Politisches Feuilleton
Politisches Feuilleton
Montag bis Samstag • 7:20
9.12.2004
Patriotismus
Vom Auslaufmodell zum Kassenschlager?
Von Peter Merseburger

Peter Merseburger (Bild: AP)
Peter Merseburger (Bild: AP)
Man könnte dies alles leicht abtun mit dem Hinweis, an deutschen Stammtischen werde wieder einmal um die Lufthoheit gerungen - diesmal in Sachen Patriotismus. Aber ganz so einfach ist die Chose nicht. Es gibt nämlich eine Parteivorsitzende, die demnächst das Land regieren will und behauptet, wer sein Land nicht liebe, sei unfähig, ihm die passenden Reformen auf den Leib zu schneidern. Und da gibt es natürlich jenen, den diese Vorsitzende gemeint hat - den Kanzler der Reformen. Das Land, das er regiert, findet er zwar wunderbar, meint jedoch einschränkend, vieles daran sei verbesserungswürdig. Aber als Patriot sieht er sich zweifellos, wenn auch als einen im Dauerstress: Täglich arbeite er hart daran, sein Land nach vorn zu bringen - etwa dadurch, dass er der deutschen Wirtschaft, wie in diesen Tagen in China, neue Exportmärkte erschließen hilft. Wertschöpfungs-Patriotismus nannte dies bissig der Journalist, der ihn dazu interviewte.

Liebt er, liebt er nicht - das Gänseblümchen-Zerrupfspiel ums liebe Vaterland wäre überflüssig wie ein Kropf, wenn es nur darum ginge, von der Brüchigkeit oder den Widersprüchen des Reformkompromisses um die Gesundheitspolitik wirksam abzulenken, auf den sich Angela Merkel und Edmund Stoiber unter Mühen geeinigt haben. Sicher dient die von ihnen losgetretene Werte- und Patriotismus-Debatte auch diesem Zweck. Überflüssig ist sie dennoch nicht, denn hinter ihr steckt die Frage, wie deutsch die Deutschen noch - oder wieder - sein oder sich fühlen wollen. Viele Deutschen suchten Ihrer missratenen Geschichte durch die Flucht nach Europa zu entrinnen - in der Hoffnung, die europäische Integration werde eine wahre Föderation hervorbringen, Nationen zur Bedeutungslosigkeit verdammen und ihnen so die Last des Deutschseins abnehmen. Doch die Hoffnung trog: Franzosen oder Holländer pflegen ihre nationalen Traditionen, fühlen sich, ohne deshalb schlechte Europäer zu sein, pudelwohl in ihren angestammten nationalen Gehäusen und denken nicht daran, sie aufzugeben.

Nun ist seit der Vereinigung klar, dass wir wieder in einem deutschen Nationalstaat leben - einem postnationalen Nationalstaat zwar, der Kompetenzen an Brüssel abgab und fest eingebunden ist in die westliche Allianz - aber eben einem Nationalstaat. Und wenn es noch Zweifel gegeben haben sollte, wie sich die europäische Union entwickeln wird, sind sie seit der letzten Osterweiterung ausgeräumt: Polen oder Tschechen, die nach jahrzehntelanger sowjetischer Vorherrschaft 1989 ihre nationale Freiheit wieder gewonnen haben, denken nicht daran, sie jetzt auf dem Brüsseler Altar zu opfern. Die europäische Union wird zwar wirtschaftlich weiter zusammenwachsen, aber doch ein Verbund der Staaten und Vaterländer bleiben. Die Deutschern stehen damit vor der Frage, wie sie es halten mit sich, mit ihrem Selbstverständnis, mit ihrer Geschichte und - mit dem Patriotismus.

Selbst Angela Merkel predigte ihn ohne mitreißenden Enthusiasmus, ja mit gedämpftem Trommelklang. Wir können eben nur schwer Frieden machen mit uns, genauer: unserer Geschichte. Auschwitz wird immer an uns haften - und zu Recht, denn nie sollte dieser Zivilisationsbruch vergessen werden. Und doch ist es falsch, unsere Geschichte nur aus der Perspektive nationalsozialistischer Vernichtungslager zu sehen. Das Deutschland des 18. und 19. Jahrhunderts, selbst der ersten Jahrzehnte des 20.Jahrhunderts, zählte zu den führenden Kulturnationen. Und bis Hitler mit seinen Rassegesetzen bedeutende Forscher aus Deutschland vertrieb, hielt es auch naturwissenschaftlich einen Platz in der Spitzengruppe der Nationen, wie die damalige Zahl der Nobelpreise an deutsche Forscher eindringlich belegt. Auch wir Deutschen haben Freiheitsbewegungen, von denen freilich nur eine obsiegte - die friedliche Revolution von 1989, in der das Volk ein diktatorisches Regime stürzte. Die drei gescheiterten sind dennoch nationale Ruhmesblätter: die Revolution 1848, der 17. Juni 1953 - niedergewalzt durch russische Panzer; und der 20. Juli 1944, an dem die Attentäter die Ehre Deutschlands retteten. Nicht ohne Stolz schließlich können wir zurückblicken auf jene 40 Jahre, in denen es gelang, in Westdeutschland eine Demokratie aufzubauen, den freiesten Staat deutscher Geschichte.

Es ist an der Zeit, Frieden zu schließen mit uns selbst und uns gemeinsam der positiven deutschen Traditionen zu erinnern, zumal die Glanzzeiten des ökonomischen Erfolgs, der ja lange als Ersatz-Patriotismus diente, längst vorüber sind. Und den Patriotismus-Skeptikern ins Stammbuch: Ein gedämpfter, positiver Patriotismus ist noch immer das beste Abwehrmittel gegen rechtsextreme Verfechter des Nationalismus, die in den letzten Wahlen wieder nach vorn marschierten.

Peter Merseburger, geboren 1928 in Zeitz, studierte Germanistik, Geschichte und Soziologie. Er war von 1960 bis 1965 Redakteur und Korrespondent des Hamburger Nachrichtenmagazins "Der Spiegel2, moderierte ab 1967 die Fernsehsendung "Panorama" und wurde 1969 TV-Chefredakteur des Norddeutschen Rundfunks. 1977 ging Peter Merseburger als ARD-Korrespondent und Studioleiter nach Washington. Weitere Stationen waren Ost-Berlin und London. Buchveröffentlichungen unter anderem "Die unberechenbare Vormacht", "Grenzgänger - Innenansichten der anderen Republik", die Kurt-Schumacher-Biographie "Der schwierige Deutsche" und "Mythos Weimar". Zuletzt erschienen ist die Biographie "Willy Brandt 1913 - 1992". Peter Merseburger lebt in Berlin und Südfrankreich.
-> Politisches Feuilleton
-> weitere Beiträge