Politisches Feuilleton
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26.11.2004
Die Deutschen und Bush II
Von Stefan Theil

Der alte und neue US-Präsident: George W. Bush (Bild: AP)
Der alte und neue US-Präsident: George W. Bush (Bild: AP)
So. Die Wiederwahl George Bushs empört also 80 Prozent der deutschen Bevölkerung. Wahrscheinlich sogar 90 Prozent der veröffentlichten Meinung. Um das Entsetzen über diesen Sieg zu lindern, gibt es auch inzwischen eine weit verbreitete, wunderbar einfache Erklärung: es war die Religion. Die Mehrheit der überwiegend religiösen, gar fundamentalistischen Amerikaner habe sich trotz der überwältigenden Argumente des Herausforderers mit der christlichen Rechten identifiziert, die gegen Abtreibung, Evolutionsunterricht und gleichgeschlechtliche Ehe zu Felde zieht. Mit Bush sei nun eine Truppe bibeltreuer Fanatiker im Weißen Haus bestätigt worden, die sich von Gott berufen sähe, die Welt zu retten. Eine gruselige und grundfalsche Vorstellung, aber sie bietet vielen Menschen Halt, weil sie ein Geschehnis erklärt, das in seiner Eindeutigkeit für viele sonst kaum zu verstehen ist.

Räumen wir mit diesem Klischee aber bitte schleunigst auf. Eine Mehrheit der Amerikaner ist religiös, glaubt an Gott, und gibt dies sogar noch öffentlich zu. So what? Das ist nicht neu, scheint aber im säkularen Deutschland zunehmend verteufelt zu werden. Doch wie kommt es, dass von den Amerikanern, die für das Recht auf Abtreibung sind, trotzdem fast 40 Prozent für Bush gestimmt haben? Oder auch die Mehrheit derer, die für die rechtliche Anerkennung homosexueller Partnerschaften sind? Sogar 20 Prozent der Irak-Kriegsgegner haben sich für Bush entschieden.

Vielleicht sind die Erklärungen für Bushs Wiederwahl viel einfacher und banaler. Wie wär's mit folgenden: Bei vier Prozent Wachstum und nur fünf Prozent Arbeitslosigkeit sind die meisten Amerikaner mit ihrer persönlichen Lage zufrieden - das begünstigt den Amtsinhaber, der ohnehin immer im Vorteil ist. John Kerry hatte kein Charisma, wenig Erfahrung, und keine wirkliche Botschaft. Bush säte erfolgreich Zweifel an seinem Charakter und an seiner Entschlossenheit, den Terror zu bekämpfen. Mitten im Krieg wollten viele Amerikaner nicht das Pferd wechseln. Bush hat seine eigene Basis hervorragend mobilisiert. Der Wertkonservatismus der Republikaner wie auch Bushs klare Sprache kamen beim Wahlvolk an.

Eigentlich ist es verwunderlich, dass Kerry überhaupt so viele Stimmen bekam.

Übrigens: Wenn Bush sagt, Gott gäbe ihm bei schwierigen Entscheidungen Halt, sagt er etwas, was für einen Christen selbstverständlich ist. Es ist auch nichts anderes, als es schon Jimmy Carter, Ronald Reagan und selbst der in Europa heißgeliebte Bill Clinton gesagt haben. Das öffentliche religiöse Bekenntnis ist so alt wie die amerikanische Republik, die sowohl in den christlichen als auch in den revolutionär-liberalen Überzeugungen der Gründerväter wurzelt. Dieses Bekenntnis hat Amerika nicht davon abgehalten, die älteste und erfolgreichste Demokratie zu sein und wird Amerika auch nicht in den "Totalitarismus” stürzen, wie es ein leicht hysterischer deutscher Filmemacher gerade in den Talkshows propagiert. Also bitte ein bisschen mehr Kontext und weniger Panik.

Vielleicht gibt es auch noch einen anderen interessanten Blickwinkel. Bisher kamen kulturelle Neuerungen aus Amerika schon immer nach Deutschland, üblicherweise mit etwas Abstand und allerlei Verzerrungen. Das betrifft nicht nur Popmusik, Internet, oder die Fitnesskultur; auch politische Themen gehen manchmal diesen Gang. Nehmen Sie als Beispiel die derzeit heißgeführte Debatte in den USA, ob diskursbestimmende Eliten, insbesondere in den Medien und in der demokratischen Partei, nicht vielleicht den Bezug verloren haben zur Mehrheit der Bürger, das heißt zur normal arbeitenden und durchschnittlich empfindenden Bevölkerung. Und dass Bush auch deshalb die Wahl gewann. In Deutschland beschweren sich ebenfalls viele über eine Abgehobenheit der politischen Debatte, über eine Käseglocke der Konsenssuche, die nur langsam gelüftet wird. Die ersten deutschen Internet-Blogs, die frische Meinungen in das Medienestablishment bringen, gibt es bereits - auch das eine Entwicklung aus Amerika. Das kann gut werden oder schlecht, es wird auf jeden Fall spannend.

Auch die klare Sprache und festen Überzeugungen, die die Mehrheit der Amerikaner zu Recht oder Unrecht an ihrem wiedergewählten Präsidenten anzieht, reflektieren eine Politikkultur und Wertedebatte, die eines Tages auch nach Deutschland kommen wird. Vielleicht wird es hierzulande nicht um die christliche Religion gehen, sondern um die säkulare. Sie beginnt bereits. Leere Floskeln wie Leitkultur oder der Ruf der CDU nach Patriotismus zeigen uns, wie hilflos sie derzeit geführt wird. Aber auch auf linker Seite ist die Floskel der sozialen Gerechtigkeit, die so viele deutsche Gräben und Konflikte lange verklebte und versüßte, ist heute noch weniger aussagekräftig, als sie es ohnehin schon immer war. Das, was den Nachkriegsdeutschen lange ihr Identitätsgefühl gab - D-Mark, Wirtschaftswunder, Sozialstaat, Wohlstand - stiftet keinen Sinn und ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Das Credo der politischen Klasse -"wir haben keine Wahl als alles zu verändern" - klingt auch ein bisschen leer. Dieses Vakuum kann gefüllt werden mit Dumpfem oder Erhabenem, mit zivilgesellschaftlichen, liberalen Werten oder ganz anderen. Die Debatte wird aber kommen. Und vielleicht werden wir dann auch besser verstehen, was gerade in Amerika passiert.

Stefan Theil, geboren 1964 in Düsseldorf, 1975 ausgewandert nach Pittsburgh/USA. Studierte Public and International Affairs an der Princeton University, Bachelor of Arts 1986, anschließend Studium der Politischen Wissenschaft in Berlin. Reporter für "The Washington Post" während der Wende 1989, ab 1990 für "Newsweek". Berichte aus Belgien, Frankreich, Niederlande, Polen, Österreich, Russland, Schweiz, Spanien, Tschechische Republik, Ungarn und Ukraine. Deutschlandkorrespondent Newsweek seit 2001.
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