Politisches Feuilleton
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18.11.2004
Toleranz ?!
Von Susanne Gaschke

Susanne Gaschke (Bild: privat)
Susanne Gaschke (Bild: privat)
Wer in diesen Tagen über den Van-Gogh-Mord in Holland nachdenkt und sich fragt, was seine gewalttätigen Nachbeben für Deutschland bedeuten könnten, der landet unweigerlich beim Begriff "Toleranz". Ist unsere Gesellschaft, wie die holländische - auf die wir lange Zeit als Vorbild und sozialpolitische Letztbegründung rekurriert haben - zu tolerant mit Einwanderern umgegangen, und mit deren Parallelgesellschaften? Oder waren wir nicht tolerant genug, so dass gefährliche Entfremdungs- und Unterlegenheitsgefühle entstanden sind?

Die Antwort muss wohl lauten: weder das eine noch das andere. Deutschland war, unter dem freundlichen Etikett der Toleranz, viel zu lange viel zu gleichgültig. Das können wir freilich ändern, und wir müssen es auch.

Der Toleranz-Diskurs ist dabei nicht gerade hilfreich. Er gehört zu den zahlreichen doppelgesichtigen Errungenschaften der 70er Jahre. In diese Zeit fiel die Hauptaufarbeitung des "Dritten Reiches" - und von damals stammt der mit aller Wahrhaftigkeit formulierte Wunsch, Deutschland dürfe nie wieder so werden wie in jenen verhängnisvollen 12 Jahren. Eine Menge Vokabeln hätte man sich als Leitbegriffe für die notwendigen Diskussionen jener Zeit denken können - Anstand, Mitgefühl, Moral, Mut, Respekt, Achtung vor der Würde des Menschen. Dass ausgerechnet "Toleranz" übrig geblieben ist, wirkt insofern kurios, als Toleranz ja ein zu duldendes Verhalten, ein Fehlverhalten der einen Seite impliziert - obwohl doch wohl klar sein müsste, dass der Holocaust nicht das Ergebnis fehlender "Toleranz" war, sondern die Konsequenz aus kollektivem Wahnsinn, systematisch angestacheltem Hass und planvoller Entmenschlichung.

Wie auch immer, "Toleranz" wurde zur Überschrift für das gute künftige Zusammenleben - und wer sich "intolerant" benahm, musste stets ein wenig fürchten, dass man ihn gleich für zu allem fähig erklären würde. Das Ergebnis war eine political correctness, die verschiedene so genannte Minderheiten mit ganz unterschiedlichen Problemen und Interessen (zum Teil mittels strenger Sprachregelungen) schützen sollte: Schwule und Lesben, Frauen und Alte, Behinderte und Ausländer.

Die political correctness hat in Deutschland niemals irgendwelche Diskussionen komplett blockiert, wie es in Amerika zeitweise in manchen Fragen der Fall gewesen zu sein scheint. Aber es macht bis heute keinen großen Spaß, auf der vermeintlich intoleranten, sprich: moralisch weniger wertvollen Seite zu stehen. Dieser Umstand hat lange verhindert, dass diejenigen, die Beunruhigendes aus den Parallelgesellschaften der Einwanderer zu berichten hatten - Ghettobildung, Bandenregime, Frauenverachtung, politische und religiöse Radikalisierung, Ablehnung von Demokratie und Rechtsstaat, totales Desinteresse an deutscher Sprache und Kultur - die Stimme erhoben.

Seit ein paar Jahren hat sich das geändert, doch was aus den verstörenden Befunden folgt - wer zum Beispiel verbindlich dafür verantwortlich ist, dass Einwandererkinder richtiges Deutsch lernen - ist bis heute höchst unklar. Die Bevölkerung hat auf den lebensfremden Toleranz-Diskurs entweder mit Resignation reagiert, mit individuellen Strategien wie Umzug in andere Stadtviertel - oder mit dem traditionellen Muster des Rechtsextremismus, der sich gerade wieder breit macht, mit einiger Erfolgswahrscheinlichkeit vermutlich sogar bei der Bundestagswahl 2006.

Die Einhegung des Rechtsextremismus ist in unserem Land gut eingeübt, und vielleicht kann sie auch heute noch einmal gelingen. Doch über die vorhersehbare und primitive Protestform des Neonazitums hinaus gibt es ein größeres, ein waberndes, unsichtbares Unbehagen, das es möglichst schnell zu erspüren und einzuschätzen gilt. Die Deutschen mögen langsam ahnen, dass ihr bequemer Laisser-faire-Liberalismus und ihr Desinteresse sie nicht besonders stark machen für den Fall, dass ihnen ein entschlossener, ein fanatischer Gegner gegenübertritt.

In Amerika ist die massenhafte Reaktion auf derartige Bedrohungsgefühle die Ausbreitung und Mehrheitsfähigkeit eines regressiven religiösen Fundamentalismus, dessen Strukturen und dessen politisch-religiöse Agenda freilich immer schon bereit standen. Und: Die Amerikaner, ob religiös oder nicht, wissen, wer sie sind, und wer sie sein wollen.

In Deutschland bietet die kirchliche, ja selbst die Esoterik-Landschaft keinen wirklichen Halt oder Anknüpfungspunkt für einen Fundamentalismus der Selbstdefinition. Und: Wir wissen nach wie vor nur, wer wir nicht sein wollen. All das macht uns schwach. Schwach gegen den Rechtsextremismus mit seinen dummen und gefährlichen Lehren - der nicht zu tolerieren ist.

Schwach gegen die antidemokratische Verdrossenheit in unserer eigenen Gesellschaft - die nicht zu tolerieren ist.

Schwach gegen Anomie und Gewalt in unseren Stadtvierteln - die nicht zu tolerieren sind.

Schwach gegen den internationalen islamistischen Terrorismus, der und dessen Helfershelfer nicht zu tolerieren sind.

Möglicherweise ist es an der Zeit, wenigstens vorübergehend mehr über Anstand, Mitgefühl, Moral, Mut, Respekt und Achtung vor der Würde des Menschen zu sprechen als über Toleranz.

Dr. Susanne Gaschke ist Reporterin und Leitartiklerin bei der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit". Sie hatte zuvor für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" geschrieben. Vor Ihrer Tätigkeit für die "FAZ" hatte Susanne Gaschke bereits im Ressort Politik bei der "Zeit" gearbeitet. Nach ihrer Promotion über die "Ästhetischen Wirkungsbedingungen von Kinderliteratur" arbeitete sie zunächst als freie Journalistin, unter anderem für den Norddeutschen Rundfunk (NDR). Nach einem Volontariat bei den "Kieler Nachrichten" ging Susanne Gaschke 1997 zur "Zeit". Dort schrieb sie vor allem über Jugend- und Familienpolitik sowie über politische Generationenidentität jenseits von 1968. Starke Beachtung fand Susanne Gaschke mit ihrem Buch "Erziehungskatastrophe. Kinder brauchen starke Eltern".
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