Politisches Feuilleton
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25.11.2004
Die Tränen des Jahres
Die unheile Welt des deutschen Reitsports
Von Norbert Seitz

Norbert Seitz (Bild: privat)
Norbert Seitz (Bild: privat)
Wie sehr Nostalgie auch Trost zu spenden vermag, konnte man dieser Tage wieder gut beobachten. Nach dem für die deutschen Sportler so mittelprächtigen Verlauf der Olympischen Sommerspiele kam die Sportlergala im ZDF gerade recht, um sich an glorreiche Zeiten zu erinnern oder verunglückten Stars wie Joachim Deckarm kollektives Mitgefühl darzubringen.

Die 100 besten deutschen Sportler wurden angeführt vom Formel-I-Weltmeister Schumacher und der ewigen Kanutin Birgit Fischer.

Man schien seinen Augen kaum zu trauen, als in der vordersten Liste auch zwei Namen auftauchten, die derzeit unter Dopingverdacht stehen: Springreiter Ludger Beerbaum auf Platz 17 und die Vielseitigkeitsreiterin Bettina Hoy auf Platz 35 liegen in der Wertung klar vor anderen deutschen Reitsportgrößen aus ruhmreicher Vergangenheit wie Hans-Günther Winkler oder Josef Neckermann, Isabelle Werth, Nicole Uphoff oder Dr. Reiner Klimke.

Müssen wir daraus schließen, dass der schwerwiegende Verdacht gegen Beerbaum und Hoy bei vielen Sportfans immer noch nicht angekommen ist?

Denn beide Sportler bewegten sich bislang wie unter einem Glorienschein - Beerbaum zum Beispiel mit seinen zahlreichen Olympiasiegen und überstandenen Rückschlägen.

Lesen wir nach, wie die Süddeutsche Zeitung noch vor ein paar Wochen den deutschen Fahnenträger in Athen charakterisierte:

Beerbaum mobilisiere noch altmodische Tugenden wie Ehrgeiz, Fleiß, Disziplin. Und entspreche - laut NOK-Präsident Klaus Steinbach - "dem Idealbild eines mündigen, selbstbestimmten Athleten, der Mitbestimmungs- und Mitgestaltungsmöglichkeiten ausschöpft und mit sportlichen Erfolgen und seinem Auftreten ein Vorbild für die Jugend sei".

Bis die Öffentlichkeit erfuhr, dass sein Pferd "Goldfever" im olympischen Parcours gedopt war. Beerbaum erkämpfte dort mit der Mannschaft überlegen Gold. Doch im Körper seines 13-jährigen Hengstes wurde eine verbotene kortisonähnliche Substanz nachgewiesen.

Wo eine Wundsalbe für das blessierte Pferd ausgereicht hätte - so die Fachleute - wurde ein leistungssteigerndes Mittel verwandt. Im Klartext: "Goldfever" hätte eigentlich nicht starten dürfen.

Auch Bettina Hoys Olympiapferd Ringwood "Cockatoo" wurde inzwischen positiv getestet. Unvergessen der tragisch endende Auftritt der Vielseitigkeitsreiterin in
Athen, als ihr die bereits verliehenen Goldmedaillen im Einzel und für die Mannschaft am grünen Tisch durch eine überstrenge Regelauslegung wieder aberkannt wurden.

Bettina Hoy weinte die Tränen des Jahres, die Sportnation schäumte vor Empörung, und Sportminister Schily tröstete die Unglückliche in zahlreichen Telefonaten.

Und nun dies. Betroffen ist der bundesdeutsche Reitsport, der über Jahrzehnte als eine Art Tugendhort von medaillenverdächtiger Zuverlässigkeit galt. Anders gesprochen: Wenn im deutschen Sport Flaute war, taten es immer noch die Springreiter oder Reiner Klimke bei der Piaffe und Passage.

Doch tun wir nicht so scheinheilig. Die treudeutsche Welt der reiterlichen Vereinigungen aus dem westfälisch-niedersächsischen Gustherrenmilieu ist schon lange nicht mehr heil.

Seit den Barring-Vorwürfen gegen Paul Schockemöhle vor ein paar Jahren geriet auch die hiesige Paradedisziplin immer wieder in die Schlagzeilen eines unsauberen Sports.

Unter den Dressurreiterinnen zum Beispiel toben schon lange Intrigenspiel und Zickenkrieg. Denn der Konkurrenzkampf ist knüppelhart. Wer in Deutschland Spitze ist, ist zugleich Weltspitze.
Wechselseitige Dopingverdächtigungen gehören zum Umgangston.

Jene Sportfans zumindest, die im ZDF die hundert besten deutschen Athleten kürten, haben die Anschuldigungen gegen Ludger Beerbaum und Bettina Hoy nicht beeindrucken können.

Gilt hier etwa der Unschuldsverdacht bis zum endgültigen Beweis durch die B-Probe?

Oder sehen die Fans ihren Idolen Dopingvergehen als lässliche Sünden nach, weil es ohnehin alle machen?

Die Wahrheit ist auch hier etwas komplizierter. Zum einen ist zu begrüßen, wenn rigide Bestimmungen und strenge Sanktionen einen sauberen Wettbewerb garantieren möchten. Weshalb auch der Vorwurf gegenüber der angeblichen Regulierungswut von Funktionären nichts als Populismus und gängige Ideologie darstellt.

Tatsache ist aber ebenso, dass die Internationale Reiterliche Vereinigung für die Verwendung von Medikamenten die Nulllösung eingeführt hat. Mit der fragwürdigen Konsequenz, dass mancher Springreiter die Blessur seines Pferdes ignoriert bzw. ohne therapeutische Behandlung an den Start geht.

Ob aber eine in Kauf genommene Gesundheitsgefährdung der Pferde im Sinne eines fairen Wettbewerbs sein soll, dies darf man getrost bezweifeln.

Norbert Seitz, geboren 1950 in Wiesbaden, promovierter Politologe, ist verantwortlicher Redakteur der politischen Kulturzeitschrift "Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte"; schreibt u.a. für den "Tagesspiegel", die "Frankfurter Rundschau" und verschiedene Magazine. Letzte Buchveröffentlichung: "Doppelpässe - Fußball & Politik", 1997.
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