Politisches Feuilleton
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27.11.2004
Leben in Parallelgesellschaften
Von Gunter Hofmann

Muslime in Deutschland (Bild: AP)
Muslime in Deutschland (Bild: AP)
In Bedrängnis nach dem 11. September, den tödlichen Angriffen auf New York und das Pentagon, begannen die sehr heterogenen islamischen Immigranten in den USA sich erstmals als Gemeinschaft zu begreifen. Der Staat stellte sie unter Verdacht, und so entdeckten sie eine Art negativer Identität für sich. In der Bundesrepublik gab es keine pauschalen Verdächtigungen, man habe es hier mit lauter potentiellen "Schläfern" zu tun, und daher auch keine dramatischen Abwehrreaktionen.

Jetzt plötzlich, nach dem Mord an dem holländischen Filmemacher Theo van Gogh, könnte sich das ändern - hierzulande, und in Europa generell. Als reagierten wir jetzt erst auf den 11. September. Seitdem kommt der Islamismus generell auf die Anklagebank. Pauschal wird seit Wochen "Toleranz", aber sofort! gepredigt, und jeder, der hier lebt, soll die christlichen Wurzeln anerkennen, eine "deutsche Leitkultur" akzeptieren, aus der "Parallelgesellschaft" heraustreten. Also Assimilation, Integration genügt nicht. Die Mehrheitsgesellschaft trumpft auf. Heute wird ein Popanz aufgebaut. Die "Multikultis" sind an allem schuld. Ach, wäre es bloß so einfach.

Die "Parallelgesellschaften", über die derzeit so lauthals geklagt wird, werden nicht nur von Glaubensfanatikern herbeigepredigt, sie sind produziert und vorausgesagt worden. Diejenigen, die früh diagnostizierten, was droht, wurden von den Fanatikern der Minderheitsgesellschaft bekriegt - und von den ängstlichen Politikern der Mehrheitsgesellschaft allein gelassen. Heute stehen fundamentalistische Verführer bereit, die den sozial Deklassierten anbieten, sich um sie zu kümmern. Wenn die Bundesrepublik eine Identität gewonnen hat, nach dem großen Zivilisationsbruch, dann nicht durch die Deklamieren von Glaubenssätzen und Vaterland, sondern dank der Konflikte, in denen sie ihre Maßstäbe auf demokratische Weise schärfte. Den Rahmen gab die Verfassung. Positiv auf die neue Debatte gewendet: Diese Methode, wie die Republik sich nach dem großen deutschen Versagen selbst neu erlernte, taugt auch weiterhin. Viel in der Organisation des Zusammenlebens unterschiedlicher Kulturen und Religionen hat bereits funktioniert. Aber: Viel ist neu. Neu ist beispielsweise ein Gefühl von Grenzenlosigkeit. Grenzenlos in Europa, grenzenlos unter globalisierten Verhältnissen. Und drängen nicht bereits die nächsten, jetzt die jungen Leute auf Kiews Straßen, sehnsuchtsvoll in diese "Heimat Babylon namens Europa" hinein? Neu ist, dass mit der Türkei offiziell verhandelt wird, wann der Beitritt erfolgen soll. Auch wenn man die Integration für richtig hält, und ich denke, sie ist richtig, muss man ja offen sprechen über das Ungleichzeitige, Disparate, Sperrige, auch Uneingelöste, beispielsweise was Frauenrechte oder Menschenrechte angeht, was jetzt schon einen Beigeschmack erhält, als baue man mit an einem neuen Bollwerk gegen "den" Islam.

Neu ist der zweite Wahlerfolg Bushs. Zugleich damit hat sich herumgesprochen, dass er einer Renaissance der Religiösen zu danken sei. Genauer: den Fundamentalisten darunter; und, dass er sich zurückführen lasse auf die finstere Entschlossenheit, die Feinde - "Terroristen" - hart niederzukämpfen. Neu ist schließlich, dass es nach jahrzehntelanger Integrationsdebatte die Erfahrung des Scheiterns von vielen Fremden im Lande, auch der Selbstausgrenzung und Radikalisierung, ja tatsächlich gibt. Wer immer auch schuld ist: Vielen jungen Leuten stehen Sozialhilfekarrieren bevor. Es geht aber auch einem Teil der Mehrheitsgesellschaft schlechter. Auch das ist neu. Vielleicht ergeben die Mosaiksteine also doch ein Bild. Es könnte sein, dass wir derzeit zwei Fliegen mit einem Schlag erledigen wollen. Der klassische Nationalstaat erodiert, also wächst die Neigung, radikal die Kulturnation herbeizupredigen - gegen die "Fremden".

Und könnte Europa, dieses Brüsseler Abstraktum, die vermisste Identität gewinnen, indem wir seine christlichen Wurzeln für verbindlich erklären? So würde Europa zerreißen - aber so liegt es in der Luft. Einerseits gibt es Anlass für diesen Konflikt, da die Realitäten in unserer Gesellschaft wie in der "Gesellschaft Europa" sich verändert haben. Das wurde nie wirklich zur Kenntnis genommen. Inzwischen sind, aus vielerlei Gründen, tatsächlich "Parallelgesellschaften" mit allen Risiken entstanden. Fragen muss man andererseits aber auch, wieviel Alltagsintegration glückt, auch das ist nämlich erstaunlich, und ob das kulturelle "Nebeneinander" wie, sagen wir in New York, nicht auch auf die Chance funktionierender "Parallelgesellschaften" hindeutet. Das muss man dann allerdings, darin ist Amerika ein Beispiel, wirklich wollen. Wer sich an dieser überfälligen Selbstverständigungsdebatte der Republik von heute beteiligt, gerade unter den politisch Verantwortlichen, sollte nicht vergessen: Er hält einen Stoff in Händen, aus dem ein Krieg der Zivilisationen, wie es Samuel Huntington es nannte, mindestens ein Kulturkrieg entfacht werden könnte.


Gunter Hofmann, Jahrgang 1942, Dr. phil., seit 1977 bei der Wochenzeitung Die ZEIT, seit 1994 Büroleiter in Bonn, seit dem Regierungsumzug in Berlin, einer der angesehensten Beobachter des deutschen Politikbetriebs, jüngste Buchveröffentlichung: Abschiede, Anfänge. Die Bundesrepublik. Eine Anatomie.

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