Politisches Feuilleton
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1.12.2004
History-Sehnsucht
Geschichtsbewusstsein und moderne Existenz
Von Karlheinz Weißmann

Szene aus dem Film "Der Untergang" (Bild: AP)
Szene aus dem Film "Der Untergang" (Bild: AP)
Wahrscheinlich hat kein Genre der Unterhaltungsliteratur in den vergangenen zehn Jahren einen solchen Aufschwung erlebt wie der "Historical". In Buchhandlungen findet man regalweise Gebundenes und Broschiertes zu allen möglichen Themen der Geschichte. Romantisch oder martialisch verpackt, bringt man uns Figuren und Szenen der Vergangenheit nahe. Ähnliche Tendenzen lassen sich auch an Kino- und Fernsehproduktionen beobachten. Es ist nicht nur so, dass Monumentalwerke wie "Ben Hur" oder "Spartakus" zu den Klassikern gehören, sogar die Sandalenfilme der sechziger Jahre erfreuen sich neuer Wertschätzung. Jeder denkbare historische Stoff wird für die Leinwand umgesetzt, die Computeranimation macht dabei Kulissen möglich, die alle Bühnenbilder Hollywoods in den Schatten stellen. Oliver Stones Epos über Alexander den Großen wird auf diesem Gebiet sicher weitere Überraschungen bereithalten und die Kassen füllen, auch wenn die Kritik nur Verrisse liefert.

Die Faszination durch die Buntheit der Geschichte lässt sich auf verschiedene Weisen deuten. Zum ersten könnte man eine Mode vermuten, eine mehr oder weniger belanglose Beschäftigung mit etwas, das einen gewissen Reiz auszuüben vermag auf eine sonst schon sehr satte Phantasie. Zum zweiten wäre die Deutung als Fluchtbewegung möglich: Flucht in eine Vergangenheit, die man als heiler oder lebendiger empfindet, eine Zeit, die nicht so unübersichtlich oder steril war wie die Gegenwart. Zum letzten könnte man aber auch annehmen, dass die intensive Beschäftigung mit der Geschichte zurückzuführen ist auf die Besonderheiten der modernen Existenz.

Dann ginge das steigende Interesse an der Geschichte paradoxer Weise auf den Traditionsverlust zurück, der unser Dasein bestimmt. Wir schätzen zwar unsere Unabhängigkeit, auch und gerade im Hinblick darauf, Überlieferungen anzuerkennen oder zu verwerfen, aber wir leben gleichzeitig mit dem Gefühl des Unbehaustseins. Die Zeit, von der uns als Lebenszeit so sehr viel mehr zur Verfügung steht als unseren Vorfahren, läuft rasch und hinterlässt uns mit dem Gefühl, dass sie ohne Struktur bleibt, vielleicht individuelle Höhepunkte kennt, aber keinen Rhythmus von Fest und Alltag, wie man ihn in früheren Kulturen besaß. Daher rühren unsere Nostalgien, aber eben auch das Breiteninteresse an der Geschichte.

Historicals und Spielfilme über historischen Personen haben wenig oder nichts mit Forscherdrang und wissenschaftlichen Fragestellungen zu tun. Das gilt in gewissem Sinn auch für zwei andere Tendenzen, die in eine ähnliche Richtung gehen: der Zustrom zu großen historischen Ausstellungen und die so genannte Living-history-Bewegung. Seit der Staufer-Exposition von 1977 verzeichnet man in der Bundesrepublik eine immer weiter wachsende Zahl von Besuchern, die in die Museen drängt, wenn zentrale historische Themen präsentiert werden. Allein in diesem Jahr haben die Ausstellungen zur Geschichte der Kreuzzüge in Mainz und zur Bronzezeit in Halle alle Erwartungen übertroffen. Das hängt selbstverständlich auch mit dem Reiz des Exotischen zusammen. Die Vorzeit, die lange unter dem Verdacht brauner Belastung stand, erscheint vielen als etwas Fremdes, das aber gerade als Fremdes eine erhebliche Anziehungskraft ausübt, und das Mittelalter blieb in Deutschland immer etwas verklärt.

Wahrscheinlich ist das Mittelalter deshalb auch das zentrale Thema von Living history. Darunter versteht man alle Aktivitäten von einzelnen oder Gruppen, die versuchen, vorübergehend oder dauernd in einer bestimmten Epoche der Vergangenheit zu leben. Die Beteiligten wenden eine Menge Zeit, Geld und Akribie auf, um sich in alle Details ihrer Wunschzeit einzuarbeiten und einzufühlen. Sie stellen häufig die entsprechenden Kostüme, Waffen und Gerätschaften selbst her, erlernen Handwerke und manchmal sogar ausgestorbene Sprachen, nur um eine möglichst präzise Vorstellung von dem zu erhalten, was einmal war. Das mag auf Außenstehende skurril wirken, scheint aber seinen Zweck in sich zu haben. Die verschiedenen Kohorten römischer Legionen die es hierzulande gibt, die Wikinger und mittelalterlichen Handwerker, die Ritter, Landsknechte und Marketenderinnen oder die Soldaten der napoleonischen Kriege, die sich regelmäßig treffen und zum Teil große Veranstaltungen durchführen, erhalten von Jahr zu Jahr mehr Zulauf. Allerdings ist die Bewegung insgesamt noch keineswegs vergleichbar mit ähnlichen in den angelsächsischen Ländern und in Skandinavien, wo sie sehr breit in der Bevölkerung verankert ist.

"Geschichtsverlust" ist eine typisch bürgerliche Sorge. Sie wurzelt in der Annahme, dass die moderne Gesellschaft einen Menschen erzeugt, der ohne Begriff seiner Vergangenheit durch die Gegenwart irrt. Diese Vorstellung ist zumindest teilweise falsch. Falsch insofern, als man mit einem sehr vitalen Interesse an der Geschichte zu rechnen hat. Eher könnte man von "Geschichtslust" sprechen als von "Geschichtsverlust". Allerdings sucht sich dieses Interesse seine Befriedigung da, wo man ihm entgegen kommt. Wenn die Schulbücher in Abstraktionen und Statistiken schwelgen und Erzählung und Anekdote verbieten und die Zunft der Historiker ihr Heil in methodischen Debatten oder moralischer Belehrung sucht, dann lassen sich Umwege finden, die auch zum Ziel führen, dann wird das Bild der Geschichte eben von denen geprägt, die dem Publikum bieten, was es verlangt.

Karlheinz Weißmann, Jahrgang 1959, Historiker und Studienrat, lebt in Göttingen. Er schreibt u.a. für die Beilage "Das Parlament" und veröffentlichte zahlreiche Bücher".
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