Politisches Feuilleton
Politisches Feuilleton
Montag bis Samstag • 7:20
6.12.2004
Wer wünscht sich Kinder?
Gerät Deutschlands soziale Schichtung ins Rutschen?
Von Uwe Bork

Uwe Bork (Bild: privat)
Uwe Bork (Bild: privat)
Wie lagen die Dinge früher doch einfach. Unter einem "Treibhauseffekt" wusste sich jeder etwas vorzustellen, und dass ein "Waldsterben" etwas Bedrohliches sein könnte, erschließt sich selbst naturwissenschaftlichen Klippschülern. Aber "gespaltenes Fertilitätsverhalten"? Dieser Ausdruck ist nicht unbedingt vielsagend, eher bemäntelnd als enthüllend, nicht gerade ein Favorit im Rennen um mediale Beachtung.

Doch gerade deshalb ist Aufmerksamkeit angesagt, denn das besagte gespaltene Fertilitätsverhalten könnte die Zukunft unseres Landes in einem Ausmaß bestimmen, dass es sich lohnen dürfte, sich den unhandlichen Ausdruck frühzeitig einzuprägen. "Gespaltenes Fertilitätsverhalten" bezeichnet nach der Giessener Hochschullehrerin Uta Meier nämlich eine gesellschaftliche Tendenz, deren Folgen dramatisch sein könnten. "Diejenigen", so die Professorin, "die sich Kind(er) - jedenfalls unter finanziellen Gesichtspunkten - nicht leisten können, realisieren ihre Kinderwünsche in vollem Umfang und handeln sich damit oftmals ein Armutsrisiko und benachteiligte Lebenslagen mit ihren Kindern ein. Demgegenüber verzichten gerade Frauen mit hohen Bildungsinvestitionen zunehmend auf Kinder." Was Frau Professor Meier hier mit der Zurückhaltung der Wissenschaftlerin formuliert, lässt sich auch drastischer ausdrücken: Wer im Deutschland von heute noch Kinder bekommt, ist der Dumme! Möglicher Doppelsinn dieser Aussage inbegriffen.

Doch Vorsicht! Natürlich wäre es ebenso grotesk zu behaupten, eine schlechte soziale Lage ginge in unserer Gesellschaft stets mit mangelnder Intelligenz einher, wie die Annahme unsinnig wäre, der Verzicht auf Kinder sei andererseits ein Zeichen ebendieser Intelligenz. Wer den Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär, vom ungelernten Arbeiter zum - vielleicht ebenso ungelernten - Aufsichtsratsvorsitzenden nicht geschafft hat, ist nicht selber schuld und auch nicht automatisch dumm, der Akademiker vor seinem PC ist ebenso wenig automatisch klug, - wie man beides auch definieren will.

Aber dennoch: Dass diejenigen in unserer Gesellschaft, die in ihren Familien vergleichsweise wenig Geld und Mühen in Bildung und Ausbildung investieren - sicher auch: investieren können -, nun ausgerechnet überdurchschnittlich stark für die Reproduktion dieser Gesellschaft Sorge tragen, während diejenigen, die früher als die 'gebildeten Schichten' bezeichnet wurden, sich dieser Aufgabe ebenso überdurchschnittlich häufig entziehen, kann keinesfalls beruhigen.

Keinen Grund zur Entwarnung gibt dabei die Tatsache, dass die durchschnittliche Kinderzahl pro Familie mit 2,0 im Westen und 1,9 im Osten seit Jahren gleich geblieben ist. Hinter diesem Durchschnittswert versteckt sich nämlich eine in unserem Alltag erst allmählich spürbar werdende soziale Umschichtung. So wird beispielsweise knapp ein Drittel aller 1965 geborenen Frauen - heute sind sie 38 oder 39 - voraussichtlich kinderlos bleiben. Richtet man den Blick ausschließlich auf Frauen mit akademischem Abschluss, springt dieser Wert sofort auf 41 Prozent, Tendenz steigend. Für 2010 rechnen die Wissenschaftler bereits damit, dass nur noch jede zweite Akademikerin Mutter wird. Der erreichte Bildungsstand und der Wunsch nach einem Kind stehen miteinander somit in einer engen Beziehung: Je höher ersterer ist, desto geringerer ist letzterer.

Und noch etwas: Einen Ausgleich für die wachsende Kinderlosigkeit in Akademikerfamilien durch quasi "schichtübergreifende" Heiraten zu erwarten, halten die Bevölkerungsforscher allenfalls für einen so frommen Wunsch wie die Aussage, unser aller Renten seien üppig und sicher. Die Zeiten, in denen die Professores habituell ihre Sekretärinnen zum Traualtar führten, sind längst vorbei: Heute bleibt man oben wie unten unter sich.

Gesellschaftlich eröffnet das eine wenig verlockende Perspektive, die zudem die ohnehin umstrittene Eliteförderung vor neue und ungeahnte Schwierigkeiten stellen dürfte. Bleibt es bei dem sich abzeichnenden Trend, können wir nicht mehr darauf vertrauen, dass wichtige Bildungsgüter ohne weiteres von Generation zu Generation weitergegeben werden. Neue und nicht zu knappe Investitionen in einen Bereich, der nicht erst mit der Grundschule beginnt, sowie neue Angebote, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, werden nötig, will Deutschland seinen ohnedies angekratzten Ruf als natürliches Biotop der Dichter und Denker mit einiger Aussicht auf Erfolg verteidigen.

Andere Konsequenzen sind freilich auch nicht zu übersehen: Das demographische "Nein" der Akademikerfamilien droht diejenigen noch mehr ins Abseits zu schieben, die sich für Kinder entscheiden.

Es mag gute Gründe dafür geben, dem Wunsch nach einem Kind keinen der vorderen Plätze in den persönlichen Wertecharts einzuräumen und es wäre mehr als nur töricht, etwa für Studentinnen eine Art postmoderne Mutterschaftsideologie propagieren zu wollen. Es darf andererseits aber auch nicht entfernt soweit kommen, dass Elternschaft mit Unterschicht gleichgesetzt wird, dass Väter und Mütter statt Hilfe nur scheele Blicke ernten.

Wer sich für ein Kind entscheidet, darf in diesem Land nicht der Dumme sein.

Uwe Bork, geboren 1951 im niedersächsischen Verden (Aller), studierte an der Universität Göttingen Sozialwissenschaften. Nach dem Studium arbeitete Bork zunächst als freier Journalist für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften und ARD-Anstalten. Seit 1998 leitet er die Fernsehredaktion "Religion, Kirche und Gesellschaft" des Südwestrundfunks in Stuttgart. Für seine Arbeiten wurde er unter anderem mit dem Caritas-Journalistenpreis sowie zweimal mit dem Deutschen Journalistenpreis Entwicklungspolitik ausgezeichnet. Bork ist Autor zahlreicher Glossen und mehrerer Bücher, in denen er sich humorvoll-ironisch mit zwischenmenschlichen Problemen auseinandersetzt. Gerade erschienen ist sein Buch "Paradies und Himmel. Eine Reise an die Schwellen des Jenseits".
-> Politisches Feuilleton
-> weitere Beiträge