Politisches Feuilleton
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23.11.2004
Sparen und Einigeln
Von Peter Frei

Peter Frei (Bild: SWR)
Peter Frei (Bild: SWR)
Die kleinen Restaurants in meiner Nachbarschaft übertreffen sich mit ihren Angeboten, jeden Tag frisch mit Kreide auf die Tafel gemalt. Der Inder zum Beispiel: Tandoori Chicken serviert auf gusseiserner Platte mit Ballonbrot für 6,90 Euro. Der Grieche an der Ecke bietet unter Verzicht auf jeden nationalen Küchenstolz ein Schnitzel mit Champion-Sauce an, für 5,50 Euro. Sein Kampfpreis. Nur, die Gäste bleiben aus, und wenn sie kommen, bestellen sie bescheidener.

Der Hamburger Freizeitforscher Professor Horst Opaschowski meint: "Den Konsum-Dreiklang von Ausgehen, Kino, Essengehen können sich immer weniger Bürger leisten."

Und ins Bild passt auch, dass Ostdeutsche nach Erfahrungen des Leipziger Instituts für Empirische Forschung öfter auf eine Urlaubsreise verzichten, begründet mit der knappen Kassenlage.

Im Monatsbericht November der Deutschen Bundesbank spiegelt sich dieses Verhalten wider. Der Einzelhandel verliert, allen voran der Handel mit Autos. Ein Plus zum Vorjahr verzeichnet nur der Handel mit Einrichtungsgegenständen sowie mit Kosmetika und medizinisch-pharmazeutischen Produkten. Das passt zur Lage, man igelt sich zuhause ein in neuen Möbeln und versucht das Lebensgefühl mit Duftkerzen und Kosmetika zu heben. Beim Reality TV macht man die Erfahrung, dass es anderen unter Kakerlaken im Dschungel noch schlechter geht.

Ein dickes Plus verzeichnen die Statistiker beim Sparen. Soviel wie heute sei von den Deutschen noch nie seit der Wiedervereinigung auf die hohe Kante gelegt worden. Geld ist also noch da, gebunkert auf Sparkonten, natürlich nicht von allen, aber von vielen.

Das alles sind Indizien für Angst beim Gedanken an die Zukunft. Beim Konsum knapsen auch die, die in Arbeit und Brot sind. Geld wird vorsorglich gespart. Man weiß ja nicht, was noch kommt. Auch grundsätzliche, sagen wir familienpolitische Entscheidungen, sind von dieser Angst betroffen. Befragt von den Allensbacher Meinungsforschern, was in diesen Zeiten gegen ein Kind spreche, meinten 47 Prozent der befragten Frauen, eine hohe finanzielle Belastung.

Die Deutschen sind auf relativ hohem Wohlstandsniveau verunsichert. Die Dauerarbeitslosigkeit, die SOS-Signale solcher Konsumflagschiffe wie Karstadt-Quelle oder Opel , die ständigen Meldungen vom Arbeitsplatzabbau oder die Androhung der Verlagerung von Jobs ins Ausland schüren die - man möchte sagen - genetisch begründete deutsche Grundangst. Die Familienbudgets, scharf kalkuliert bis hinterm Komma mit Ratenzahlungen fürs Auto, für die Hypothek, für monatliche Sozialbeiträge und Steuern verstärken bei der kleinsten Extrabelastung das Trauma. Ja, selbst die groteske Androhung von Lohnabzügen bei Zigarettenpausen kratzt an der Selbstsicherheit. Der Übergang zu Psychosen ist fließend und oft genug sind neben wirklichen Sorgen Ängste eingebildet, auch weil die Bürger nicht vorausschauend genug auf dem Reformweg begleitet werden. Obendrein werden Ängste missbraucht, um parteitaktisch Vorteile zu erlangen oder die verkaufte Auflage von Boulevardzeitungen in die Höhe zu treiben für bessere Anzeigenpreise.

Da fällt einem doch sofort die Gesundheitsreform ein und das politische Fingerhakeln. Da schaltet man ab, igelt sich zuhause ein, sieht die Demos anderer im Fernsehen, und wer hat, der blättert im Sparbuch.

Es hilft allerdings nicht, wirkliche Sorgen mit Selbstmitleid zu überziehen. Schließen wir uns lieber den Versuchen eines neuen Aufbruchs an. Die Einsicht in die Notwendigkeit von Reformen ist da. Jetzt fehlt nur noch gesellschaftliche Solidarität als wichtigstes politisches Ferment. Nehmen wir Anteil und enthalten wir uns nicht bei Wahlen. Betrachten wir den Umgestaltungsprozess als höchstpersönliches Anliegen. Machen wir also mit, aber hinterfragen wir kritisch, warum zum Beispiel längere Arbeitszeiten der Beschäftigten die Nichtbeschäftigten wieder in Arbeit bringen sollen. Besinnen wir uns auf unsere frühere Innovationsfähigkeit, und lassen wir die reichlich vorhandenen Patente unserer Erfinder nicht in der Aktenablage der Patentämter vergilben.

Besinnen wir uns auch darauf, wie die Deutschen nach der demoralisierenden Erfahrung des mörderischen Nazikrieges wieder aus Schutt und Asche herauskrochen, solidarisch und erfindungsreich.

Und auch wenn Ossis und Wessis jeder auf seine Weise über den Zustand der Nation murren, die Wiedervereinigung ist das jüngste Beispiel einer mutigen solidarischen Anstrengung in der deutschen Geschichte. Also, reden wir uns doch unsere selbsteingeredete Angst einfach wieder aus.
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