Politisches Feuilleton
Politisches Feuilleton
Montag bis Samstag • 7:20
7.12.2004
Vom europäischen Traum zum Albtraum
Von Günter Kunert

Günter Kunert (1983) (Bild: AP)
Günter Kunert (1983) (Bild: AP)
"Der kranke Mann am Bosporus", wie man die Türkei einst nannte, scheint immer noch nicht so gesund zu sein, wie es wünschenswert wäre. Er ist mit mancherlei Gebrechen behaftet, die kaum therapierbar sein dürften. Ihn ins europäische Haus zu holen, ist darum wohl nicht ganz ungefährlich. Offiziell laizistisch, inoffiziell islamisch, bleibt der ferne, fremde Freund dubios.

Kann sich Europa einen solchen Mitbewohner leisten? Wirtschaftlich für uns eine schwere Belastung, schleppt die Türkei einiges an Ballast mit sich, der sie von den übrigen Familienmitgliedern gravierend unterscheidet. Vor allem ist das der Glaube. Bei uns längst reine Privatsache, gilt die Religion einer Mehrheit von Türken als Richtschnur und ehernes Gesetz im Leben. Innenminister Schilys Aufforderung an Muslime, ihren Glauben unseren zivilisatorischen Standard anzupassen, kann nur scherzhaft gemeint sein. Ein über Jahrhunderte hinweg zementiertes Denken lässt sich durch Aufforderungen und gute Worte nicht ändern - noch dazu in einer Zeit der Renaissance des Islam, dessen Aufblühen bedingt wird durch die Unfähigkeit, mit einer modernen, durchrationalisierten Gesellschaft zurecht zu kommen. Insofern flüchtet sich die epidemisch grassierende Orientierungslosigkeit in die Moschee und zu Predigern, deren Weltsicht dem Mittelalter entspricht. Hinzu kommt, dass, falls die Türkei Mitglied der EU würde, sie durch ihre rapide wachsende Bevölkerung zum bestimmenden Faktor in Brüssel würde. Das ist nicht der europäische Traum, sondern eher ein Albtraum.

Außerdem resultiert eine Psyche Unsicherheit auch aus der Tatsache, dass die Türken in ihrem Wohngebiet Zugezogene sind, die die griechische Bevölkerung rabiat verdrängt haben. Aus asiatischen Weiten kommend, haben sie das Land erobert - dergleichen bildet, unter anderem, ein seelisches Sediment. Die Sucht nach ethnischer Reinheit hat die schlimmsten Folgen gezeitigt. Gleich der Germanisierung im "Dritten Reich" vollzog sich die regressive Türkisierung, die sich teilweise blutig vollzog. Was in einer Demokratie möglich ist, erweist sich in der türkischen Scheindemokratie als nicht machbar: die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit. Ich rede vom Holocaust an den Armeniern, die zu zehntausenden in den Tod geschickt wurden, ohne dass heute in Ankara oder Istanbul ein Hahn danach kräht. Die Liquidierung einer umgänglichen Volksgruppe unterliegt strengstem Stillschweigen.

Man stelle sich vor, in Deutschland sei die "Bewältigung" unserer Vergangenheit, der Massenmord an den Juden, tabuisiert und eine allgemeine Verleugnung angeordnet. Solange die Türkei sich nicht zu ihren einst durchgeführten Verbrechen gegen die Menschlichkeit bekennt, möchte ich sie nicht als gleichberechtigt in Europa sehen. Und was man sich mit den Kurden geleistet hat, ist kaum weniger übel. Diesem Volk wurde die eigene Sprache verboten, die eigene Kultur und selbst ihre Stammesbezeichnung wurde durch die idiotische Formel "Bergtürken" ersetzt. Gut, es gibt heute gewisse "Schönheitskorrekturen", doch die Unterdrückung der Kurden dauert an. Die Nachwirkungen der ehemaligen orientalischen Despotie rumoren in mancher Psyche, wie bei uns die Folgeerscheinungen des Hitlerismus.

Die Türkei kannte und kennt keine Aufklärung, keine Auseinandersetzungen unterschiedler Philosophien. Nietzsches Diktum "Gott ist tot" würde, wenn von einem türkischen Philosophen ausgesprochen, zu seiner Tötung führen - nicht gerichtsamtlich angeordnet, aber von willigen Helfern vollstreckt.

Was wissen wir schon vom Geist oder Ungeist jener uns unbekannten Millionen jenseits des "Goldenen Horns"? Ich fürchte, hinter der europäischen Fassade türkischer Großstädte schläft ein urtümliches Wesen, das der Assimilation widersteht und das sich bei Bedarf manipulieren lässt. Wir kennen die Gewalt von Ideologien, von blinder Gläubigkeit nur zu gut, und wir wissen auch, wie schwach dagegen die Position der gewaltlosen Vernunft ist und bleibt.


Günter Kunert, geboren 1929 in Berlin, wurde von Johannes R. Becher entdeckt und protegiert. Bis zu seiner Übersiedelung in die Bundesrepublik 1979 galt Kunert in der DDR als einer der meistgelesenen Autoren. Seine vielseitiges Werk umfasst u.a. Gedichte, Essays, Erzählungen, Märchen, Reisejournale und Kinderbücher. 1976 gehörte Kunert zu den Erstunterzeichnern des Protestbriefes einer Reihe von DDR-Schriftstellern gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Zu den zahlreichen Ehrungen und Auszeichnungen Kunerts zählen u.a. der Heinrich-Mann-Preis, der Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf, der Hölderlin-Preis, der Hans-Sahl-Preis und der Georg-Trakl-Preis. Gerade erschienen ist Kunerts Aufzeichnungsbuch "Die Botschaft des Hotelzimmers an den Gast".
-> Politisches Feuilleton
-> weitere Beiträge