Politisches Feuilleton
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4.12.2004
Berlin, die ungeliebte Hauptstadt
Von Raphael Krüger

Raphael Krüger (Bild: privat)
Raphael Krüger (Bild: privat)
Den Deutschen ist ihre Hauptstadt lästig. Sie gilt als eine mit ausufernden Staatshilfen beatmete Party-Zone, irgendwo zwischen trostlosem Türkenkiez und bröselndem Plattenbau. Dagegen kommt selbst jene Dauergala nicht an, die aus Berlins schicker Mitte nahezu wöchentlich in deutsche Wohnzimmer flimmert. Sind die Bilder verflogen, bejammern die Voyeure, wie man ihre Steuern und Gebühren verbläst. Und sehen sie erst Aufnahmen vom Christopher-Street-Day oder dem Karneval der Kulturen, hört man sie knurren, dass bunte Massenumzüge noch jedem Elend Glanz verleihen.

Die großen Faschingsprozessionen verstellen jedoch weniger den Blick auf die graue Wirklichkeit, als vielmehr auf die eigentliche Anziehungskraft der Stadt. Berlin hat allein in den vergangenen zehn Jahren mit über 1,1 Million Menschen ein Drittel seiner Bewohner ausgetauscht. Eine halbe Millionen sind abgewandert, knapp 650.000 kamen hinzu. In diesem Kommen und Gehen vollzog sich ganz nebenbei der Hauptstadtumzug. Die Ankunft von ein paar Politikern sowie einigen tausend Beamten und Lobbyisten geschah "en passent" und ohne Überschwang. Was die Neuankömmlinge zunächst verschnupfte, erstaunte sie bald. Sie stellten nämlich verwundert fest, dass Berlin eine geschlossene Gesellschaft fehlt, zu der man in aller Regel nur mühsam und hartnäckig Zutritt erhält. Tatsächlich wartete kein etabliertes Bürgertum in Abwehrhaltung. Anders als in Hamburg, München und Stuttgart wurde nicht fein unterschieden zwischen den Alteingesessenen, den "Zuagroasten" und "Neigschmeckten". Da in Berlin praktisch alle zugereist sind, die einen lediglich früher als die anderen, entfällt die schwer überwindbare soziale Mauer der Einheimischen. Wer hier lebt, ist Berliner, selbst wenn Akzent und Dialekt anderes verraten. Das macht den Ort ungemein anziehend und zur einzigen Metropole in Deutschland.

Die Kehrseite von Offenheit und Toleranz sind freilich Unverbindlichkeit und Indolenz. Die Stadt verstößt niemanden, umschmeichelt aber nicht. Wer Wärme und Geborgenheit sucht, findet sie vorzugsweise in den verschiedenen Berliner Milieus. Sie sind eine Art menschlicher Dorfkern und werden zum wichtigen Lebenszentrum. Wer sie verlässt, verliert sogleich jegliche Bindungen. Das kann man besonders deutlich an den vagabundierenden Jungeliten beobachten. An den hiesigen Hochschulen, immerhin vier Universitäten und rund ein dutzend Fachhochschulen, sind gebürtige Berliner zumeist in der Minderheit. Über die Jahrzehnte bevölkerten zehntausende Studenten aus allen deutschen Winkeln die Hörsäle und Seminarräume. Wen nicht Bildungs- und Liebeserlebnisse prägten, dem bleiben zumindest Club- und Kneipennächte unvergesslich. Viele, die sie durchlebten, sitzen heute gut situiert in Hamburger, Frankfurter und Münchener Redaktionsbüros. Sie sind Banker in Dresden und Staatsanwälte in Nürnberg, besetzen Kölner oder Düsseldorfer PR-Agenturen, führen Leipziger Arztpraxen und Stuttgarter Anwaltskanzleien. Fürsprecher dieser Stadt sind sie nicht geworden. So intensiv sie in das damalige Berliner Lokalmilieu eintauchten, so rasch fügen sie sich in das örtliche Patriziat ein. Hier desavouiert eine gute Meinung über die Subventionsjunkies von der Spree so sicher wie der falsche Bordeaux zum Hauptgang.

So pflanzt sich das erstaunliche Missverhältnis, nämlich die ungebrochene Attraktivität der Stadt bei gleichzeitig äußerst bescheidener, selten offen gezeigter Zuneigung zu ihr, über Generationen fort. Berlin ist für die Deutschen wie eine begehrte Mätresse, wie ein heimlicher Liebhaber. Ohne sie wäre das Leben entsetzlich öde, zu ihnen aber bekennt sich der guten Sitten halber niemand. Dass daran Föderalismuskommissionen, Hauptstadtverträge oder Berlins Erwähnung in der Verfassung irgendetwas ändern, wird zu Recht bezweifelt. Befreit von der Sorge um den nationalen Ruf, kann sich die Stadt auf wichtigeres konzentrieren. Etwa auf ihre Klage in Karlsruhe, wo es nicht um Gesten emotionalen oder politischen Wohlwollens, sondern um den Anspruch auf finanzielle Zuwendung geht.


Raphael Krüger, 1963 in Berlin geboren, studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Slavistik an der Freien Universität, dann in Krakau und London. Mehrere Stipendien und Arbeiten zu Mittel- und Osteuropa führten ihn nach Krakau, Warschau, Budapest und Bukarest. Er schreibt für mehrere Tageszeitungen, vor allem für DIE WELT, sowie für historische und politische Fachzeitschriften. Gegenwärtig arbeitet er an einem Buch über Polen.
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