Politisches Feuilleton
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3.11.2004
Auf dem Wege zur Einsicht?
68 und seine Übersetzungsprobleme
Von Alexander Schuller

Alexander Schuller (Bild: privat)
Alexander Schuller (Bild: privat)
Wer von 68 redet, redet auch - vielleicht sogar besonders - von den Eltern der 68er. Die waren ja, so geht die Mär, repressiv, prüde, faschistisch. Sie waren - vor allem - stumm. Sie wollten nicht bekennen. Sie wollten nicht zugeben, dass sie und welche Verbrechen sie begangen hatten. Sie flüchteten ins Vergessen. Von Peking über Berkeley bis Paris und Berlin stürmten die Roten Garden über ihre Eltern her und prügelten die Wahrheit aus ihnen heraus. Bei uns in Deutschland hieß das dann Vergangenheitsbewältigung.

Inzwischen hat sich einiges getan. Nun besinnt sich das Kind, kehrt nach Haus geschwind - aber nicht zu den Eltern, sondern zu den Großeltern. Der Markt wird überschwemmt mit Büchern, die die Großeltern der 68er in den Blick rücken und damit so etwas wie geschichtliches Bewusstsein ermöglichen; denn auch das war ein Merkmal der 68er, dass ihre Geschichtsbetrachtung immer eigentümlich platt, unhistorisch blieb.

Uwe Timm und Wiebke Bruns sind am entschiedensten ins öffentliche Bewusstsein eingestiegen, aber auch andere haben sich an dieser historischen Neubetrachtung beteiligt. In diesen Büchern wandelt sich der Hass der 68er auf Eltern und Vergangenheit zu einer neuen Nachdenklichkeit und gelegentlich sogar zu Scham.

Die 68er, die geradezu allmächtigen Herrscher über unseren Zeitgeist, gönnen sich Einsicht und Einkehr. Dabei wird klar, dass Geschichte immer ein Konstrukt ist - auch jene Geschichte, gegen die die 68er opponierten. Und klar wird auch, dass die 68er gegen eine Geschichte zu Felde zogen, die sie selbst erfunden hatten und dass sie sich in wilder Anmaßung weigerten, denen zuzuhören, die über eine eigene Geschichte verfügten.

Dass die Elterngeneration stumm gewesen sei und verbockt, ist die gängige Sicht, so wie die 68er tatsächlich stumm waren und verbockt, hinter ihrem Megaphon-Geschrei. Sie wollten mit ihren Eltern reden, sagten sie, aber zu ihren Bedingungen, also gar nicht.

An einer Stelle seines Aufsatzes über Luther sagt Franz Rosenzweig: "Jeder muss übersetzen. Wer spricht, übersetzt aus seiner Meinung in das von ihm erwartete Verständnis des Anderen, ...". Im heutigen Jargon würde man sagen, dass die 68er das Gegenteil versuchten: nämlich den anderen ihr Paradigma aufzuzwingen. Die anderen, die Eltern und Großeltern sollten in einer Sprache sprechen, in der sie ihre Welt nicht mehr zur Sprache bringen konnten. Da verstummten die Eltern. Wie sollten sie denn auch reden, wenn man ihnen die Sprache verschlagen, zerschlagen, geraubt hatte. Die Sprache, über die die Eltern verfügten, war verboten und damit auch alle ihre Inhalte. Geschichte wurde gelöscht. Sprache und Geschichte sind eben nicht zu trennen. Auch Kommunisten hätten das wissen müssen. Geschichte ist Konstrukt, ein Amalgam aus Empirie und Phantasie und daher immer und notwendigerweise selektiv.

Einer der seltsamsten Sätze in dieser Debatte kam von dem ehemaligen polnischen Außenminister Wladyslaw Bartoszewski, der sich "wider das selektive Bewusstsein" wandte und meinte, dass man über polnisches, nicht aber über deutsches Leid sprechen dürfe. Wer so beginnt, verknotet sich in seinem eigenen selektiven Bewusstsein. Wer so endet, verkündet ein versteinertes, ein totalitäres Geschichtsbewusstsein. Wenn Du nicht denkst, wie ich das will, wenn Du die Welt nicht so begreifst, wie ich das brauche, lösche ich Dich aus.

Unsere seelische, unsere geistige, unsere historische Existenz hängen aber davon ab, dass wir einen eigenen - inneren und äußeren - Sprachraum zur Verfügung haben. Um Menschen und menschlich sein zu können, müssen wir uns erinnern dürfen. Das ist sehr viel mehr als Meinungsfreiheit, das ist Gedankenfreiheit. Adorno empörte sich über die Bewusstseins-Industrie, dass sie den Menschen manipuliere, ihn seiner Würde beraube, den Totalitarismus mit Totalitarismus auszutreiben versuche. Adorno sah darin eine Form der geistigen Enteignung: VEB Bewusstsein.

Allerdings scheint diese Vergangenheitsbewältigung nun selbst in die Vergangenheit hinabzugleiten. Die neue Literatur sucht das Gespräch mit Eltern und Großeltern, beginnt, wie Rosenzweig es fordert, zu übersetzen. Sie beendet das Diktat und eröffnet den Dialog. Gelegentlich hört man schon wieder, hie und da, das leise, das röchelnde Atmen der Geschichte. Sophie Dannenberg - in ihrem Roman "Das bleiche Herz der Revolution" - lässt die beiden Freunde, den uralten deutschen Stukaflieger und den uralten amerikanischen Panzerführer, über das jeweils eigene und schließlich gemeinsame Leid sprechen. Keiner versucht des anderen Vergangenheit zu vergewaltigen. So verstehen sie sich.

Alexander Schuller ist Soziologe, Publizist und Professor in Berlin. Er hatte Forschungsprofessuren in den USA (Princeton, Harvard) und ist Mitherausgeber von "Paragrana" (Akademie-Verlag). In seinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen befasst er sich mit Fragen der Anthropologie und der Bildungs-, Medizin-, Geschichts- und Alltagssoziologie. Er arbeitet als Rundfunk-Autor sowie für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und gelegentlich für die "TAZ", die "Süddeutsche Zeitung", "Die Welt", "Die Zeit" und für die Zeitschriften "Merkur" und "Universitas".
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