Politisches Feuilleton
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10.12.2004
"Credo"
Religion – ein Zeichen von Stärke?
Von Florian Felix Weyh

Florian Felix Weyh, Schriftsteller und freier Journalist in Berlin (Bild: Katharina Meinel)
Florian Felix Weyh, Schriftsteller und freier Journalist in Berlin (Bild: Katharina Meinel)
Zwei Fragen sind in Deutschland absolut verpönt. Erstens: "Was verdienen Sie?" Zweitens: "Glauben Sie an Gott?" Während die erste Frage nur eine Überschreitung von Anstandsgrenzen beinhaltet, fällt die zweite unweigerlich auf den Fragesteller zurück. "So fragt nur einer, der selber glaubt", lautet der Verdacht, und als solcher muss er entweder naiv oder fanatisch sein. Nur in der Phase verzweifelter Sinn- und Identitätssuche, "Pubertät" genannt, wird die Frage nach dem Glauben toleriert. Wer jenseits der Zwanzig damit hantiert, muss mit dem Stigma intellektueller Unzurechnungsfähigkeit leben. Das ist der Preis für die totale Säkularisierung unserer Gesellschaft, die im Paradox lebt, dass zwei Drittel ihrer Mitglieder der christlichen Konfession angehören, sich aber nicht trauen, auf den Marktplatz hinaus zu treten und fröhlichen Herzens herauszuposaunen: "Ja natürlich glauben wir an Gott! Sonst wären wir längst bekennende Atheisten geworden!"

Also, wagen wir es! Credo. Ich besuche sogar hin und wieder Gottesdienste. Da ich evangelisch bin, gilt das Folgende natürlich nur für diese Hälfte des Christentums. In dieser Hälfte des Christentums ist die Kirche der Ort, den Gott erfunden hat, um den Glauben zu erschüttern. Wer nach dem Kirchgang unbeirrt weiterglaubt, muss wirklich reinen Herzens sein. Denn dort erfährt er Prüfungen, die ihn ernsthaft erwägen lassen, ob er nicht lieber seinen Glauben zu Hause praktiziert. Das ersparte ihm auch, dem Niedergang der abendländischen Institution Kirche beizuwohnen. Ohne das Fundament des Christentums gäbe es keine Kultur hierzulande. Kein Theater, keine Oper, keine Konzerte, keine erzählende Literatur. Weil Bibel und Gottesdienste der Urgrund sind, aus dem der Kulturbetrieb erwuchs, musste er sich davon emanzipieren.

Aber warum emanzipiert sich die Kirche selbst von ihren Wurzeln?

Zur Beruhigung: Mit der Musik ist alles in Ordnung. Die Sumpfblüten der 70er-Jahre ("Danke für meine Arbeitsstelle!", sang man damals) sind längst zum Unterhaltungstheater hinübergewandert, wo sie verdientes Gelächter einstreichen. In der Hauptsache krankt die Kirche am Wort. Man kann den Predigten kaum zuhören. Ihre Sprache ist kindlich, ihre Botschaft einfältig. Nicht theologisch einfältig, wie sie es vielleicht in den Dorfkirchen des 19. Jahrhunderts gewesen sein mögen, sondern einfältig in der Art der säkularen Gesellschaft: platt politisch, platt menschelnd, eine simplifizierende Weltsicht in flacher Sprache vortragend. Es gibt Pastoren, die sind eine Anfechtung für jeden Zuhörer. Unterm Talar tragen sie Jeansjacken, und Jesus muss bei ihnen als Alibi für jede Form des weltlichen Protests herhalten: "Wenn Jesus heute lebte", sagt diese Art theologischer Wegweiser, "würde er an unserer Seite kämpfen!" Eine Aussage, die auch manch anderer Führer in der Weltgeschichte schon einmal auf den Lippen trug. Politik in Predigten ist wie Werbung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk: Anbiederung an die geistig ärmere Konkurrenz. Sie zerstört das weitaus gehaltvollere Eigenprofil und unterminiert die eigene Existenz.

Gewiss, diese Pfarrer sind in der Minderheit. Doch steht ihnen eine weitaus größere Gruppe nicht nach. Diese Pastorinnen und Pastoren sind "Gute-Kumpel"-Typen. In jeder Predigt sagen sie zehnmal "ich" und schwadronieren von häuslichen Krisen, zu deren Lösung sie ein Bibelzitat anbieten. Diese Gruppe hat das Niveau der 70er-Jahre nie verlassen, besucht mit Begeisterung die neuste Modetorheit, nämlich Workshops zur "liturgischen Präsenz", die ausgerechnet von Schauspielern angeboten werden. Dass man als Erfinder der Liturgie sie bei den epigonalen Verhunzern derselben wieder erlernen muss, wirft ein bezeichnendes Licht auf die Identitätskrise der Kirche. Seit mehreren Generationen scheint die Stellenbeschreibung eines Sozialarbeiters verbindlicher für Theologiestudenten zu sein als das Bild des geistlichen Hirten, dessen Medium eine schwierige, vielleicht auch nicht immer zeitgemäße Sprache ist.

Man muss aber nicht "die Leute dort abholen, wo sie stehen" (so die Sozialarbeitermeinung). Im Gegenteil! Das Fremde, Geheimnisvolle, schwer Erschließbare erweckt mehr Interesse als das Banale. Nur die Konfrontation meiner Existenz mit etwas anderem außerhalb von mir erweitert den Horizont. Von studierten Theologen hoch oben auf der Kanzel will ich keine mit Bibelsprüchen garnierte Gesellschaftsexegese vernehmen, sondern den alten, hohen Ton hören, der leider auch in der weltlichen Literatur untergegangen ist. Jener hohe Ton des Trostes und der Orientierung, der das Ertragen unseres Schicksals einfordert, sich dem irreführenden Gleichheitswahn entgegenstellt, der die Hoffnung verteidigt und die Trauer in den Fluss unseres Lebens einbettet. Erst wenn er wieder erklingt, wenn die nivellierende Marketingideologie aus den Kirchenköpfen entschwunden ist, kann der berühmte Satz von Blaise Pascal auch bei Zweifeln wieder auf fruchtbaren Boden fallen. "Atheismus", schrieb der französische Logiker vor dreihundertfünfzig Jahren, "ist ein Zeichen von Geistesstärke. Jedoch nur bis zu einem bestimmten Grade."

Florian Felix Weyh: Schriftsteller, geboren 1963, lebt als Autor und Publizist in Berlin. Preise und Stipendien für Drama, Prosa und Essay; seit 1988 arbeitet er regelmäßig als Literaturkritiker für den Deutschlandfunk. Verstreute Texte und weitere Informationen zur Person sind auf www.weyhsheiten.de zu finden.



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