Politisches Feuilleton
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30.11.2004
Würden Sie sich assimilieren?
Anmerkungen zu unserer Leitkultur
Von Alan Posener

Alan Posener (Bild: privat)
Alan Posener (Bild: privat)
Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit verdankt sein Amt zwei Sätzen: "Ich bin schwul, und das ist gut so." Damit empfahl sich "Wowi", der ansonsten den Horizont eines Dezernenten für dezentrale Kulturarbeit besitzt, als Nachfolger eines Willy Brandt. Nun wird seine Qualifikation jedoch ernsthaft in Frage gestellt. "Hat Désirée Nick Wowi umgedreht?" fragte besorgt die "BILD"-Zeitung. Anlass war eine Fotoserie, auf der zu sehen ist, wie das abgetakelte Fräulein Nick bei irgendeiner Fete dem Regierenden Partykönig von Berlin einen innigen Kuss gibt. Anschließend blickt Wowereit, arg lippenstiftverschmiert, aber ansonsten vergnügt in die Kamera. Meiner Meinung nach würde ein Kuss von der Känguruh-Hoden und Maden verspeisenden Ex-Dschungel-Camp-Bewohnerin Désirée ausreichen, um jeden Hetero umzudrehen. Aber Wowereit ist schon schwul, und da er anscheinend keine weiteren politischen Ambitionen hat, braucht er nicht obendrein pervers zu sein.

Vom Berliner Rathaus ins Berliner Bundeskanzleramt. Kanzlergattin Doris hat einen Werbevertrag abgeschlossen. Kanzlerhündin Holly wird Modell stehen für eine Reihe von Hundeprodukten, vom Fressnapf über die Hundeleine bis zum Hunde-Shampoo. Derweil ihr Mann, also der von Doris, nicht von Holly, im Jüdischen Museum Berlin Deutschlands Muslime zu einer größeren Integrationsleistung aufruft. Der Mann, der den Nationalfeiertag streichen wollte und erst durch eine gezielte Indiskretion des Bundespräsidenten davon abgebracht werden konnte, weist eine Feinfühligkeit in Sachen Symbolpolitik auf, die ihresgleichen sucht: Was sollen Deutschlands Muslime von einem solchen Aufruf von einem solchen Ort aus halten, in dem peinlich genau dokumentiert ist, was Deutschlands Juden davon hatten, sich bis zur Selbstverleugnung assimiliert zu haben?

Und sollen unsere muslimischen Mitbürger sich wirklich so weit assimilieren, dass sie es in Ordnung finden, wenn der Kanzler seinen Terrier vermarktet und wenn der Regierende Bürgermeister der Hauptstadt vor den Kameras rummacht, als wäre er bei Big Brother? Wowis Wähler sind, so darf man vermuten, mehrheitlich links eingestellt. Sie lehnen natürlich George W. Bush, seine Religiosität und seinen Krieg gegen den Terror ab, setzen dagegen auf multikulturelles Nebeneinander und "Soft Power". Doch es ist gerade jene "Soft Power" des Westens, die oft genug als Soft Porn daher kommt, die gläubige Muslime so erschreckt. Wenn ihnen ihre Imame erzählen, unsere Gesellschaft sei gottlos und moralisch verkommen, so können sie jedenfalls nicht auf Bush verweisen. Den mögen sie fürchten, und hassen, weil sie ihn fürchten. Leute wie Wowereit verachten sie. Und das ist auf lange Sicht gefährlicher. Zumal Wowereit nur ein Symptom ist. Er lässt sich gehen, Europa gibt sich auf.

Wie der Fall Rocco Buttiglione zeigt, reicht das offene Bekenntnis zum Katechismus der katholischen Kirche aus, um einen Politiker für hohe europäische Ämter zu disqualifizieren. Buttiglione wiederholte vor dem europäischen Parlament, was jeder fromme Katholik zu glauben hat: Dass die Ehe dazu da ist, die Frau zu schützen, damit sie Kinder bekommen kann; und dass praktizierte Homosexualität eine Sünde ist. Ein Standpunkt, wohlgemerkt, den ich nicht teile, den ich aber achte. Hätte sich Buttiglione statt dessen als schwulen Anhänger Hare Krishnas geoutet, er wäre ein Held jener militanten, unduldsamen Inquisitoren der politischen Korrektheit, die ihn jetzt zu Fall brachten, während noch vor ihren Fenstern die bunten Fahnen mit dem Papstwort "Pace!" flattern; als sei der Pazifismus des Bischofs von Rom zu trennen von seiner Kritik an jener sterilen "Kultur des Todes", die für ihn Materialismus, Vergnügungssucht, Kinderlosigkeit, Abtreibung, Promiskuität und Homosexualität einschließt. Ich glaube nicht an Gott; aber ich achte die Religiosität des Papstes - und die des Präsidenten der USA. Sie stehen in einer 2000-jährigen Tradition, ohne die es Europa nicht gäbe.

Diese Tradition beginnt in einem Stall in Bethlehem, mit einer jüdischen Mutter und ihrem Kind. Über sie zischelt man, ihr Mann sei nicht der Vater des Jungen. Er wird als Verbrecher am Kreuz enden. Zuvor aber wird er das Wesen des Judentums derart radikal auf den Begriff bringen, dass es als Utopie der Liebe und der Gleichheit noch heute Europa und Amerika beflügelt.

In unseren Schulen sitzen zehntausende muslimischer Schüler. Sie basteln brav Weihnachtssterne, schneiden kleine Weihnachtsbäume aus Papier, erfreuen sich an der ganzen Kuscheligkeit der Adventszeit. Aber hören sie von ihren Lehrern etwas von dieser jüdischen Miriam und ihrem Sohn Jeschu, von Maria und Jesus, die die Muslime auch als Meryem und Isa verehren? Oder verschweigen wir verschämt, wo wir herkommen, warum wir feiern, was das alles zu bedeuten hat? Und lassen, Gott behüte, unsere Leitkultur von Wowi und Désirée vorführen.

Alan Posener, 1949 in London geboren, aufgewachsen in London, Kuala Lumpur und Berlin, studierte Germanistik und Anglistik an der FU Berlin und der Ruhr-Universität Bochum. Er arbeitete anschließend im Schuldienst, dann als freier Autor und Übersetzer. Von 1999 bis 2004 war er Mitarbeiter der "Welt", zunächst als Autor, dann als Redakteur. Seit März 2004 ist er Kommentarchef der "Welt am Sonntag". Posener publizierte neben Schullektüren u.a. Rowohlt-Monographien über John Lennon, John F. Kennedy, Elvis Presley, William Shakespeare und Franklin D. Roosevelt, die "Duographie" Roosevelt-Stalin und den "Paare"-Band über John und Jacqueline Kennedy.
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