Politisches Feuilleton
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20.11.2004
Stille Helden
Von Inge Deutschkron

Im Berliner Bezirk Charlottenburg hängt seit kurzem eine Tafel - es ist die erste Gedenktafel ihrer Art in der Bundesrepublik Deutschland. Sie wurde von den Hausbewohnen finanziert und erinnert an Emma und Franz Gumz, zwei Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens andere retteten, denen in Nazi-Deutschland das Lebensrecht abgesprochen worden war.

"Sie haben Mut bewiesen", stellte Staatssekretär André Schmitz als Vertreter der Stadt Berlin anlässlich der Enthüllung der Tafel fest und fügte hinzu: "etwas sehr Ungewöhnliches und Riskantes, wenn man an die Zeit denkt, in der das geschah."

Emma und Franz Gumz unterhielten im Haus Knesebeckstraße 17 eine Wäscherei mit Heißmangel. Zu ihren Kunden gehörten auch Juden. Mit wachen Augen verfolgte das Ehepaar Gumz die vielen Fälle von Diskriminierungen und versuchten wenigstens die Entbehrungen, unter denen Juden litten, zu lindern. Etwa mit Obst und Gemüse, die Juden nicht zugeteilt wurden. "Nicht wahr, Sie kommen zu uns, wenn Sie etwas brauchen", so beschwor Emma Gumz meine Mutter immer wieder, wenn wir sie besuchten. Zu den vielen Verordnungen, die die Nazis in jenen Jahren erließen, gehörte eine, nach der Juden ihre Wäsche nicht mehr waschen lassen durften. Die Gumzens nahmen davon keine Notiz. Im Oktober 1941 begannen die Deportationen der Berliner Juden. Den Gumzens entgingen sie nicht. Häufig traf ich Frau Gumz mit verweinten Augen an. Irgendeiner ihrer jüdischen Kunden hatte sich gerade vor der Deportation von ihr verabschiedet. Einen Korb mit Obst "für die Reise", wie sie sagte, hielt sie für jeden von ihnen bereit.

Vom Nachbarsjungen, der in Polen als Soldat gedient hatte, erfuhren die Gumzens die volle Wahrheit über das grausame Ende der deportierten Juden. "Frau Deutschkron", drängte Frau Gumz meine Mutter, "Sie müssen mir versprechen, dass Sie und Inge sich nicht deportieren lassen." Ihre Tränen waren beredter als eine Erklärung für ihre Bitte. Und während sie die Hände meiner Mutter fest umklammert hielt, sagte sie sehr entschieden: "Wir verstecken Sie. Mein Mann und ich haben das schon beschlossen, Sie nehmen den Judenstern ab und kommen zu uns."

Ob sich die Gumzens wohl darüber im Klaren sind, in welche Gefahr sie sich begaben? Meine Mutter zögerte lange. Schließlich nahmen wir den Vorschlag an. "Ich bin ja so stolz, dass ich Sie dazu überreden konnte", sagte die Frau, und ihre Augen leuchteten vor Freude, als wir am 15. Januar 1943 tatsächlich bei ihnen untertauchten. In einer Kammer im rückwärtigen Teil ihrer Parterrewohnung hinter dem Laden fanden wir unser erstes Versteck.

Emma und Franz Gumz und jene, die ähnlich wie sie handelten und dabei in Berlin mehr als 1400 Juden das Überleben ermöglichten, waren ganz gewöhnliche Menschen, die einfach nicht tatenlos zusehen konnten, wie andere ihrer Religion oder ihrer politischen Gesinnung wegen verfolgt wurden. Dabei dachten sie nicht an Gefahren für sich selbst, sondern nur an das Unrecht, das hilflosen Mitbürgern angetan wurde. Sie taten Großes, ohne sich dessen bewusst zu sein. In meinen Augen waren diese Menschen Helden. So wie ich es verstehe, ist ein Held ein Mensch, der vor Gefahren nicht zurückschreckt, Mut und Stärke beweist, wenn er von der Richtigkeit seines Handelns überzeugt ist. Genau dies war das Motiv des Ehepaar Gumz, als sie uns ohne viel nachzudenken halfen.

Ich bin überzeugt davon, dass es in Deutschland noch mehr Menschen gegeben hat, die den Mut hatten, so zu handeln wie das Ehepaar Gumz. Sie sind uns nur noch nicht bekannt geworden. Die Menschen, die sie retteten, sind meist nicht mehr am Leben. Sie selber waren zu Lebezeiten viel zu bescheiden, um auf ihr heldisches Handeln zu verweisen. "Wir haben doch nichts Besonderes getan", war die Antwort jener, denen mehr oder weniger aus Zufall ihre gefahrvolle Hilfeleistung nachzuweisen war. Und dennoch lohnt es sich noch immer zu fragen, zu suchen, zu forschen bei Freunden, Familien, Nachbarn, auf das noch ehr Tafeln dieser Art in Deutschland angebracht werden können, die Zeugnis dafür ablegen, dass es auch unter dem verbrecherischen Regime der Nazis noch Menschen gab, die für Menschlichkeit und das Recht auf Leben eines jeden einzelnen oberste Maxime bleib.

Auf der Gedenktafel heißt es: Sie waren stille Helden, die während des NS-Regimes allen Gefahren zum Trotz Menschen jüdischer Herkunft halfen. Einige versteckten sie, andere beschützten sie, viele verdanken ihnen ihr Leben.


Inge Deutschkron, in Finsterwalde in der Niederlausitz geboren, in Berlin aufgewachsen. Sie überlebte als Jüdin die Nazizeit, indem sie sich zusammen mit ihrer Mutter über zwei Jahre versteckte. Nach dem Krieg ging sie nach England, war dann Bonn-Korrespondentin für eine große israelische Zeitung und lebt heute in Berlin und Tel Aviv. Inge Deutschkron hat zahlreiche Bücher geschrieben, u. a. 'Ich trug den gelben Stern', '... denn ihrer war die Hölle', 'Sie bleiben im Schatten' und 'Emigranto. Vom Überleben in fremden Sprachen'. Im Jahre 1994 erhielt sie zusammen mit Heinz Knobloch den 'Moses-Mendelsohn-Preis für Toleranz'.


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