Politisches Feuilleton
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8.12.2004
Erotik, Lüstlinge, Kuppler
Oper in der Ästhetik des 21. Jahrhunderts
Von Rolf Schneider

Rolf Schneider (Bild: Therese Schneider)
Rolf Schneider (Bild: Therese Schneider)
Der Serail ist ein muslimisches Frauenhaus. Seine Bewohnerinnen stehen den erotischen Anforderungen des Hausherrn zur bedingungslosen Verfügung. In diesem Sinne zeigt Berlins Komische Oper in ihrer Produktion von Mozarts "Entführung" den Serail als Bordell und die darin befindlichen Damen als Nutten. Publikum und Presse reagierten empört.

In Salzburg war man da schon weiter. Bei der Festspiel-Inszenierung des "Rosenkavalier" vom Sommer 2004 spielte der dritte Akt, vom Librettisten als Landgasthof gedacht, wiederum in einem Freudenhaus, obschon die Begegnung zwischen Ochs und Mariandl eher nach einem Stundenhotel verlangte. Gleichwohl: Publikum und Presse zeigten sich überwiegend freundlich.

Hier wird eine Entwicklung erkennbar. Als man im Frühjahr 2004, in Niedersachsen, "La Traviata" in einem Bordell ablaufen ließ und die Titelheldin als dominantes Callgirl auftrat, gestaltete sich der Proteststurm ganz außerordentlich. Dabei ist Violetta schon bei Verdi und dessen Librettisten Piave eindeutig eine Edelhure, wie denn überhaupt die Verknüpfung von Musik und Prostitution auf eine ebenso lange wie ehrwürdige Tradition zurück blicken darf.

Die Beweise sind reichlich und können hier nicht alle aufgezählt werden. Wir erinnern nur an den Venusberg in Wagners Oper "Tannhäuser", der nichts ist als ein mythologisch überzuckertes Freudenhaus, und an Georges Bizets "Carmen", wo die Titelheldin als sexuell freizügige Schlampe auftritt. Erwähnt seien die Lüstlinge, leichten Mädchen und emsigen Kuppler in Bühnenwerken Mozarts und Rossinis. Erinnert sei außerdem an die Entstehung von Tango und Jazz in den Rotlicht-Milieus von Buenos Aires beziehungsweise New Orleans wie auch an die Obszönitäten bei antiken Tempeltänzern und modernen Pop-Stars wie Madonna und Michael Jackson.

In dem Wort Obszönität ist das Wort scena enthalten, bezeichnend den Raum für öffentliche Vorführungen. Was bei den Alten das Amphitheater unter freiem Himmel war, ist in unserer von Frost und Regenschauern durchwehten Moderne das von Architekten wie Semper und Aalto errichtete Bühnenhaus. Der Inhalt, also die einstudierte Präsentation von erdachten Handlungen zum Zwecke des allgemeinen Ergötzens, bleibt der nämliche, und so sehr sich inzwischen, in der Konsequenz einer auch hier obwaltenden Arbeitsteiligkeit, die Genres aufgefächert haben in Drama, Komödie und Ballett, erhält sich die heimliche Sehnsucht nach dem theatralischen Gesamtkunstwerk antiken Musters, das sich am ehesten in der Oper realisiert.

Das theatralische Gesamtkunstwerk der Alten, man denke an die Blutschändereien bei Sophokles oder an die sexuellen Ausführlichkeiten bei Aristophanes, thematisierte die fleischliche Liebe. Die öffentliche Darstellung von Erotik ist nichts anderes als eine Form der Prostitution. Man darf noch weiter gehen: alle Kunst, da sie Privates nach außen trägt und den Voyeurismus eines geneigten Publikums bedient, welches dafür Geld bezahlt, ist seinem Wesen zufolge nichts anderes als Hurerei, die freilich in 200 Jahren Kunst- und Bühnenpraxis überwiegend erfolgreich unterdrückt wurde.

Offensichtlich handelte es sich dabei um einen vorübergehenden Triumph des bürgerlichen Puritanismus. Das heutige Theater ist eine bürgerliche Erfindung, das, statt dem Sexualtrieb Raum zu geben, sich lieber als moralische Anstalt zwecks Schaffung einer Nation begriff. Überhaupt begann das Bürgertum seinen politischen Vormarsch im Zeichen einer hugenottischen Tugendhaftigkeit, womit es sich gegen die Libertinage des Adels zu profilieren gedachte. Zwar hielt sie dies in der Praxis nicht lange durch, aber auf dem Anspruch beharrte es weiterhin. Nunmehr aber, da der Adel bloß noch für Bunte Blätter taugt und der Calvinismus für die geistesgeschichtliche Erinnerung, kehrt das Bürgertum auch in seinem Kunstkonsum zu den Ursprüngen zurück.

Die Oper, als eine besonders aufwändige und deswegen besonders träge Apparatur, tut es zuletzt. Die Inszenierungen des im Sexuellen besonders einfallsreichen Regisseurs Calixto Biaito bedeuten zunächst nichts anderes als die Rückführung der Musik zu sich selbst. Außerdem schließt die Oper damit auf zu inszenatorischen Bräuchen, die den Schauspielbühnen, mit der ausführlichen Darstellung von Sexualpraktiken und der reichlichen Ausstellung nackter Haut, längst selbstverständlich sind, vom Spielfilm zu schweigen. Hinfort erwarten wir von Strauss' Salome, dass sie ihren Striptease bis zur letzten Konsequenz vollführt, und fordern auch das sichtbare Beilager von Tristan und Isolde. Wir räumen ein, dass die Physis mancher Sängerdarstellerin solchem Wunsche ein wenig entgegen steht - doch mit radikalen Schlankheitskuren, bezahlt von der Deutschen Bühnengenossenschaft und angelegentlicher Recherche beim Nachwuchs ist auch dieses Problem zu lösen. Es geht um nichts Geringeres als um die endliche Ankunft der Oper in der Ästhetik des 21. Jahrhunderts.

Rolf Schneider stammt aus Chemnitz. Er war Redakteur der kulturpolitischen Monatszeitschrift Aufbau in Berlin (Ost) und wurde dann freier Schriftsteller. Wegen "groben Verstoßes gegen das Statut" wurde er im Juni 1979 aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen, nachdem er unter anderem zuvor mit elf Schriftstellerkollegen in einer Resolution gegen die Zwangsausbürgerung Wolf Biermanns protestiert hatte. Veröffentlichungen unter anderem "November", "Volk ohne Trauer" und "Die Sprache des Geldes". Rolf Schneider schreibt gegenwärtig für eine Reihe angesehener Zeitungen und äußert sich insbesondere zu kultur- und gesellschaftspolitischen Themen.
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