Politisches Feuilleton
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1.11.2004
Damals in der DDR
Was sagt uns die "Generation Trabant"?
Von Bernd Wagner

Ostalgie - Treffen eines Trabant-Clubs (Bild: AP)
Ostalgie - Treffen eines Trabant-Clubs (Bild: AP)
Will irgendjemand die DDR zurückhaben? Nun gut, die wenigsten hätten etwas gegen niedrigere Brotpreise und Mieten, aber außer ein paar Geistesgestörten will niemand mehr die Mauer mit ihren Minen und Selbstschussanlagen oder aus dem Tränenpalast wieder den Ort machen, an dem Tränen geweint wurden und nicht gelacht wurde über die Witze eines Kabarettisten.

Aber lassen wir uns nicht täuschen: Die DDR muss gar nicht zurückkommen, weil sie in uns lebt wie die Bundesrepublik Adenauers und Brandts, das Dritte Reich, die Weimarer Republik und das Heilige Römische Reich deutscher Nation mit all seinen Fürstentümern. Da ist nichts zu machen, das alles kreist in unserem Blut, durch unsere Gehirnzellen, Nervenbahnen und zwei Dutzend Fernsehkanäle. Die Frage ist also nicht, ob, sondern auf welche Weise die DDR überlebt. Und da muss ich feststellen, dass mir dieses untergegangene Land desto fremder wird je mehr ich darüber erfahre.

Beispielsweise ist mir in meinem siebenunddreißigjährigen DDR-Leben niemals eine Frau namens Helga Hahnemann begegnet. Dabei muss sie einmal gelebt haben, da sie doch gestorben ist und ihr Gespenst in jeder zweiten Woche an einem Gernsehabend über die Mattscheibe flimmert, da nach ihr sogar der Fernsehpreis "Die goldene Henne" benannt wurde, den man unter anderem Bärbel Bohley überreicht hat, die ich zwar kannte, aber von ihr nicht wusste, dass sie eine Unterhaltungskünstlerin war.

Ich habe also sehr viel zu lernen und bin dazu durchaus bereit. Unter anderem interessiert mich das letzte Jahrfünft dieses Landes, das ich selbst nicht mehr erlebt habe, und dabei besonders der Blick, den die damals kindlichen oder jugendlichen Beobachter nachträglich darauf werfen. Wenn man nach der bemerkenswerten Zahl der von der "Generation Trabant" veröffentlichten Bücher geht, haben sie dazu viel zu sagen. Was ist es? Aus einem Zeitungsgespräch mit einigen dieser Autoren erfahre ich vor allem, dass sie zu jung waren, um sich der DDR gegenüber zu "positionieren", dass sie ihr gegenüber "sozusagen neutral" waren und dass sie eine glückliche Kindheit in ihr erlebt haben, die sich kaum von der ihrer Altersgenossen in der Bundesrepublik unterschied.

Das wundert mich doch etwas, aber dann entdecke ich unter ihnen die Kinder und Enkel von prominenten Berufskollegen, und mir wird einiges klarer. Schon möglich, dass es in den Familien Wolf und Hein auch Nutella zum Frühstück gab, gemeinsam die "Sesamstraße" gesehen wurde und "Die unendliche Geschichte" in den Bücherregalen stand. Am wenigsten kann ich mir das im Haus des alten und neuen PDS-Vorsitzenden Bisky vorstellen, weshalb ich stellvertretend zum Buch seines ältesten Sohnes greife, denn ein bisschen "anders" sollte doch sein, was man mir mitteilt.

Und es ist tatsächlich um einiges anders, als ich es kenne. Statt eines Posters von den "Beatles" hing in seinem Zimmer Che Guevara an der Wand und darunter ein kubanisches Halstuch, das der Junge in der Pionierrepublik "Wilhelm Pieck" eingetauscht hatte; er hörte DT 64 und nicht Radio Luxemburg oder den RIAS; seine Mutter, die als Schriftstellerverbandsangestellte für junge Autoren wie mich zuständig war, hat sich bis heute nicht verziehen, dass sie dabei für die Stasi spitzelte, so wie der Sohn seine Mitgliedschaft in der SED und die vierjährige Ausbildung zum NVA-Offizier im nachhinein als Fehlentscheidungen betrachtet.

Habe ich in einem anderen Land gelebt? Die Leute, die ich kannte, wurden Spatensoldaten oder haben ihre anderthalb Jahre Grundwehrdienst abgerissen, ständig von der Versuchung gepeinigt, sich in den Fuß zu schießen; sie waren nie in der Pionierrepublik, dafür in Nervenheilanstalten und mitunter im Gefängnis; sie haben sich an der Mauer die Köpfe blutig gestoßen, bevor sie sie per Flucht oder Ausreiseantrag hinter sich ließen oder sich in ihrem Schatten verkrochen, aus dem sie erst wieder auftauchten, als sie zu wanken begann.

Anders der junge Bisky. Nach der Armeezeit hatte er die Beziehungen, bei seinem geliebten DT 64 unterzukommen, und das Glück, sogleich über etwas Lohnenswertes, nämlich den Zusammenbruch des von ihm niemals in Frage gestellten Staates, berichten zu können. Man nimmt ihm durchaus ab, dass er ihn nicht zurückhaben will. Sympathischerweise bezeichnet er sich selbst als "Wendegewinnler", der "zur richtigen Zeit am richtigen Ort" war, nun Journalistik und Literaturgeschichte studierte, promovierte, für Zeitungen schrieb und seine Schriftstellerkarriere mit der Veröffentlichung von Erinnerungen begann.

Aber was sagen die uns? Dass man ganz gut durch dieses Leben ohne Schmerzen kommen kann und trotzdem zur Erkenntnis, dass es die DDR besser nicht gegeben hätte? Sind solche Erkenntnisse wert, in unser Gedächtnis einzugehen, oder wären es nicht eher die derjenigen, die "zur falschen Zeit am falschen Ort" waren und es womöglich noch sind und deshalb aufschlussreichere Erfahrungen mitzuteilen haben? - Schweigen sie oder wollen wir sie einfach nicht hören?

Bernd Wagner, 1948 im sächsischen Wurzen geboren, war Lehrer in der DDR und bekam durch seine schriftstellerische Arbeit Kontakt zur Literaturszene in Ost-Berlin. 1976 erschien sein erster Band mit Erzählungen, wenig später schied er aus dem Lehrerberuf. Von Wagner, der sich dem Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns anschloss, erschienen neben einem Gedichtband mehrere Prosabände und Kinderbücher. Als die Veröffentlichung kritischer Texte in der DDR immer schwieriger wurde, gründete Wagner gemeinsam mit anderen die Zeitschrift "Mikado". Wegen zunehmender Repression der Staatsorgane siedelte er 1985 nach West-Berlin über. Zu seinen wichtigsten Büchern zählen "Die Wut im Koffer. Kalamazonische Reden 1-11" (1993) sowie die Romane "Paradies" (1997) und "Club Oblomow" (1999). Zuletzt erschien "Wie ich nach Chihuahua kam".
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