Politisches Feuilleton
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2.12.2004
Kulturcharta-Kosmetik
Schmierfett im knirschenden EU-Getriebe
Von Burkhard Müller-Ullrich

Die Politisierung der Kultur schreitet in einem atemberaubenden Tempo voran. Oder ist es die Kulturisierung der Politik? Egal - wer immer das eine oder das andere oder auch beides fordert, der hat den öffentlichen Beifall bereits sicher. Die Phrasendreschmaschinen laufen auf Hochtouren und produzieren Formulierungen wie: "die gesellschaftliche Funktion der Kultur" oder "die politische Verantwortung für Kultur" oder "die kulturelle Verpflichtung der Politik".

Doch niemand hat jemals zu erklären vermocht, was das alles bedeutet. Wenn Politiker ein Bekenntnis zur Kultur ablegen: Soll das heißen, dass sie sich gewählt ausdrücken können oder dass sie gerne in die Oper gehen? Wenn so genannte Kulturschaffende sich zu ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bekennen: Wollen sie damit sagen, dass sie ihre Steuererklärung wahrheitsgemäß ausgefüllt oder einer alten Frau über die Straße geholfen haben? Nichts von alledem. Es gibt bloß dieses Streben nach dem edlen Etikett "Kultur". Wer sich auf diesem Feld betätigt, macht in Politik und Management auf jeden Fall eine glänzende Karriere. Kulturpolitik ist ein magischer Bereich, in dem die Intellektuellen praktisch werden und die Politiker lyrisch.

Zu dieser Lyrik gehört auch jene EU-Charta, die gerade von mehreren europäischen Kulturministern angekündigt wurde - darunter von unserer Christina Weiss, deren legislativer Elan bislang eher aufs Grundgesetz gerichtet war. Sie möchte nämlich der Kultur in Deutschland Verfassungsrang verleihen und glaubt, dass wenn schon Umweltschutz und Gleichheitsförderung, Behinderten- und Tierschutz per Bundestagsbeschluss zu Staatszielen erklärt wurden, die Kultur dabei nicht fehlen dürfe. Das hat zwar eine gewisse Folgerichtigkeit, aber das Um- und Umschreiben des Grundgesetzes, bloß weil immer neue Politiker immer neue Hobbies haben, ist sowieso eine Verirrung. Viel fragwürdiger jedoch ist das diesem Projekt zugrunde liegende Kulturverständnis. Kultur ist nämlich etwas völlig anderes als das, was sich all die Kulturbetriebsverwalter in Wirtschaft und Politik darunter vorstellen.

So wie das Leuchten und das Donnern nicht besondere Eigenschaften des Blitzes sind, die man mehr oder weniger fördern könnte, so ist die Kultur eben keineswegs jene Industrie, mit der sie oft und immer öfter verwechselt wird. Kultur ist überhaupt nicht herstellbar, schon gar nicht auf gesetzlichen Befehl. Sonst könnte man auch sagen: In der Musik sollten die Töne mehr gefördert werden und im Meer sollte dem Wasser größere Bedeutung zukommen. Nein, Kultur ist kein staatlicher Service, Kultur ist nicht die Veranstaltung von Veranstaltungen, sondern das ganze Staatsgefüge mitsamt seinem laut sprechenden politisch-parlamentarischen Personal ist Teil und Ausdruck unserer Kultur; das eine lässt sich nicht vom anderen trennen.

Jetzt soll Kultur als Schmierfett im knirschenden Getriebe der EU-Erweiterung dienen, ein Zaubermittel, das verhältnismäßig wenig kostet und maximale Zustimmung erzeugt, denn Kultur ist immer prima. Von jeher suchen ratlose Politiker bei der Kultur Erlösung von den verkorksten Verhältnissen. Als beispielsweise in den letzten Jahren des Kalten Kriegs die Entspannungsbemühungen der KSZE, der "Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa", in eine spätkommunistische Frostperiode geraten waren, wurden auf einmal Künstler und Intellektuelle aufgeboten, um auf dem schöngeistigen Ticket für Vertrauen und Verständigung zu werben.

Mit solch kosmetischem Kultureinsatz möchte man heute das politische Projekt der Europäischen Union promoten. Da würde niemand wagen, aufzustehen und die Abschaffung des Kulturressorts in den Regierungskabinetten oder die Streichung der Kulturartikel in den Verfassungen verlangen. Stattdessen sind alle stolz und froh, wenn irgendein Redner auf irgendeiner Konferenz größere Beachtung für die Kultur fordert.

Allerdings sollte man wenigstens in Gedanken einmal die Gegenprobe machen: Was würde passieren, wenn der gesamte Verwaltungsapparat anstelle dieser ostentativen Kulturfreundlichkeit eine knallharte Indifferenz oder sogar Kulturfeindlichkeit an den Tag legte? Würden den Dichtern keine Verse mehr einfallen, würden die Musiker ihre Instrumente weglegen, würden der Geist und die Künste dahinwelken, weil keine EU-Charta sie schirmte? Die Weltgeschichte ist voller Beispiele dafür, dass sich Kunst und Kultur selbst unter widrigsten Bedingungen entfalten, perfiderweise sogar meist in höherer Qualität.

Wir wollen uns hüten, daraus obszöne Schlussfolgerungen zu ziehen, aber eines ist klar: im Zweifelsfall bedarf nicht die Kultur des gestenreichen Schutzes durch die Politik, sondern die Politik schmarotzt gern von der Aureole der Kultur.

Burkhard Müller-Ullrich, geboren 1956 in Frankfurt am Main, studierte Philosophie, Geschichte und Soziologie und begann als Literatur- und Theaterkritiker beim Bayerischen Rundfunk. Seit 1980 ist er ständiger Mitarbeiter u.a. der "Süddeutschen Zeitung", der "Welt", des Wiener "Standard" und der Schweizer "SonntagsZeitung". Außerdem arbeitet er als Autor und Moderator für zahlreiche Rundfunkprogramme. Er war Redakteur beim Abendstudio des Schweizer Radios, beim Schweizer Buchmagazin "Bücherpick" und Chefredakteur der Buchhändlerzeitschrift "Sortiment". Zuletzt leitete er die Redaktion "Kultur heute" des Deutschlandfunks. Schwerpunkt seiner journalistischen Arbeit ist die internationale Kulturberichterstattung. Als Essayist beschreibt er die Merkwürdigkeiten unserer Medienwelt (so in dem 1996 erschienenen Buch "Medienmärchen - Gesinnungstäter im Journalismus") und die Anpassungszwänge des modernen Lebens.
Seine Homepage: www.mueller-ullrich.com
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