Politisches Feuilleton
Politisches Feuilleton
Montag bis Samstag • 7:20
29.10.2004
Politik und Vertrauen
Von Walther Stützle

Nein, an einer Sammlung von Briefen und schriftlichen Würdigungen zur Ehre von Konrad Adenauer wolle er sich nicht beteiligen. Lieber wolle er des Kanzlers Leistung in einem persönlichen Brief gedenken. Der dem Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" im Herbst 63 diese herbe Absage bescherte war kein Geringerer als John F. Kennedy, 35. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika - im Januar 1961 ins Amt gewählt und im November 63 von Mörderhand dieser Welt wieder entrissen. Nicht einmal diplomatische Rücksicht konnte den jungen Mann im Weißen Haus dazu bewegen, dem Alten aus Rhöndorf ein öffentlich vernehmbares Lebewohl zuzurufen. Zu unterschiedlich, ja gegensätzlich waren ihre politischen Ansichten, zu gering ihr persönliches Vertrauen, als dass sie sich über das damals wichtigste Thema, den rechten Umgang mit der Sowjetunion, hätten verständigen können. Ja, so schlecht war das persönliche Verhältnis zwischen Kennedy und Adenauer, dass diesem Missstand sogar Bonns Botschafter in Washington, Wilhelm Grewe, zum Opfer fiel.

An diese zur Geschichte geronnene Episode im deutsch-amerikanischen Verhältnis zu erinnern hat nichts verwerfliches, noch atmet es den Geist der Schadenfreude. Deutlich aber tritt hervor, dass es sich in der großen Politik nicht anders zuträgt als im kleinen Leben: es menschelt wo Menschen miteinander zu tun haben. Stimmungen und Atmosphäre prägen unser Dasein und bestimmen ganz wesentlich den Gang des menschlichen Handelns. Stimmt die Chemie, also kann ein freundlich gemeintes Wort darauf zählen, eine gleichermaßen wohlwollende Aufnahme zu finden, da bleibt die sauere Reaktion erspart, da wird der Blick frei für das Wesentliche, da kann die Suche nach Gemeinsamkeit erfolgversprechend beginnen. Ja, da öffnet sich der Weg zu Vertrauen und Zuverlässigkeit; beide aber sind auch in der großen Politik entscheidende Wirkkräfte, soll Wichtiges geschaffen, sollen Probleme gelöst werden.

Helmut Schmidt und Giscard d'Estaing haben das zu ihrer Amtszeit vorgelebt. Ihnen war es gegeben, aus einem Geist miteinander zu kommunizieren, sich einander anzuvertrauen, ohne auch nur für einen Moment die gelegentlich sehr unterschiedlichen Interessen ihrer beiden Länder zu vergessen oder zu verwischen. Ohne ihre Fähigkeit zur vertrauensvollen Zusammenarbeit wäre die europäische Währung, der Euro, wohl nicht entstanden.

Länder haben Interessen, aber keine Freunde, hat ein britischer Premier als seinen Beitrag zur Diplomatiegeschichte hinterlassen. Interessen aber bergen leicht den Keim unüberbrückbarer Unterschiede, wenn nicht gar der feindselig wirkenden Gegensätzlichkeit in sich - es sei denn, sie werden in einem Klima freundschaftlicher Verbundenheit vertreten und ausgeglichen, also so, wie Helmut Kohl und Präsident Bush, der Senior, es miteinander gehalten haben.

Damals, vor erst 15 Jahren, als sich den Deutschen die Chance zur langersehnten Einheit bot; galt es, zwischen Mauerfall im November 89 und deutscher Einheit im Oktober 1990 eine Fülle von Hürden zu nehmen. In einem Klima des persönlichen Misstrauens, zumal auch zwischen Gorbatschow und Kohl, hätten sie sich schnell und unheilvoll in unüberwindliche Hindernisse verwandeln können. Der Irak-Krieg hat solcherlei Fehlentwicklung auf dramatische Art und Weise gezeigt. Freilich ist hier nicht der Ort nachzurechnen, wer wann wohl das falsche Wort gesprochen haben könnte. Aber daß der Kanzler in Berlin und der Präsident in Washington miteinander über kein belastbares Vertrauenskonto verfügen, das hat beiden geschadet, mithin auch ihren beiden Ländern.

Was nach außen gilt, hat auch im Innern große Bedeutung. Demokratie ist keine Harmonieveranstaltung. Demokratie ist Konflikt, der durch Konsens aufgelöst werden muß. Ohne Vertrauen der handelnden Personen ist das nur schwer zu bewerkstelligen. Doch die Zeiten scheinen vorbei, da die für das Gemeinwohl Verantwortlichen sich so begegnen, wie unser Land es braucht und auch verdient hätte. Gewerkschaftsführer vom Schlage eines Georg Leber oder Arbeitgeberpräsidenten wie Otto A. Friedrich sind in der heutigen Landschaft kaum mehr auszumachen. Natürlich kannte Georg Leber die Geburtstage seiner Kontrahenten auswendig und auch die ihrer Ehefrauen; in kritischer Situation stand ihm immer die Möglichkeit zu Gebote, sich mit dem Gegenüber in das vertrauensvolle Zweiergespräch zurückzuziehen. Wer aufmerksam beobachtet, wie heutige Spitzenvertreter, ob BDI-Rogowski oder Gewerkschafts-Bsirske, die Konfrontation statt die Kooperation pflegen, der weiß, welche Einbußen die Vertrauenskultur in unserem Land mittlerweile erlitten hat. Schwer vorstellbar jedenfalls, daß der amerikanische Präsident heute eine Einladung von der Verdi-Gewerkschaft annähme, wie seinerzeit John F. Kennedy, der 1963 in der Berliner Kongresshalle ein Bad im Sympathie-Meer der Bauarbeitergewerkschaft von Georg Leber auskostete.

Walther Stützle, Jahrgang 1942, gehört zu den wenigen deutschen Persönlichkeiten, die zwischen Journalismus, Wissenschaft und Politik wechselten. Der ehemalige Mitarbeiter der Minister Schmidt, Leber und Apel war Chef des Planungsstabes im Bundesministerium für Verteidigung, Direktor des Stockholmer SIPRI-Friedensforschungsinstituts, Chefredakteur des Berliner "Tagesspiegel" und schließlich von 1998 bis 2002 Staatssekretär im Bundesministerium der Verteidigung.

-> Politisches Feuilleton
-> weitere Beiträge