Politisches Feuilleton
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8.11.2004
Die Demokratiemaschine
Architektursymbolische Bemerkungen zum Berliner Regierungsviertel
Von Reinhard Knodt

Die neue Bundestagsbibliothek im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus (Bild: AP)
Die neue Bundestagsbibliothek im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus (Bild: AP)
Das "Paul-Löbe-Haus" und das "Marie-Elisabeth-Lüders-Haus" diesseits und jenseits der Spree neben dem Reichstag sind gewissermaßen das symbolträchtige Zentrum der parlamentarischen Arbeit. Auch architektonisch erscheinen sie gelungen. Man hat den Eindruck von Freiheit und Weite eines Baues, der fantasievoll und kühn anmutet und der auch nichts störend Kolossales hat. "Doch!", dachte ich zunächst, "Deutschland hat da eine Art neue Sprache der politischen Architektur gefunden, etwas Leichtes, Demokratisches, Transparentes ... ."

Bei näherem Betrachten kamen mir dann aber auch andere Assoziationen. Durch die transparente Glashaut des Gebäudes wirkte zum Beispiel die Bibliotheksrotunde des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses eines Abends fast wie eine Art Kolben - der Zylinder eines riesigen Motors, der jetzt zwar unbeweglich stand, der sich aber vielleicht bewegen könnte. Ich bin mir nicht sicher, ob es dies ist, was die Architekten meinen, wenn sie heute architekturpolitisch korrekt immer wieder auf die "Transparenz" der neuen Berliner Regierungsgebäude hinweisen. Ich jedenfalls war hier durch die äußere Gestalt der Bibliothek des Bundestages darüber belehrt, wie ich dieses Gebäude, einschließlich des Löbe-Hauses neben all seiner politisch gewollten Symbolik vielleicht auch noch betrachten sollte.

Das Löbe-Haus wäre dann vielleicht eine Art Achtzylindermotor der Demokratie, schön regelmäßig die Rotunden ... Gewiss, es sind politische Foren des demokratischen Geschäfts, aufeinandergetürmte Tagungssäle für Ausschusstreffen, Besprechungen und die Restauration. Das Ganze aber, vor allem auch auf einigen Luftaufnahmen gut nachvollziehbar, mutet dann eben doch an, wie ein Motorblock, und es wundert eigentlich, warum den Architekten diese naheliegende Assoziation nicht einfiel, das heißt, es wundert natürlich nicht.

Die Architekten reden nicht gern von Zylindern, Kolben und einem Motor. Sie reden von der "Kammstruktur" der beiden Bauten und von der "Transparenz", dem eingefangenen Tageslicht und dem Energiekonzept. Sie würden die Assoziation ablehnen, dass die Rotunden sich drehen und die Zylinder stampfen, wie in einem Motor, der gespeist wird durch ständig disputierende Menschen, Verhandlungs-, Beratungs- und Gesprächsgeschäftigkeit, bis alles sich fügt im lärmenden Gleichtakt der Abstimmungs- und Anhörungs- und Tagungsmaschinerie, die den Einzelnen verschlingt und die Meinung ganzer Volksgruppen zu Fußnoten in Gesetzeswerken verarbeitet. Man imaginiert die Demokratiemaschine, betrieben mit dem eigenartigsten Treibstoff der Welt, Menschenfleisch nämlich. Pardon, Politikern, Lobbyisten, Sekretärinnen, Geschäftsleuten und Prominenz.

Hegels Demos am Werk also, denn, wie wir wissen, geht es in der guten Demokratie ja nicht darum, dass das einfache Volk bestimmt, sondern darum, dass es berät, wählt, und Institutionen erzeugt. Dass der Parlamentarismus die Idee der Demokratie überwuchert, dass das In-sich-Rotieren der parlamentarischen Maschine jede Form von Vernunft konterkariert und dass hier gar nichts mehr "transparent" ist, ja dass jedes Reden von Transparenz sich als ideologisch herausstellt, dürfte ein Problem sein, welches seit John Stuart Mills berühmter Gleichsetzung von Demokratie und parlamentarischem Vollzug besteht. Auf den 60 Quadratkilometern dieser beiden Häuser wird es ad oculis demonstriert und in der äußeren Form des Baus ist es intuitiv erfahrbar. Es zeigt, was aus Demokratie werden kann, wenn sich der Parlamentarismus als Motor derselben versteht.

Das Volk? Habermas hat in den 80er Jahren einmal davon geredet, dass nicht die Ergebnisse, sondern die legalen Prozeduren des Diskurses das Entscheidende für eine funktionierende Demokratie seien. Wenn er Recht gehabt hätte, dann wäre die Doppelmaschine aus Elisabeth-Lüders-Haus und Paul-Löbe-Haus tatsächlich eine Garantie für Demokratie. Fast fürchtet man, dass manche dies nach wie vor für möglich halten. Das Volk verselbstständigt sich derweil oder wandert in primitivere politische Sphären. Und wie groß die Chance einzelner Vernünftiger auf den 60 Quadratkilometern Demokratiemaschine ist, weiß keiner.

Ansonsten sind die Gebäude sehr schön. Die Erinnerung an den Gründervater Paul Löbe und an die Gestapohaft der Marie Elisabeth Lüders hat etwas Ehrwürdiges, und der Entwurf ist freizügig, kühn. Und natürlich ist alles sehr "transparent" - fragt sich allerdings, ob in dem Sinn, den die offiziellen Verlautbarungen betonen ...

Reinhard Knodt: Schriftsteller, Funkautor, Publizist. Geboren 1951 in Dinkelsbühl, Musikausbildung, Studium der Philosophie (Gadamer, Kaulbach, Riedel) in Heidelberg, Erlangen und Trinity College Dublin; viele Universitätsengagements in Europa und den USA (Collège International Paris, New School New York, Penn-State-University, KH Kassel, HDK Berlin u.a.). Herausgeber der Nürnberger Blätter, Rundfunkautor, freischaffend seit 1992. Begründung der Nürnberger Autorengespräche zusammen mit Peter Horst Neumann. Reinhard Knodt, der mehrere Preise erhielt, verfaßte Essays, Kritiken (Architektur, bildende Kunst) und Vorträge sowie über 50 Hörspiele, Hörbilder und Stundensendungen und Aufsätze, Kurzgeschichten, Essays und Kritiken in: Lettre International, Frankfurter Hefte, Universitas, FAZ, Süddt. Zeitung u.v.a.). Eine Sammlung ausgewählter Essays erschien bei Reclam in der Reihe "Deutsche Gegenwartsphilosophie"; ein philosophischer Essay über Nietzsche bei Bouvier, Bonn 1987.


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