Politisches Feuilleton
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6.11.2004
Der Islam im Westen
Von Mariam Lau

Fast genau ein Jahr ist es her, dass Paul Wolfowitz, stellvertretender amerikanischer Außenminister und einer der Hauptstrategen des Projekts "Demokratisierung des Nahen Ostens" auf Inspektionstour durch den Irak reiste. Am Abend wurde sein Hotel von einer Salve Raketenschüsse getroffen, abgefeuert aus einem Eselkarren. Wolfowitz blieb unverletzt, aber man kann sich kaum ein sprechenderes Symbol für das Versagen der Strategie vorstellen, die der Weltgemeinschaft inzwischen unter der Parole "Krieg gegen den Terror" bekannt geworden ist.

Gegen diese Strategie ist viel polemisiert worden, nicht zuletzt von Leuten, die auch den grausamsten Anschlag noch als Freiheitskampf zu entschuldigen bereit sind. Nun sind aber zwei Neuerscheinungen französischer Autoren auf dem Markt, die von dieser Haltung weit entfernt sind und trotzdem kaum ein gutes Haar an der Strategie lassen können. Beide machen eines deutlich: Der Kampf um die Demokratisierung islamischer Gesellschaften wird durch die Einwanderer-Gemeinden im Westen entschieden; hier, in Europa, kann er gewonnen oder verloren werden. Der Nahost-Experte Gilles Kepel, dessen Buch unter dem Titel "Die neuen Kreuzzüge" auch bereits auf Deutsch erschienen ist, ruft zunächst in Erinnerung, was die Heiligen Krieger überhaupt wollen. Ihr Triumph über die Rote Armee in Afghanistan 1989 gab den Jihadisten große Hoffnungen: Damals hatte man, mit ein wenig amerikanischer Hilfe, eine Supermacht in die Knie gezwungen, da sollte es doch möglich sein, die verhassten Regimes der Heimatländer zu stürzen.

"Aber weder in Ägypten noch in Bosnien, Saudi-Arabien oder Algerien, nirgendwo in der muslimischen Welt", so schreibt Kepel, "war es gelungen, die Massen zu mobilisieren, sie zum Sturz ihrer korrupten Herrscher, des 'unmittelbaren Feindes' zu bewegen. Um diesen Abstiegskurs zu unterbrechen, war eine ganz neue Strategie nötig: Schon die Kühnheit und Größe des massiven Anschlags gegen die Vereinigten Staaten war dazu gedacht, unentschiedene Muslime davon zu überzeugen, dass die militanten Islamisten unbesiegbar waren, während die USA, der arrogante Beschützer der ungläubigen Regierungen des Nahen Ostens, Schwäche zeigten. Nie vergaßen die Militanten über den Terror gegen den Westen ihr eigentliches Ziel: der Kampf um die Herzen und Gemüter der Muslime." Der Irrtum bestand für Gilles Kepel darin, dass man den Konflikt noch immer in Begriffen des Kalten Krieges beschrieb, bei dem man auch glaubte, dass man nur ein Zentrum - damals Moskau, heute Bagdad - ausschalten müsse und der Terror sei besiegt.

Für den anderen Autor, Olivier Roy, liegt der Fehler in einer grandiosen Überschätzung der Bedeutung des Islam - nicht nur für die Terroristen im engeren Sinne, sondern auch für die Islamisten in aller Welt, für die Jugendlichen in den Pariser Vorstädten oder die anatolischen Arbeiter in den Moscheen Berlins. Der Fundamentalismus, dem wir heute begegnen, sei eine "westliche" Religion, entstanden aus der Notwendigkeit, sich außerhalb des Ursprungslandes neu zu erfinden. Wenn beispielsweise von in Paris lebenden Muslimen behauptet wird, die Scharia sei eine bessere Verteidigung der Rechte der Frau, dann werden hier Anleihen bei westlichen Werten gemacht, die sich in den kanonischen Texten wohl kaum finden lassen. Man spricht von "muslimischer Identität", benutzt die Sprache des Multikulturalismus, verlangt Minderheitenrechte, was traditionellen Gläubigen wohl kaum in den Sinn kommen würde, wird konservativ gläubig, ohne auf die zuständigen Institutionen zurückzugreifen. Der Islam hat kein festes Territorium mehr; wo immer Islamisten die Macht übernommen haben, führt die Politisierung der Religion langfristig zur Verweltlichung. "Die Globalisierung des Islam", so der Titel des Buches, macht eine Strategie des "Krieges gegen den Terror", bei dem man einzelne Schurkenstaaten bestraft, zu völligem Nonsens. Natürlich ist der Terror ein Sicherheitsproblem, aber das kann man effektiver mit geheimdienstlichen und polizeilichen Mitteln bekämpfen als mit Militärkampagnen. "Statt eines Landes des Islam, oder einer Gemeinschaft der Muslime", so Roy, "hat man es einfach mit einer Religion zu tun, die sich unter Schmerzen von den Gespenstern ihrer Vergangenheit trennt; was es gibt, sind Muslime, die neue Identitäten verhandeln, manchmal gewaltsam, meistens friedlich." Der Aufstieg junger, gebildeter Muslime, die voll in Europas politische Prozesse eingebunden sind, öffnet für beide Autoren den Weg in ein neues Andalusien des friedlichen Zusammenlebens.


Mariam Lau, Publizistin, geboren 1962, studierte in Bloomington/Indiana Kulturwissenschaften mit den Schwerpunkten Film und Literatur. Als Kulturredakteurin bei der Tageszeitung (taz) setzte sie sich insbesondere mit der deutschen 'Gedenkkultur' auseinander. Sie arbeitete dann als freie Journalistin und als Kolumnistin für die 'Welt'. Dort leitet sie jetzt die 'Forum'-Seiten.
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