Politisches Feuilleton
Politisches Feuilleton
Montag bis Samstag • 7:20
9.11.2004
Amerika hat gewählt
Was nun?
Von Werner Sonne

Werner Sonne (Bild: WDR)
Werner Sonne (Bild: WDR)
Genau eine Woche nach den Wahlen, und nun heißt es Farbe bekennen. Sind wir nun für George Bush oder gegen ihn? Und wichtiger noch: Können wir uns mit diesem Amerika arrangieren oder nicht?

Für die Polit-Profis in Berlin ist das einfach. Sie haben sich schnell und erwartbar entschieden. Natürlich werden sie mit der Bush-Regierung zusammenarbeiten, und ebenso selbstverständlich hoffen sie darauf, dass auch im Weissen Haus die Profis genauso handeln werden. Die ersten Signale aus Washington scheinen ihnen dabei Recht zu geben.

Was aber ist mit uns? Wir, die klare Mehrheit der Bürger in diesem Lande, wir sind tief enttäuscht. Denn wir müssen uns, ob wir es wollen oder nicht, mit einem neuen Amerika-Bild vertraut machen - eines, das so ganz anders ist als das idealisierte Image unserer Jugend.

Das gilt vor allem für jene unter uns, die jenseits der 50 sind. Wir, die Nachkriegskinder, sind aufgewachsen mit einer bunten Mischung von Eindrücken, in denen es von Klischees nur so wimmelte: John Wayne und Elvis Presley, Blue jeans und Rockn´Roll, Kaugummi und Petty Coats, aber auch Luftbrücke und Care-Pakete, Kennedy und Kuba-Krise.

Ein Amerika-Bild also, das sich etwa so zusammenfassen lässt: Ein Land, kulturell aufgeschlossen, ein wenig wild, generös, hilfsbereit, und vor allem stark und verlässlich, unser Beschützer im Kalten Krieg. Amerika, das stand für Toleranz und Offenheit, für Fortschritt, und es stand für das Wichtigste: für Freiheit.

Natürlich stimmte dieses bedingungslos positive Bild auch schon damals nicht uneingeschränkt. Nicht ohne Grund gab es Rassenunruhen in den USA, der Vietnam-Krieg zerriss die Nation und auch viele bei uns, der Watergate-Skandal kratzte heftig am Saubermann-Image der amerikanischen Demokratie, die atomare Hochrüstung löste hierzulande bis dahin beispiellose Protestdemonstrationen aus.

Dennoch: wir fühlten uns in unserer grundsätzlich positiven Einstellung zu den USA bestätigt, als die Amerikaner nach der Maueröffnung heute vor genau 15 Jahren ohne Wenn und Aber auf unserer Seite standen und im ansonsten zögerlichen Westen die deutsche Einheit durchsetzten. Das verdanken wir im übrigen dem Vater des jetzigen, von uns mit so grosser Skepsis betrachteten George W. Bush. Und unter dem Deutschland-Freund Bill Clinton erlebten wir noch einmal acht Jahre deutsch-amerikanische Kuschelzeit.

Und nun? Nun scheint alles anders. Die erste, so knappe und umstrittene Wahl von George Bush erschien uns noch beinahe als Betriebsunfall, doch das erwies sich als klarer Irrtum, oder schlimmer: als Wishful thinking, wie die Amerikaner das nennen, als purer Wunschtraum.

Amerika hat gewählt, und diese Wahl ist eindeutig. Nicht nur im Weissen Haus, auch im Kongress haben die Republikaner ihre Mehrheit ausbauen können. Diese Mehrheit der Amerikaner hat sich für die konservative Agenda von George Bush entschieden, sie haben sich eindeutig zu seinen Werten bekannt. Darum ging es ihnen besonders: um Werte.

Nun also werden wir uns damit auseinandersetzen müssen. Die meisten unter uns verbinden das mit Befürchtungen, mindestens aber mit Skepsis. Das Problem ist, dass wir fest davon überzeugt sind, dass diese Werte nicht mehr unsere Werte sind. Die viel zitierte Wertegemeinschaft, die Basis für unser Verhältnis, scheint zerbrochen. Wir glauben, dass nun die religiösen Eiferer, die christlichen Fundamentalisten sich noch stärker durchsetzen werden, wir sorgen uns um ein Ende von Weltoffenheit und Toleranz. Amerika hatte, im Guten wie im Schlechten, immer ein starkes Sendungsbewusstsein. George W. Bush hat schon in seiner ersten Amtszeit daraus den Kampf gegen die Achse des Bösen zu machen versucht, die Niederringung von Schurkenstaaten wie Irak, Iran und Nordkorea. Zumindest im Falle des Irak ist das Ergebnis bekannt, die Welt wurde keineswegs sicherer. Die Angst ist gross, dass dieser vom Wähler gestärkte Präsident sich nun noch stärker über alle Bedenken der Weltgemeinschaft hinweg setzt und die Konfrontation mit allen sucht, die sich irgendwie den Interessen Amerikas entgegen stellen.

Sind wir also jetzt ein für allemal gegen George Bush, ziehen wir jetzt für immer den Schlussstrich zu Amerika und den Amerikanern?

Machen wir uns nichts vor: es wird schwierig werden, dieser Versuchung nicht nachzugeben.
Aber können und wollen wir uns das wirklich leisten? Strategisch gesehen bleiben wir in dieser unsicheren Welt ein Stück weit immer auf Amerika angewiesen.

Das ist klar, auch wenn es vielen derzeit schwer fällt, dies anzunehmen.

Und dann gibt es auch noch das andere Amerika, die knappe Hälfte der Amerikaner, die George Bush nicht gewählt hat. Wollen wir die auch alle abschreiben?

Es gibt am Ende kein klares Ja oder Nein, wenn wir unser Verhältnis zu diesem Land neu definieren wollen. Wir tun gut daran, das zu akzeptieren.

George Bush und John Kerry, der Sieger und der Verlierer, sind sich zumindest in einem einig: dass jetzt die Zeit für die Heilung gekommen ist, die Zeit, die tiefen Gräben zu überwinden.

Wenn sie es ernst meinen, dann sollten auch wir uns daran ein Beispiel nehmen.


Werner Sonne, 1947 in Riedenburg geboren, arbeitete zunächst beim Kölner Stadt-Anzeiger, war dann Korrespondent für United Press International in Bonn und ging 1968 zum Westdeutschen Rundfunk. Er absolvierte Studienaufenthalte am Salzburg Seminar for American Studies sowie an der Harvard University. Unter anderem war er Hörfunk-Korrespondent in den ARD-Studios Bonn und Washington. 1981 wechselte Werner Sonne zum Fernsehen, war unter anderem ARD-Studioleiter in Warschau, Korrespondent in Bonn und Washington und im ARD-Hauptstadtstudio Berlin sowie Moderator der Sendung "Schwerpunkt" im ARD/ZDF-Informationskanal Phoenix. Derzeit arbeitet er als Berliner Korrespondent für das ARD-Morgenmagazin. Werner Sonne ist Co-Autor der Romane: "Es war einmal in Deutschland" (1998), "Allahs Rache" (1999), "Quotenspiel" (1999) und "Tödliche Ehre" (2001).
-> Politisches Feuilleton
-> weitere Beiträge