Politisches Feuilleton
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22.11.2004
Die Deutschen und die Mehrarbeit
Von Christoph von Marschall

Christoph von Marschall (Bild: privat)
Christoph von Marschall (Bild: privat)
Nein, was sind wir jetzt wieder wirtschaftsgläubig. Bis hinters Komma genau rechnen uns Experten vor, was die Streichung unseres Nationalfeiertags fürs Wachstum bringt - 0,1 Prozent, angeblich. Oder wie viel uns der Verzicht auf einen Urlaubstag wert sein müsste. Weil auch das die Konjunktur auf Trab bringt, angeblich. Nicht mal der freie Samstag soll uns heilig sein. Und überhaupt, die Wochenarbeitszeit: Die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche - das meint Lothar Späth exakt zu wissen - würde so viel bringen wie elf zusätzliche Arbeitstage. Moment mal, das wären ja, siehe oben, 1,1 Prozent mehr Wirtschaftswachstum.

Und das sollen wir jetzt glauben - als hätte Deutschland in den letzten sieben, acht Jahren nicht Anschauungsunterricht genug gehabt, dass die Ökonomie keine exakte Wissenschaft ist? Erst die Prognose-Irrtümer beim Hype der Börse, die völlig unrealistische Überschätzung von Telekommunikation und New Economy. Milliarden wurden zum Beispiel für UMTS-Lizenzen in den Sand gesetzt, für Internet-Startups und Biotech. Dann kam der Absturz. Auch dessen Dimensionen konnten die Experten immer erst im Nachhinein erklären. Zu einer halbwegs realistischen Prognose waren sie nicht fähig. Ganz zu schweigen von den Fantasieetats der Bundesregierung, die Jahr für Jahr an der Realität scheitern.

Jetzt soll das Wohl und Wehe unserer Konjunktur an den Feiertagen hängen? Wo es doch Bayern, dem Bundesland mit den meisten Feiertagen, wirtschaftlich mit am besten geht. Und Berlin mit seinen wenigen relativ schlecht. Bushs neoliberales Amerika hat übrigens mehr gesetzliche Feiertage als Deutschland.

Und: Jeder freie Tag weniger bringt exakt 0,1 Prozent Wirtschaftswachstum - als sei arbeitsfreie Zeit nicht ebenso ein Wirtschaftsfaktor? Bei den Bilanzpressekonferenzen der großen Reisekonzerne hören wir das Gegenteil: Urlaube und Reisen gehören zu den wichtigsten Konsumgütern der Deutschen. Prognosen zufolge geben die Deutschen dieses Jahr 55 Milliarden Euro für Auslandsreisen aus. Man kann auch einfach mal einen Blick in Kinos und Spaßbäder am Wochenende werfen oder in die Läden an Samstagen. Eine ganze Freizeitindustrie lebt vom Umgang der Deutschen mit ihrer freien Zeit - mal abgesehen davon, dass Muße, Erholung und Regeneration von Körper und Geist überhaupt erst wieder produktive und kreative Arbeit ermöglichen.

Zu seriösen Aussagen über die Ökonomie von Arbeitszeit, Urlaubszeit und Freizeit gehört immer auch die Gegenrechnung. Die aber kommt in den einfachen Formeln der Feiertags- und Urlaubsdiebe nicht vor. Sie reden genauso theoretisch und realitätsblind wie Gewerkschafter, die behaupten: Je geringer die Wochenarbeitszeit, desto niedriger die Arbeitslosenrate. Als sei die Gesamtarbeitszeit in Deutschland eine feste statistische Summe, die nur möglichst gerecht auf möglichst viele zu verteilen ist. Die Realität hat das längst widerlegt. Wird Arbeit zu teuer, entfallen Jobs; wird sie billiger, entstehen neue.

Auch bei der Ökonomie der Freizeit ist die Wirklichkeit immer für eine Überraschung gut. Monatelang wurden die Bürger mit Klagen überhäuft, sie konsumierten zu wenig - und schadeten damit der Konjunktur. Die lange Nacht des Shopping kürzlich in Berlin wurde zum Gegenbeispiel. Anderthalb Millionen Menschen drängten sich am Samstag und am verkaufsoffenen Sonntag in den Geschäften. Eine halbe Million davon Samstagnacht, die Umsätze lagen um 40 Prozent höher als an einem normalen Samstag. Auch Einkaufszeit ist ein Wirtschaftsfaktor. Sage keiner, es bliebe ohne Folge auf die Umsätze des Einzelhandels, wenn die meisten Bürger wieder samstags arbeiten. Auch die Summe, die alle Deutschen zusammen für Einkäufe ausgeben, ist keine unveränderbare statistische Größe. Unsere Lust am Kaufen hängt ab von den Öffnungszeiten, den Preisen und dem Geld, das wir zur Verfügung haben. Da liegt eine natürliche Grenze. Niemand kann auf Dauer mehr ausgeben, als er einnimmt. Nur Hans Eichel versucht seit Jahren, das Gegenteil zu beweisen.

Die meisten Deutschen sind bereit, ein paar Stunden mehr pro Woche zu arbeiten, auch ohne Lohnausgleich. Hauptsache, der Job wird sicherer - und der Verdienst nicht weniger. Auf einen Feier- oder Urlaubstag wollen die Menschen dagegen nicht verzichten, vom freien Samstag ganz zu schweigen.

Ja, die Deutschen werden wohl mehr arbeiten müssen; ein paar Stunden mehr pro Woche wegen der Konkurrenzfähigkeit. Und ein paar Jahre mehr im Leben für die Rente. Vor allem aber: flexibler und produktiver. Wie und wann, das ist von Branche zu Branche unterschiedlich. Und was sie sich erarbeiten, dürfen und sollen sie dann auch wieder ausgeben, möglichst viel davon in Deutschland, das bringt Wachstum. Aber bitte mit etwas Freude - und der Zuversicht, dass wir die Probleme in den Griff kriegen können. Dann brauchen wir auch niemanden mehr, der uns vorgaukelt, er könne uns die Zukunft bis hinters Komma genau weissagen.


Dr. Christoph von Marschall, 1959 in Freiburg/Breisgau geboren, studierte osteuropäische Geschichte und Politikwissenschaft in Freiburg, Mainz und im polnischen Krakau. Promoviert 1988, volontierte er anschließend bei der ‘Süddeutschen Zeitung' und war dann während des demokratischen Umbruchs Korrespondent in Ungarn. Seit 1991 ist Christoph von Marschall beim ‘Tagesspiegel' in Berlin; er betreut als Leitender Redakteur die Meinungsseite.

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