Politisches Feuilleton
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30.10.2004
Das Jahr des Dopings
Von Peter Frei

Peter Frei (Bild: SWR)
Peter Frei (Bild: SWR)
Die Dozentin für Flöte am Rhodes College in Memphis USA, Ruth Anne McClain, wurde kürzlich aus ihrem Lehramt gefeuert. Der Grund: Sie hatte ihren Studentinnen und Studenten zur Bekämpfung des Lampenfiebers Beta-Blocker empfohlen. Chemische Hilfen gegen die Aufregung von Musikern, so fand die New York Times heraus, sind in diesem Berufsmilieu weit verbreitet. Gewissermaßen Doping in Dur gegen Stimmung in Moll.

Das passt in dieses Jahr 2004, das schon heute, gut zwei Monate vor seinem Ende, zum Jahr des Dopings erklärt werden kann. Bei den Olympischen Spielen dieses Jahres in Athen sind mehr als zwei Dutzend Dopingfälle aufgedeckt worden. Die Dunkelziffer darf geraten werden. Selbst die Paralympics der Behindertensportler blieben nicht vom Doping verschont. Ja, und da ist ja auch noch die Tour de France, der alljährliche Großversuch mit Anabolika, Glykoproteinhormonen und verschiedensten neuen Stimulanzien.

Die Meldung von zwei gedopten Tournierpferden erstaunt da schon überhaupt nicht mehr.

Menschen und Tiere werden für ihren Leistungssport chemisch aufgerüstet; bei der Formel Eins werden die Motoren zu Supermotoren hoch frisiert.

Seit der Sport ganz großes Geschäft ist , seit zum Beispiel bei Olympischen Spielen der Amateurstatus als Bedingung fallen gelassen wurde, seit die Sport-Übertragungsrechte für Hunderte von Millionen Dollar oder Euro an das Fernsehen verkauft werden und Fußballclubs an die Börse gehen, spätestens da hat der Leistungssport seine Unschuld verloren. Das große Geld verführt. Vom Trikot sind die Markenlabels unserer Welt abzulesen. Selbst Trainer am Rande des Spielfelds lassen Bandenwerbung auf dem letzen freien Winkel ihres Hemdkragens zu. Mit allem wird Kasse gemacht.

In diesem Milieu müssen sich Leistungssportler behaupten. Ohne Siege kein Fernsehinteresse, keine Quote, keine Sponsoren, keine Werbeaufträge, keine hohen Siegesprämien, keine Starqualität einschließlich erhöhter Aufmerksamkeit der Boulevardpresse fürs Private.

Da wird in die Trickkiste der Biochemiker gegriffen, um im Wettbewerb noch marktfähig zu bleiben. Die Anti-Doping-Beauftragten des deutschen und internationalen Sports tun ihr Möglichstes, um genau das aufzudecken oder zu verhindern. Die Erfahrung aber lehrt, dass es bei nahezu allen Großereignissen des Leistungssports zu neuen, immer raffinierteren Einsätzen von Chemie kommt.

Die ehrenhaften Versuche, Fairness zurück zu gewinnen, sind meistens verlorene Liebesmüh. Und für die aufstrebende Sportjugend schlägt Bewunderung für ihre Idole dann schnell in Enttäuschung und Resignation um. Was ist noch echt in dieser Welt? Sportidole täuschen mit der Doping- Pille, Popidole auf der Bühne mit Playback.

Wie kommt man also aus dieser Misere heraus? Kontrollen und Sanktionen könnten drastisch verschärft werden. Wir wissen aber aus der allgemeinen Kriminalgeschichte, dass selbst schwerste Strafandrohungen nur bedingt abschrecken. All zu oft sind die Übeltäter überzeugt, sie werden nicht erwischt.

Ich fürchte im Falle des Dopings in einer nahezu total vermarkteten Sportwelt überlässt man die hoch kommerzialisierten Profisportler am besten sich selbst und ihrem Gewerbe. Sollen sie sich doch aufputschen. Die Grenzen sind durch Strafrecht, durch Jugendschutz und Betäubungsmittelgesetz aufgezeigt. Dann wissen wir, so wie in der billigen Dosensuppe chemische Geschmacksverstärker enthalten sind, gehören gewisse chemische Mittelchen zur Vermarktung des Profisports.

Vielleicht darf es dann ja auch ein wenig mehr sein als die Tasse frisches Ochsenblut, die das italienische Radrenn-Idol Fausto Coppi der Legende nach täglich trank, um zusätzliche Kraft für die Bergetappen zu gewinnen.

Die Rückkehr zum puren Amateursport jedenfalls, mit bescheidenen Übernachtungs- und Reisespesen, ist nicht mehr möglich. Also ziehen wir die Konsequenzen. Überlassen wir die Millionäre im Profisport ihrer Täuschung und Selbsttäuschung.

Wir finden uns dann mit Feststellungen ab, angelehnt an die Formel Eins, die zwischen Fahrer- und Konstrukteurswertung unterscheidet:

Sieger im Dreitausend-Meter-Hindernislauf war Hans Mustermann, Sieger in der Designerwertung der Dopingpille war die XY-Pharma-AG.

Peter Frei, Jahrgang 1934, war zunächst Redakteur bei der NRZ. 1962 ging er zum Deutschlandfunk und 1967 nach Baden-Baden zum SWF. Er war zehn Jahre lang Korrespondent in London, danach in Bonn, von 1991 an Chefredakteur des SWF und von 1993 bis 1998 sein Hörfunkdirektor.
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