Politisches Feuilleton
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11.12.2004
Wo sind wir daheim?
Von Dieter Forte

Menschen (Bild: dradio.de)
Menschen (Bild: dradio.de)
Ich weiß nicht, was Heimat ist, und ich weiß nicht, ob die, die aus Gewohnheit Heimat nennen nur verdrängen, dass auch sie keine Heimat mehr haben. In mir entwickeln sich keine heimatlichen Gefühle, wenn ich durch die Straßen des Quartiers gehe, in dem ich geboren wurde. Hier leben jetzt die als Gastarbeiter bezeichneten Menschen aus ganz Europa, aus Afrika und Asien, die wohl auch keine Heimat mehr haben. Angenehme Gefühle an gewissen Punkten der Geburtsstadt, ein schöner Platz, ein alter Park, der Rhein als ewiger Fluss, die Nächte in den Jazzkellern, aber diese Musik kam nicht aus der Heimat, sie kam aus der Fremde, und wurde doch zum Trost in der vom Krieg zerstörten Welt, die keiner mehr Heimat nannte. Ich kann nicht auf ein Geburtshaus verweisen, es existiert nicht mehr. Eine Luftmine hat es pulverisiert. Auch die Straße existiert nicht mehr, sie wurde neu erbaut, die Fassaden der Häuser sind mir unbekannt, ich kenne hier keinen Menschen. Ich bin ein Fremder in der Heimat.

Meine Vorfahren kamen aus Italien und Frankreich nach Deutschland, Seidenweber, Hugenotten, Glaubensflüchtlinge; sie kamen als stolze Bergleute aus Polen und suchten Arbeit. Länder, Städte und Dörfer waren nur kurzfristig Aufenthalt, beliebiger Wohnort, bindungslos, erinnerungslos, bis man weiterzog. Heimat war nur in den alten Geschichten, lange erzählt, bis sie verblassten. Heimat waren die großräumigen Familienverbände, bis auch sie zerfielen. Heimat war die mitgebrachte Sprache, die man langsam vergaß.

So entstanden meine Erinnerungen, halbvergessene Geschichten, vergilbte Bilder von Menschen vor einem Fotografen, vielfach umbenannt Orte, veränderte Grenzen.

Heimat war mir die Sprache, sie blieb mir, sie ist mir nun Hab und Gut, das Einzige, was ich weitergeben kann. Aber Sprache hat nicht viel mit Orten zu tun, in denen man zufälligerweise lebt.

Ich wohne in einem Land, dessen Sprache ich nur schwer verstehe und trotz aller Bemühungen nicht spreche, in einer Stadt, deren Traditionen und Sitten und Gewohnheiten mir fremd sind.

Aber haben die, die in ununterbrochenen Reden und Festen Heimat heraufbeschwören, noch eine Heimat? Oder übertüncht dieses Wort nur die Angst der Menschen, die spüren, dass auch ihre Heimat bis zur Unkenntlichkeit fremd geworden ist, dass nur noch das zutrauliche, lieb gewordene, viel gewünschte Wort blieb, Heimat. Sie werden darüber nicht nachdenken wollen, sie werden darüber nicht reden wollen, weil ihre Heimat ihnen ja gewiss ist, und sie besiegeln ihre Gewissheit mit dem ununterbrochen herbeizitierten Wort Heimat.

Aber selbst Herkommen und Sesshaftigkeit ist nicht mehr Garant der eigenen, besitzenden Heimat. Unsere Welt hat sich in den letzten Jahrzehnten rascher verändert als je zuvor. Nicht nur die Städte und ihre Einwohner sind sich zum Verwechseln ähnlich geworden, jedes Dorf, jeder Weiler hat sein jahrhundertealtes Bild von sich verloren und will es doch nicht wahrhaben, gegen besseres Wissen. Vielleicht fällt es mir mehr als anderen auf, dass das Heimatliche im Dasein keine Sicherheit verspricht.

Wo ist Heimat, wenn selbst Erbhöfe sich in industriell geführte Produktionsanlagen verwandeln; Seilbahnstationen ehemals einsame Berge zu Tausenden mit Touristen bevölkern. Wo ist der Unterschied zwischen Sesshaften und Umherziehenden, wenn Mobilität und Flexibilität gefordert werden und viele nur noch am Wochenende daheim sind, oder am Wochenende Last Minute ausfliegen, irgendwohin, wohin ist fast schon egal. Flüchtlinge und Flüchtlinge, Neuankommende und auf immer Fernbleibende.

Wir sind immer mehr nur noch auf Zeit zu Hause, hier und da, zufällig und begrenzt, in kurzen Aufenthalten. Wer denkt schon bei einem gut bezahlten Arbeitsplatz in einer anderen Stadt, in einem anderen Land, an die Heimat. Man wandert aus und gründet einen Heimatverein.

Die Werte haben sich verändert, es gibt neue Lebensinhalte, Lifestyle diktiert das Rollenverhalten, mit den alten, ehemals vertrauten Worten ist nicht mehr viel anzufangen. Ein neues Zuhause ist bald auch eine Heimat. Wer zehn Jahre in Mailand, Paris, New York lebt, nennt diese Städte seine zweite Heimat. Und wenn die Kinder zur Schule gehen, ist die Frage danach gänzlich überholt.

Das Wort hat seine fast urkundliche und ausschließliche Bedeutung verloren. Vielleicht übt das Wort Heimat, in seinem alten Sinn aus einer anderen Zeit stammend, nur noch einen Zwang auf unsere Gefühle aus, ein unbestimmtes Weh, dem wir uns mit unseren beständigen Reisen, unseren Zweitwohnungen und Alterssitzen in fernen Ländern zu entziehen suchen. Denn wir haben längst andere Ziele und die liegen in der Fremde und nicht mehr daheim. Trotz der zunehmenden Heimatsendungen in den Medien, deren verfälschendes Bild kaum noch zu übersehen ist. Trotz der zunehmenden Heimatreden, deren Vokabular ebenfalls unübersehbar aus dem vorigen Jahrhundert stammt, so dass wir der Worte nicht mehr sicher sind.

Wo sind wir daheim? Eine beschwerliche Frage ohne leichte Antwort. Und je enger und begrenzter unsere Antwort ist, desto unglaubwürdiger ist, je großzügiger und weiter, desto glaubhafter.

Dieses Europa, das jenseits aller nationalen Grenzen, die sich so oft und so beliebig verschoben haben, seit Jahrhunderten aus ununterbrochenen Wanderungsbewegungen, aus der Vermischung ganzer Völker besteht, ein Kontinent aus Emigration und Immigration, der gerade darin seine Identität findet, denn hier hat keiner lange für sich gelebt, hier haben alle Wurzeln in anderen Ländern, ein jahrhundertealtes Durcheinander von Menschen, Lebensformen, Sprachen und Traditionen, dieses Europa kann uns allen nur in Toleranz und Offenheit eine wirkliche neue Heimat sein.

Und zum Schluss, uns allen zum Trost, die weisen Gedanken des Baslers Jacob Burckhardt: "Im Grunde sind wir ja aber überall in der Fremde, und die wahre Heimat ist aus wirklich Irdischem und aus Geistigem und Fernerem wundersam gemischt."


Dieter Forte, geb. 1935 in Düsseldorf, ist Dramatiker und Romancier sowie Autor von Hör- und Fernsehspielen. Soeben erschien 'Auf der anderen Seite der Welt', der viel gelobte vierte Band seiner Roman-Tetralogie. Die anderen Bände: 'Das Muster' (1992), 'Der Junge mit den blutigen Schuhen' (1995) und 'In der Erinnerung' (1998). Alle Werke sind im S. Fischer Verlag erschienen. Dieter Forte hat zahlreiche Preis und Auszeichnungen erhalten, darunter den Baseler Literaturpreis (1992) und den Bremer Literaturpreis (1998).
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