Politisches Feuilleton
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5.11.2004
Journalismus und Gesinnung
Ein Feuilleton von Klaus Bölling
Von Klaus Bölling

Klaus Bölling (Bild: privat)
Klaus Bölling (Bild: privat)
In einem vor bald hundert Jahren aufgeführten Lustspiel, betitelt "Die Journalisten", hat der zu seiner Zeit sehr erfolgreiche Schriftsteller Gustav Freytag jenen Typus des Zeitungsmenschen karikiert, der mal links und mal rechts zu schreiben fähig und willig ist. Freytag, für den sich in der Literaturgeschichte nur eine Fußnote findet, hat damals solche Leitartikler ins Visier genommen, die den Kanzler Otto von Bismarck mal in den Himmel hoben und etwas später, als Wilhelm der Zweite den großen Pommern auf seine Besitztümer im Sachsenwald abgeschoben hatte, ihre Aufsätze mit einem "Kaiserhoch" beendeten.

Freytags Stück ist vergilbt. Journalisten, die mal Frau Merkel als Wiedergeburt der Kaiserin Maria Theresia feiern und ihr ein andermal bescheinigen, nur wenige Wochen später übrigens, dass sie noch immer nicht ihre Partei richtig zu führen versteht, solche Journalisten, was Wunder, gibt es auch heute. Aus aktuellem Anlass möchte man darauf hinweisen, dass nicht alle Zahnärzte FDP wählen und auch nicht alle Journalisten Opportunisten sind, die elegant mit dem Strom schwimmen.

Es geht um Presseleute, die, anders als in totalitären Staaten, die freie Wahl haben zwischen einer an den Tatsachen orientierten und einer bloß tendenziösen Berichterstattung. Die mussten wir über lange Monate von den "eingebetteten" amerikanischen Reportern im Irak ertragen. Die große "New York Times" hat sich für die Irreführung ihrer Leser, das ist ein staunenswerter Vorgang, noch vor der Präsidentenwahl sogar entschuldigt. Den Pulitzer-Preis, den schönsten Preis für erstklassigen Journalismus in Amerika, wird sich wohl keiner der Reporter verdient haben, die tote Amerikaner und tote Iraker lange Zeit nicht wahrgenommen haben, weil sie in den USA sonst als Nestbeschmutzer beschimpft worden wären.

Wir haben für wahrheitsliebende und dann auch schreiberisch begabte Journalisten in Deutschland gleich mehrere Preise, es gibt deren fast fünfzig. Renommiert sind der "Theodor-Wolff-Preis" und der nach dem großartigen Reporter der 20er Jahre benannte "Egon-Erwin-Kisch-Preis" und seit einigen Jahren erst einen Preis für überdurchschnittlich talentierte Fernsehjournalisten, der an Hanns-Joachim Friedrichs erinnern soll. Friedrichs war ein vorzüglicher Sportreporter und Moderator der "Tagesthemen", von seinen Kollegen und vom Publikum hoch geschätzt. Dieser Preis ging neulich an eine Frau, die sich als Korrespondentin der ARD in Warschau bewährt hat.

Das Motto des Preises heißt: "Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache". Ich meine, dass dieses Motto sehr problematisch ist. Journalisten, die sich auf die Seite jener kleinen Gruppe von CDU-Politikern gestellt haben, die Helmut Kohl wegen seiner dubiosen Parteispende kritisierten, haben sich doch mit einer guten Sache gemein gemacht, nämlich für die Rechtsstaatlichkeit unserer Demokratie. Solche Journalisten, die Schröders Weigerung, deutsche Soldaten in den Irak zu schicken nicht gleich als anti-amerikanisches Wahlmanöver denunzierten, haben fraglos einer guten Sache gedient. Gegen einen völkerrechtswidrigen Krieg zu kämpfen, wenn auch nur mit dem Wort, das kann nicht schlecht sein. Eine gute Sache war die Verteidigung der Weimarer Republik gegen die Nazis. Da sollte an den Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky gedacht werden, der in der "Weltbühne" mit der Feder furchtlos gegen Hitler gekämpft hat. Auch er starb im KZ. Theodor Wolff hat sich als Chefredakteur des Berliner Tageblatts für die Republik geschlagen, auch er starb im KZ.

Die noch junge Frau, die unlängst den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis entgegen nehmen konnte, hat in ihrer Berichterstattung für Aussöhnung zwischen Deutschen und Polen argumentiert, eine gute Sache, wer möchte das bezweifeln. Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich in Form und Inhalt von den Journalisten a lá Gustav Freytag durch moralische Unbestechlichkeit und unabhängiges Urteil auszeichnet.

Klaus Bölling: Journalist, Buchautor, ehem. Diplomat und Politiker. Geboren 1928 in Potsdam, arbeitete für Presse und Fernsehen, war unter anderem NDR-Chefredakteur, Moderator des 'Weltspiegel', USA-Korrespondent und Intendant von Radio Bremen. 1974 wurde er unter Helmut Schmidt zum Chef des Bundespresseamts berufen, 1981 übernahm er die Leitung der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin. Zu seinen Buchveröffentlichungen zählen 'Die letzten 30 Tage des Kanzlers Helmut Schmidt', 'Die fernen Nachbarn - Erfahrungen in der DDR' und 'Bonn von außen betrachtet'.

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