Politisches Feuilleton
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19.11.2004
Die Rechnung ist aufgegangen
Von Joachim Güntner

Wer hätte das den Schweizern zugetraut: Sie haben die Debattenhoheit in Deutschland übernommen. Ihre Abgesandten spielen den sozialpolitischen Agent Provocateur, sie brechen geschichtspolitische Tabus, lenken die innerdeutsche Versöhnung. Und, was das Schönste an diesem Triumph ist, wir merken gar nicht, dass uns das kleine räuberische Bergvolk das Heft des Denkens entrissen hat.

Zum Beispiel in Gestalt von Josef Ackermann, dem Chef der Deutschen Bank. Ohne seine zum Siegeszeichen gespreizten Finger im Mannesmann-Prozess, als Ackermann unbeirrt und unbekümmert millionenschwere Prämienzahlungen rechtfertigte, hätte die Diskussion über Managergehälter und soziale Ausgewogenheit nie die nötige Zuspitzung erfahren. Dank Schweizer Nachhilfe haben jetzt endlich auch deutsche Arbeiter und kleine Angestellte einen präzisen Begriff von leistungsgerechter Bezahlung. Adolf Muschg wiederum, Schweizer Schriftsteller und Präsident der Berliner Akademie der Künste, moderiert auf seine Art den latenten Zwist zwischen Wessis und Ossis über die DDR-Vergangenheit: Er bewahrt einige noch nicht überprüfte Akademiemitglieder vor der Konfrontation mit ihren Stasi-Akten. Gerade weil sich an der Berliner Akademie Ossis und Wessis mühsam zusammengerauft haben, der Graben zwischen ihnen jedoch leicht wieder aufreisst, wählt die Akademie regelmässig Ausländer zu ihrem Präsidenten. Bei Muschgs Wahl hatten wohl einige gehofft, der Schriftsteller werde als typischer Schweizer auf Konsens geeicht sein und das fragile Werk der Versöhnung nicht gefährden. Für Verblüffung sorgt Muschgs Risikofreude: Kürzlich feuerte er seinen Verwaltungsdirektor fristlos und bescherte damit der Akademie die zweifelhafte Chance, den geplanten Umzug in ein neues Haus am Pariser Platz ohne organisatorische Leitung durchführen zu müssen. Auch so freilich kann man Akzente setzen.

Roger Köppels Verdienste um die deutsche Debattenkultur sind unabweisbar. Der neue, von der Schweizer "Weltwoche" gekommene Chefredakteur der Tageszeitung "Die Welt" war frisch im Amt, da attestierte Köppel den Deutschen, sie seien "eine der friedlichsten und gemütlichsten Nationen der Welt", ihre Nachkriegsgeschichte sei "die Chronik einer umfassenden Vergutmütigung". So nett hat uns das noch keiner gesagt. Wo deutsche Publizisten tastend von der "Historisierung" der NS-Vergangenheit sprechen oder, schon forscher, die "Normalisierung" des deutschen Identitätsgefühls reklamieren, setzt der Schweizer Kommentator umstandslos eins drauf.

Übertroffen beim Umbau der Mentalitäten wird Köppel von Bruno Ganz. Der Schauspieler ist zwar nirgendwo Chef, diskursstrategisch betrachtet jedoch kommt ihm zurzeit der wohl grösste Einfluss zu: Mit seiner Hauptrolle im Kassenschlager "Der Untergang" ist Ganz für ein Millionenpublikum zum Schirmherrn des deutschen Geschichtsgefühls geworden. Das Tabu über Hitler wurde gebrochen. Der Diktator und Völkermörder zeigt im Film seine menschliche Seite. Schon schwärmt der Neonazi Karl Richter, parlamentarischer Referent der in Sachsen zuletzt so erfolgreichen NPD und überdies Komparse im "Untergang", der Film transportiere ein völlig neues Hitler-Bild. Ein "Stimulus" werde in der "in historischen Dingen unbedarften jüngeren Generation" entstehen, prophezeit Richter. Welche Ausblicke. Und das alles dank einem Mimen aus Zürich. Entlastung winkt. Was könnte wirkungsvoller sein, als dass sich ausgerechnet ein Bürger der neutralen und demokratiestolzen Schweiz in den "Führer" einfühlt. Wenig fehlt, und man wird in Deutschland glauben, der Österreicher Hitler sei in Wahrheit Eidgenosse gewesen.

Die Unterwanderung deutscher Debatten durch Schweizer Strategen ist, dies lässt sich nun nicht mehr verheimlichen, von langer Hand vorbereitet. Deutschland, der große Nachbar im Norden, wurde mit Klischees gefüttert, bis wir glaubten, die Schweiz sei eine Heidi-Matterhorn-Schokoladen-Welt mit käsenden Hirten, fleißigen Uhrenbauern und Nummernkonten-Verwaltern, deren weiterreichendes Interesse sich in Alphornblasen und Fahnenwerfen erschöpft. Genial war der Schachzug, Schweizer Literatur-Talkshows mit deutschem Personal (wie Roger Willemsen) zu besetzen. Als seien eidgenössische Moderatoren unfähig, selber den maulfertigen Talkmaster zu geben. Das Bild vom alpenländischen Kulturprovinzler verbreitete sich, und je mehr es das tat, desto geringer wurde die Gefahr, die Schweizer Umtriebe in Deutschland könnten vorzeitig auffliegen. Nun, da die Eidgenossen Debattenhoheit erlangt haben, lässt sich sagen: Ihre Rechnung ist aufgegangen.


Joachim Güntner, Jahrgang 1960, studierte Philosophie und Literaturwissenschaften, bevor er in die freie Publizistik ging. Er war zunächst künstlerisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Kunsthochschule für Medien in Köln und schrieb für die Feuilletons überregionaler Zeitungen, für Zeitschriften und für den Hörfunk. Seit 1997 ist Güntner der für Deutschland zuständige Kulturkorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung.
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