Politisches Feuilleton
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4.11.2004
Blumen auf Stalins Grab
Zur Renaissance des Che-Guevara-Kults
Von Hans Christoph Buch

Ernesto "Che" Guevara am Flughafen Havanna 12.6.1962 (Bild: AP Archiv)
Ernesto "Che" Guevara am Flughafen Havanna 12.6.1962 (Bild: AP Archiv)
Das Altern der kubanischen Revolution, sichtbar geworden am grauen Bart und der immer irrationaleren Politik von Fidel Castro, hat dem Nachruhm Che Guevaras nichts anzuhaben vermocht. Durch seinen von der Aura des Märtyrers umgebenen, frühen Tod ist Che Guevara ins Pantheon der Revolution aufgerückt - buchstäblich wie auch im übertragenen Sinn: Seine sterblichen Überreste wurden aus Bolivien nach Kuba überführt und an der Seite seiner Kampfgefährtin und Geliebten Tamara Bunke in Santa Clara beigesetzt, wo Che seinen ersten und einzigen militärischen Sieg errungen hatte.

Und die Dorfschule in La Higuera, wo sein von elf Kugeln durchlöcherter Leichnam aufgebahrt lag in der Pose eines vom Kreuz abgenommenen Christus - diese bolivianische Dorfschule wurde zum Wallfahrtsort, zu dem Scharen von Revolutionstouristen pilgern, während Ches Bild aus den Küchen studentischer Wohngemeinschaften in die Hütten der Indio-Bauern abgewandert ist und als glückbringender Talisman Autofahrer vor Unfällen schützen soll. Absinkendes Kulturgut nennt man das. Auf dem zur Ikone erstarrten, millionenfach reproduzierten Foto Kordas verkörpert Che ewige Jugend und revolutionären Sex Appeal.

Wer war Ernesto Guevara de la Serna, wie Che mit bürgerlichem Namen hieß, und welches geistig-politische Erbe hinterlässt er der revoltierenden Jugend, die sich heute wieder auf ihn beruft?

Die Wahrheit ist weit weniger romantisch als der Mythos, der sich um ihn gebildet hat, denn der aus Argentinien stammende Revolutionär ist auf der ganzen Linie gescheitert, als Militärstratege, Partei-Ideologe und Politiker, vor allem aber als Wirtschaftsplaner - seine Bilanz als Direktor der Zentralbank und Industrieminister war niederschmetternd und hat entscheidend zum Zerwürfnis mit Castro beigetragen:

"Es handelt sich nicht darum, wie viele Kilo Fleisch man isst, wie oft man an den Badestrand gehen oder welche importierten Luxusgüter man mit den gegenwärtigen Löhnen kaufen kann. Es handelt sich darum, dass der Mensch sich innerlich reicher fühlt, weil die glorreiche Epoche, in der er lebt, eine Epoche des Opfers ist", schrieb Che Guevara in seinem Essay "Mensch und Sozialismus auf Kuba".

Dieser jedem Materialismus Hohn sprechende Satz hat nichts mit ökonomischer Vernunft, umso mehr aber mit religiöser Askese zu tun. Er drückt kein proletarisches Klassenbewusstsein aus, sondern die Schuldgefühle eines Bürgersohns, der sich für seine Privilegien selbst bestraft. So nimmt es nicht wunder, dass Che Guevara Obstbäume und Plantagen platt walzen ließ, um Platz zu schaffen für die Monokultur des Zuckers, die Kubas Wirtschaft in den Ruin getrieben hat, dass er sich an der Erschießung von Konterrevolutionären persönlich beteiligte und Homosexuelle zur Umerziehung in Arbeitslager sperren ließ.

Sein moralischer Rigorismus schlug um in blanke Menschenverachtung, als Nikita Chruschtschow ohne Absprache mit Castro seine Atomraketen aus Kuba abzog, um ein nukleares Inferno zu verhindern. "Che empfand das Nachgeben der Sowjets als Verrat", schreibt sein Biograph Jorge Castañeda, "und bis zu einem gewissen Grade bedauerte er, dass die Krise nicht mit einem endgültigen Opfergang geendet hatte."

In einem damals formulierten Durchhalte-Appell pries Guevara das heroische "Beispiel eines Volkes, das bereit war, sich den Nuklearwaffen zu opfern, damit seine Asche zur Grundlage neuer Gesellschaftsordnungen werde" - Weltuntergangsvisionen eines von Asthmaanfällen geplagten Arztes, für den Krieg und Revolution zwei Seiten derselben Sache waren und der nach dem Motto: Nach mir die Sintflut! seine Selbstbestrafungsphantasien auf den gesamten Kosmos projizierte.

In diesen Kontext gehört auch die an Verantwortungslosigkeit kaum zu überbietende Parole "Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnam", mit der Che Guevara sich als strategischer Denker profiliert und gleichzeitig disqualifiziert hat. Dass seine Nachbeter bei der PDS und anderswo ihn heute zum Friedensengel verklären, sei nur am Rande vermerkt.

Kuba ist ein rigoroser Polizeistaat, und es passt ins Bild, dass Ches Tochter Aleida Guevara March die Verurteilung von 75 gewaltlosen Dissidenten zu drakonischen Strafen gerechtfertigt hat mit dem Argument, die Söldner des Imperialismus hätten es nicht besser verdient, ihre Inhaftierung entspreche Recht und Gesetz.

Aleida March hat recht: Es gibt keine Meinungs- und Versammlungsfreiheit in Kuba, ganz zu schweigen von Menschen- und Bürgerrechten, und nicht von ungefähr hat Che Guevara bei seinem ersten Besuch in Moskau, gegen den Willen der sowjetischen Gastgeber, an Stalins Grab Blumen niedergelegt.

Hans Christoph Buch, 1944 in Wetzlar geboren, wuchs in Wiesbaden und Marseille auf und las im Jahr seines Abiturs (1963) bereits vor der Gruppe 47. Mit 22 Jahren veröffentlichte er seine Geschichtensammlung "Unerhörte Begebenheiten". Ende der 60er Jahre verschaffte er sich Gehör als Herausgeber theoretischer Schriften, von Dokumentationen und Anthologien. Auch mit seinen Essays versuchte er, politisches und ästhetisches Engagement miteinander zu versöhnen. Erst 1984 erschien sein lang erwartetes Romandebüt: "Die Hochzeit von Port au Prince". Aus seinen Veröffentlichungen: "In Kafkas Schloß" ' Wie Karl May Adolf Hitler traf" ' Blut im Schuh". 2004 erschien "Tanzende Schatten".

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