Politisches Feuilleton
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16.11.2004
Alltag in Deutschland
Oder: Es geht auch anders
Von Geert Müller-Gerbes

Geert Müller-Gerbes (Bild: rtl)
Geert Müller-Gerbes (Bild: rtl)
Sonntagsfrühstück. Eine Familie trifft sich, sitzt mit Freunden und Freundinnen zusammen, redet beim Kaffee. Irgendwo in Deutschland. Überall in Deutschland. Schnell ist man bei den Schlagzeilen der letzten Wochen und Monate. Sie erzeugen abstoßende Langeweile, Missbehagen, Unverständnis. Das Thema Gesundheitsreform legt sich wie Novembernebel auf die Gemüter und wird mit entschlossener Handbewegung weggewischt: Dummes Zeug. Konfus. Abgehoben. Nicht vermittelbar. Politikergezänk.

Nächstes Beispiel: Die Kämpfe im Nahen Osten - die täglichen Bilder in den Fernsehnachrichten, seit Monaten nicht mehr voneinander unterscheidbar, stoßen ab, erzeugen Desinteresse. Auf allen Kanälen dieselben Bilder. Dieselben Panzer. Dieselben rauchenden Trümmer.

Nächstes Beispiel: Bildungsnotstand. Und weiter geht es mit der Steuerreform. Auch die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit wird gestreift, ebenso Hartz IV und Pisa. Natürlich wird auch die heiß diskutierte Abschaffung wenigstens eines Feiertages zur Rettung der Staatsfinanzen gebührend behandelt. Dabei fallen die täglichen Schlagzeileninhalte wie Schneereste von blattlosen Ästen, verloren zwischen vertrockneten Blättern. Zerlaufene Sprechblasen von Politikern, die niemanden erreichen, nicht einmal bei einem entspannten Sonntagsfrühstück irgendwo in Deutschland.

Gelächter kommt auf. Eine verträumte Großstadt am Rhein kann seit Wochen ihre Parkautomaten nicht mehr leeren, weil die beiden einzigen städtischen Schlüssel für hunderte von Automaten abgebrochen sind. Der Schaden beträgt bis jetzt schon weit mehr als 100.000 Euro. Beim ersten Wintereinbruch fallen auf dem Flughafen Köln-Bonn dutzende von Flügen aus, weil die Enteisungsanlage nicht funktioniert, Baugenehmigungen werden nicht erteilt, weil den Beamten immer wieder irgendeine sinnlose Vorschrift den Durchblick verstellt, Arbeitslose werden nicht eingestellt, weil unsinnige Stichtage Förderungsbeträge auf Monate sperren. Jeder weiß ein Beispiel von sinnloser Zerwaltung, jeder kennt ein Stück vom Gängelband Bürokratie, mit dem der Bürger gefesselt ist.

Das Gelächter bleibt der Runde um den Frühstückstisch im Halse stecken. Überall in diesem Land. An jedem Sonntag.

Und das Deutschland des Alltags? Kann es leben ohne Sprechblasen von Politikern, die jeden Tag eine andere Sau durchs Dorf treiben? Kann es leben mit der streckenweise hochgradig unsinnigen Flut von Vorschriften, die auch jedes noch so kleine Detail abschließend regeln wollen und damit dem Missbrauch Tür und Tor öffnen, kann es leben mit den Jammerbildern von den wirklichen und scheinbaren Katastrophen, die uns tagein tagaus über den Bildschirm ins Haus flattern?

Obwohl in diesem Land das Wort Zivilcourage ein Fremdwort ist und Bürgermut allenthalben altbacken klingt, gibt es ihn. An allen Ecken und Enden.

Da gibt es Ärzte, die sich ehrenamtlich in einem Schmerzforum den Fragen von Patienten stellen, da gibt es tausende von Helfern, die in diesen Wochen Weihnachtsmärkte organisieren, da gibt es allenthalben Sammlungen für die wirklich Bedürftigen, da gibt es Menschen, die Kindern vorlesen und ihnen das Erlebnis des Zuhörens vermitteln, da gibt es Ehrenamtliche, die sich um Kranke in Krankenhäusern kümmern, solche, die in der Hospizbewegung Sterbenden die Würde bewahren helfen, Eltern, die mit anderen gemeinsam Kindern bei Schulaufgaben helfen - diese Aufzählung ließe sich beliebig und jede Sendung sprengend fortführen.

In den Zeitungen und in der Tagesschau erfahren wir darüber so gut wie gar nichts.

In sehr vielen Büros, in sehr vielen Fabrikhallen, in sehr vielen Werkstätten, in Arztpraxen und Krankenhäusern, auf Märkten, in Kaufhäusern und Universitäten wird mit Fantasie und großem Einsatz gearbeitet. Menschen sinnen darüber nach, wie sie trotz unsinniger Vorschriften zu guten Ergebnissen kommen können. Und sie haben Erfolg.

In Deutschland gibt es außerordentlich viele kleine und mittlere Betriebe, die auf höchst intelligente Weise höchst sinnvolle Produkte herstellen. Fragt man die Inhaber, ob sie jemals den Besuch eines Politikers gehabt hätten, dann erntet man höchstens ein Achselzucken.

Wer sich von den übermächtigen Apparaten der Bürokratie nicht vereinnahmen lassen will, muss der uralten chinesischen Weisheit folgen, bei sich selbst anzufangen, wenn man etwas verändern will. Das geschieht hierzulande vielfältig und mit steigender Tendenz.

Politiker taugen für derartige Überlegungen nicht. Sie sind allzumal abgehoben, leben in einer abgeschlossenen Welt der permanenten Selbstbestätigung. Wenn sie sonntags frühstücken, dann höchstens mit ihresgleichen - sprechblasenhaft, inhaltsleer, unverbindlich und nach allen Seiten offen.

Nicht nur solche Frühstücke sind überflüssig.

Geert Müller-Gerbes stammt aus Jena in Thüringen (18.9.1937 geboren) und hat Geschichte, Soziologie und Jura an der Freien Universität Berlin studiert. Seit 1958 ist er journalistisch tätig u.a. für den Berliner "Tagesspiegel", RIAS Berlin und den Sender Freies Berlin. Von 1969 bis 1974 war Müller-Gerbes Pressereferent von Bundespräsident Gustav Heinemann und anschließend Sprecher des Bundesministeriums für Jugend, Familie und Gesundheit. Müller-Gerbes moderierte u.a. bei RTL die erfolgreiche satirische TV-Verbrauchersendung "Wie Bitte?" und die "WDR-Talkshow". Er wurde mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, dem Verdienstorden des Großherzogtums Luxemburg und der Goldenen Kamera ausgezeichnet.
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