Politisches Feuilleton
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24.11.2004
Multikulti am Ende?
Von Klaus Bresser

Klaus Bresser (Bild: AP)
Klaus Bresser (Bild: AP)
Schenken wir uns den Streit um Worte. Jahrelang ist behauptet worden, Deutschland sei kein Einwanderungsland. In Wahrheit ist und war es genau das. Und als Folge davon ist die Bundesrepublik eben auch ein multikulturelles, ein multireligiöses Land. Und wird das bleiben.

Nach dem Mord an dem niederländischen Filmemacher Theo van Gogh und den nachfolgenden Anschlägen auf Moscheen in unserem Nachbarland ist das Wortgetöse groß bei uns: Die multikulturelle Gesellschaft sei am Ende, dramatisch gescheitert, immer eine Illusion gewesen. Schnell war das Urteil gefällt und es blieb offen, ob es auf Wahrnehmungsstörung oder womöglich Wunschdenken beruhte.

In Wirklichkeit leben viele Millionen Menschen aus anderen Ländern bei uns. Menschen mit anderen Bräuchen und Religionen. Wir haben eine multikulturelle Gesellschaft, ob es dem einzelnen passt oder nicht. Die Vielfalt der Kulturen ist einfach eine Tatsache. Und es wäre ein verhängnisvoller Fehler, aus Anlass der grauenhaften Ereignisse in Holland den Versuch zu unternehmen, das multikulturelle Projekt zu beenden und zu beerdigen.

Wem wäre damit gedient? Allein den moslemischen Fanatikern und Hasspredigern, die genau das wollen: Konflikt, Spaltung, Kampf der Kulturen.
Nicht geholfen wäre der Mehrheit der kritischen, demokratisch gesinnten Moslems, die jetzt für Verständigung und Integration auf unseren Straßen demonstrieren. Nicht geholfen wäre nicht zuletzt uns Deutschen, die in der Welt den Ruf eines aufgeschlossenen, weltoffenen Volkes zu verlieren haben und deren Leben - nebenbei - bunter, reichhaltiger und leichter geworden ist, seit Türken bei uns Gaststätten und Obstgeschäfte betreiben, sich um Hausputz, Müllabfuhr und andere harte Arbeit kümmern.

Ich beschreibe keine Idylle. Nicht überall ist Harmonie. Es ist richtig, wenn Jürgen Trittin vor verniedlichender Sicht und Otto Schily vor Multikulti-Seligkeit warnen.
Gefragt ist jetzt Nüchternheit. Auf allen Seiten. Fangen wir bei uns selbst an. Was bringt es außer neuen Konflikten, wenn jetzt abermals von deutscher Leitkultur und christlicher Prägung die Rede ist, denen sich die Ausländer gefälligst unterzuordnen hätten?
Es entspricht unserer Vorstellung von Toleranz und Demokratie, dass auch Andersgläubige bei uns leben können und ihr Glaube nicht unter Generalverdacht gestellt wird.

Andererseits: Johannes Rau hat recht: Ausländer sollen nicht nur kommen dürfen, sondern auch dazugehören wollen. Gerade viele Muslime sind nicht integriert und wünschen das auch gar nicht. Sie wollen unsere Sprache nicht lernen. Das wird auf Dauer nicht hinzunehmen sein. Alle, die bei uns leben, müssen sich in die Gesellschaft eingliedern und deren Werte achten und anerkennen, sich zu unserer Rechtsordnung und den demokratischen Spielregeln bekennen.

Es dürfen keine Parallelgesellschaften, gar rechtsfreie Räume entstehen, in denen zum Hass aufgerufen, Gewalt geübt, Gesetze verletzt werden.
Der Prediger Kaplan ist zu Recht ausgewiesen worden. Es wurde Zeit. Unsere Toleranz kann nicht grenzenlos sein. Sie muss da ihr Ende finden, wo sie auf die Intoleranz anderer stößt. Wer unserer Gesellschaft seinen Willen mit Gewalt aufzuzwingen sucht, hat - man muss das deutlich sagen - keinen Platz in unserem Gemeinwesen.

Der Staat hat die Aufgabe, die Werte und Rechte unserer Gesellschaft zu schützen. Wenn er das nicht entschlossen genug tut, beginnen die Bürger - wie in Holland - selbst und ihrerseits mit Gewalt gegen Ausländer vorzugehen. Dazu darf es nicht kommen.
Der Staat wird mehr als bisher auf die Feinde unserer Ordnung und Freiheit zu achten haben.
Er sollte handeln, weil das Modell unserer offenen Gesellschaft nicht zerbrechen darf.
Die Idee eines multikulturellen Gemeinwesens steht zu Debatte, gewiss.
Sie steht aber nicht zur Disposition.

Klaus Bresser, geboren in Berlin, studierte in Köln Germanistik, Theaterwissenschaften und Soziologie. Anschließend ging er zum "Kölner Stadtanzeiger", dessen Chefreporter er schließlich wurde. Ab 1964 stellte er erste Fernsehbeiträge für das Magazin "Report" in Köln zusammen. Später wurde er beim WDR Redakteur mit besonderen Aufgaben ( u.a. "Monitor"). 1977 wechselte Bresser zum ZDF, wo er 1981 die Leitung des "heute-journals" übernahm. Nach weiteren Aufgaben im ZDF wurde Bresser im April 1988 Chefredakteur des Zweiten Deutschen Fernsehens; diesen Posten übte er bis März 2000 aus.
Bresser ist u.a. Theodor-Wolff-Preisträger und wurde mit der "Goldenen Kamera" ( 1987 ) ausgezeichnet.
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