Lebensjahr unter Genieverdacht. Basti-Fantasti schwärmten die Fans, Rekordsummen wurden für ihn geboten.

Bayern München, wer sonst, machte das Rennen und wird es wohl mehr als einmal bereut haben:

Denn Deisler war seit seiner Verpflichtung an die Isar die meiste Zeit verletzt. Doch damit genug: Im November letzten Jahres machte der Spieler über Uli Hoeness publik, unter einer schweren Depression zu leiden.

Während der Bayern-Manager dem Mittelfeldstar seine solidarische Unterstützung bekundete, gerierte sich Präsidiumsmitglied Edmund Stoiber weniger zimperlich und sortierte Deisler gleichsam als Leichtmatrosen aus. Sein Wort vom "Fehleinkauf" wurde ihm seinerzeit als Herzlosigkeit übel genommen

Andererseits: Wie ist es um das große Herz des Uli Hoeness bestellt, der mit dem Leid seines umsorgten Jungtalentes immer auch Imagepolitik und soziale Effekthascherei betrieben hat.

Wo war das Mitleid des Bayern-Fürsten, als er Christoph Daums Kokain-Outing herbeidenunzierte, um einen vereinspolitisch nicht genehmen Bundestrainer zu verhindern.

Kaum dass Sebastian Deisler wieder im Trainingslager aufkreuzte, und Frühform in den Vorbereitungsspielen zur laufenden Saison bewies, richteten sich wieder fast messianische Hoffnungen auf den Mittelfeldstar.

Allerorten wurde beschworen, er möge nicht nur seinen Verein, sondern auch die in Portugal so kläglich gescheiterte Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft im eigenen Lande 2006 zu neuen Großtaten führen.

Alles schien wieder in Ordnung, als Bayernchef Rummenigge die ärztliche Diagnose vom Trainingsplatz aus verkündete: "Wer lacht, hat keine Depressionen."

Doch weit gefehlt, als die Leistung stagnierte, bescheinigte Trainer Magath seinem Problemkind mangelndes Selbstbewusstsein und fehlende Sicherheit. Der Rückfall von Turin in der letzten Woche konnte deshalb nur die Ahnungslosen überraschen.

Gerade Fußballer leben in einer zirzensisch aufgeblasenen Scheinwelt, verdienen göttlich, werden wie Filmstars von Autogrammjägern umringt und geben Interviews, obwohl sie häufig keinen fehlerlosen Satz über die Lippen bringen.

Sebastian Deisler ist als öffentlicher Patient im Spitzensport längst keine Ausnahmeerscheinung mehr.

Der Skispringer Sven Hannawald zum Beispiel nahm sich nach einem Burn-Out-Syndrom eine längere Auszeit.

Das große italienische Radsportidol Marco Pantani schied freiwillig aus dem Leben, nachdem er ins Dopingabseits geraten war.

Und im Fußball? Jan Simak von Hannover 96 flüchtete Hals über Kopf aus der Bundesliga, um sich in einem Hotelzimmer zu verbarrikadieren, weit weg von seinem unzufriedenen Klub, seinen enttäuschten Fans und einer erbarmungslosen Presse.

Darüber hinaus bewegt uns beim Rückfall des Sebastian Deisler die Frage: Wie öffentlich darf Krankheit sein?

Wird nicht die dünne Haut eines kranken Spielers in voyeuristischer Weise zu Markte getragen? Wo doch jeder wissen müsste, dass die Veröffentlichung einer privaten Krankheitsgeschichte hohe Risiken in sich birgt, vor allem bei psychisch-seelischen Erkrankungen.

Denn gerade eine chronisch depressive Krankheit kann immer wieder ausbrechen. Angst, Schuldgefühle, das Empfinden der eigenen Wertlosigkeit gehen mit ihr einher, und die Suizidgefahr ist sehr hoch.

Rasch gerät ein öffentlicher Akteur in die Situation des alkoholkranken Schauspielers Harald Juhnke, auf den ganze Heerscharen von Paparazzi angesetzt wurden, um ihn möglichst bei frischer Tat zu ertappen.

So leid es einem für den jungen hochtalentierten Spieler auch tun mag - an eine echte Heilungschance in der Champions League, bei der WM 2006 oder wenn er und die Bayern endlich einen Lauf haben, können wohl nur kühne Optimisten glauben.

Depressionen führen oft zu Berufsunfähigkeit. Das Rückfallrisiko ist sehr hoch. Deshalb sei auch die skeptische Frage erlaubt: Wie soll ein Patient gesunden, der in seinem Job unter derart extremer Leistungserwartung und medialem Dauerhochdruck steht?

Die malochenden Fans in der Westkurve haben für die als Modeerscheinung geltenden Depressionen eines millionenschweren Fußballstars vermutlich kaum Verständnis. Mag es ihnen ein schwacher Trost sein, dass die im Rampenlicht Stehenden gegenüber Kränkungen keineswegs resistenter sind als Normalbürger im Alltag.

Norbert Seitz, geboren 1950 in Wiesbaden, promovierter Politologe, ist verantwortlicher Redakteur der politischen Kulturzeitschrift "Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte"; schreibt u.a. für den "Tagesspiegel", die "Frankfurter Rundschau" und verschiedene Magazine. Letzte Buchveröffentlichung: "Doppelpässe - Fußball & Politik", 1997.

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