Politisches Feuilleton
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29.11.2004
Das holländische Modell - vielleicht doch nicht so falsch
Von Paul Stoop

Paul Stoop (Bild: privat)
Paul Stoop (Bild: privat)
Die Ereignisse in Holland auf dem Marsch durch die Institutionen des öffentlichen Wortes in Deutschland: von den vermischten Seiten der Zeitungen auf deren Titelseiten, von dort auf die Meinungsseiten. Dann hat sich das Thema als heiße Talkshow-Luft verbreitet, während ein realer Rest in die Lokalberichterstattung sickerte, unter der Überschrift: Wie viel Amsterdam ist in Neukölln? Um schließlich von besorgten Politikern aufgegriffen zu werden, die die Leitkultur wieder beleben oder ihre eigene Politik als Prävention anpreisen: das neue Staatsbürgerrecht und der verstärkte Anpassungsdruck als Terrorabwehr.

Nur hat der Mord an Theo van Gogh wenig mit der Frage der Integration zu tun. Van Goghs Mörder war integriert, sprach holländisch und hat eine Zeitlang studiert. Er war ein umgänglicher, engagierter Freiwilliger in einem Jugendzentrum. Den Zusammenhang des Mordanschlags mit der Integrationsfrage versuchen deutsche Leitartikler zu konstruieren, indem sie behaupten, in Holland sei dann wohl die Sprachprüfung zu einfach, oder die Kriterien für die Erteilung der Staatsbürgerschaft seien zu lasch. Als ob eine amtlich bekundete Identifikation mit dem Königreich oder der formvollendete Gebrauch des Plusquamperfekts Fanatiker von einem Mord abhalten könnten!

Die Herleitung dieses Mordes aus der Integrationsfrage ist eine Verharmlosung der wirklichen Gefahr. Die fundamentalistische Versuchung und der islamistische Terror sind autonom und speisen sich aus Ideologie und religiösem Wahn. Kein Sprachkurs, kein Integrationsdruck, keine eingeforderte Liebe zu Matjes und Pommes wird Einzeltätern oder terroristischen Zellen etwas anhaben können, sondern nur Prävention, Überwachung und entschlossenes Eingreifen.

Die Attacken gegen Schulen und Gotteshäuser seit dem Mord sind zu erklären: als Taten einzelner Extremisten in einer Situation medial angeheizter Hysterie, nicht als Auftakt zum Bürgerkrieg in Folge mangelhafter Einbindung der Muslime.

In Deutschland erklingt nun der geradezu lustvolle Aufschrei, in Holland sei die multikulturelle Gesellschaft kollabiert - eine Lehre für Deutschland. Was sich in den Niederlanden wirklich tut, spielt keine Rolle. "Die" niederländische Politik, die angeblich gescheitert ist, gibt es nicht. Die nationale Politik hat sich im Lauf der Jahrzehnte verändert, von der Nichtbeachtung der Gastarbeiter, über Minderheiten- und Gruppenschutz für Einwanderer, bis hin zum fordernd-fördernden Bürgerschafts-Ansatz der neunziger Jahre. Diese aktuelle Haager Politik will genau das, was deutsche Politiker nun als Mittel gegen die angebliche multikulturelle Kuschelpolitik herbeirufen: Persönliche Verantwortung des Einwanderers, aktive Teilhabe am Arbeitsmarkt und an der Gesellschaft. Außerdem gibt es regionale Unterschiede. Amsterdam wählt einen sanften Weg, Rotterdam handelt dirigistisch und hart.

Selbst wenn es viele Probleme gibt, ist nicht zu übersehen, dass die Integration in den Niederlanden auch Fortschritte gemacht hat: Unternehmen richten ihr Marketing auf die Ethnien und beschäftigen verstärkt nicht-westliche Niederländer und Ausländer. Die Bildungskluft zwischen Weiß und Schwarz wird kleiner, vor allem unter Mädchen. In den über vierzig muslimischen Schulen unterrichten überwiegend nicht-muslimische Niederländer, die Unterrichtssprache ist holländisch. Nicht zufällig sitzen in den Niederlanden im europäischen Vergleich die meisten muslimischen Abgeordneten im Parlament. Und die Tatsache, dass Theo van Goghs Film Submission vor wenigen Monaten ohne jedes öffentliche Echo aus der muslimischen Gemeinschaft gezeigt wurde, deutet nicht auf einen gewaltsamen Kulturkampf als Normalzustand hin.

Im mit-hysterisierten Deutschland vergisst man, dass Integration, Anpassung, Teilhabe, dass der Weg der Migranten von der Agrar- zur individualisierten Dienstleistungsgesellschaft lang und schwierig ist, ein Prozess mit Rückschlägen, Umwegen und unbeabsichtigten Nebenwirkungen. So ist das Entstehen einer muslimischen Mittelschicht in Holland ein Integrationsfortschritt. Nur hat dieser Aufstieg zur Folge, dass muslimische Studenten, Unternehmer und Lehrer in zivilere Viertel ziehen. Dass die zurückgelassenen Viertel zunächst verarmen, ist ein unvermeidbares Übergangsphänomen. Eigentlich müsste die Mühsal solch komplexer Prozesse doch leicht zu verstehen sein in einem Land wie Deutschland, das seine eigene Einheit sucht, aber schon an einfachen Dingen wie der Einführung einer Straßenmaut scheitert.

Der allgegenwärtige Wahn, es gebe Patentlösungen, man könne Integration und Frieden herbei talken und brachial erzwingen, ist ein Zeichen politischer Denkfaulheit. Nicht die Bemühungen um Integration sollten für gescheitert erklärt werden, sondern die Illusion, dass schwierige interkulturelle Prozesse simpel politisch-administrativ gesteuert werden können und der Weg in eine global verbundene Gesellschaft ohne Reibungen verlaufen kann.


Paul Stoop, 1955 in Amsterdam geboren, wuchs in Bonn auf und studierte dort Geschichte, Politologie und Spanisch. Nach seiner Promotion als Historiker an der Vrije Universiteit Amsterdam ging er 1988 zunächst als freier Autor nach Berlin. Von 1990 bis 1999 gehörte Stoop der Redaktion des Berliner TAGESSPIEGEL an und war 1994/95 Jahresstipendiat der Nieman Foundation for Journalism an der Universität Harvard. 1999 wurde er Programdirector der American Academy in Berlin, deren Stellvertretender Direktor er seit Anfang 2002 ist. Buchveröffentlichungen: 'Niederländische Presse unter Druck 1933-1940', 'Geheimberichte aus dem Dritten Reich. H.J. Noordewier als politischer Beobachter 1933-1935'.

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