Politisches Feuilleton
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13.12.2004
Was heißt hier eigentlich Bildung?
Eine Begriffsbestimmung
Von Jürgen Kaube

Wenn eine Bildungsministerin auftritt und erklärt, die Pisa-Studie habe nachgewiesen, dass die deutschen Schüler Bildungsrückstände hätten, und darum müsse man das Bildungssystem reformieren - dann ist eines unklar: Was heißt hier eigentlich "Bildung"?

Bildung ist ein sehr deutsches Wort. In vielen anderen Sprachen kommt man mit "Erziehung" aus. Hierzulande aber bedeutet "ungebildet" etwas anderes als "unerzogen". Und es meint mehr als dass jemand kein guter Rechner ist, oder nicht weiß, wie aus Kohle Stahl gemacht wird.

Der Pisa-Studie wird darum von manchen vorgeworfen, sie sage gar nichts darüber, wie viel Bildung die Fünfzehnjährigen in unseren Schulen besitzen. Das trifft zu. Um in jener großen internationalen Klassenarbeit gut abzuschneiden, musste man alles Mögliche können: Einen Text verstehen, in dem vom geklonten Schaf Dolly die Rede ist; eine Tabelle zur Kindersterblichkeit in verschiedenen Krankenhäusern interpretieren; oder erklären, warum sich auf der Erde Tag und Nacht abwechseln.

Was hier verlangt war, ist also die Fähigkeit, ganz elementare Techniken des Analysierens und Nachdenkens auf überschaubare Probleme anzuwenden. Es wurde geprüft, ob die Fünfzehnjährigen sich mittels Mathematik, Naturkenntnis und Sprachverstehen in bestimmten Alltagsfragen zurechtfinden. Ob sie eine Zeitung lesen können, ob sie einen logischen Fehler in einem Argument erkennen, ob sie etwas mit Geometrie anfangen können.

Bildung meint etwas anderes. Als der Begriff im 18. Jahrhundert prominent wurde, ging es um Erziehung zur Individualität. Der Schulunterricht, hieß es, solle die Selbsttätigkeit der Schüler fördern und sie dabei unterstützen, ihr eigenes Verhältnis zur Welt zu entwickeln. Gebildet sei, wer über sich selbst nachzudenken vermöge. Der Schüler wurde als Person vorgestellt, die sich durch Lernen an Natur, Geschichte, Kunst und Sprache selbst anreichert. Kurz: Der Unterricht soll es dem Schüler ermöglichen, herauszufinden, was alles in ihm steckt.

Als man um 1800 herum forderte, die Schule solle Bildung ermöglichen, wollte man sich damit vor allem von Nützlichkeitserwägungen distanzieren. Bildung sollte das sein, was die Schule ermöglicht, ohne dass das Berufsleben und die Wirtschaft unmittelbar etwas davon haben. Darum waren Kenntnisse der alten Sprache, der Künste, der Literatur, der Religion und der Philosophie lange Zeit synonym für Bildung.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Es kann nicht schaden daran zu erinnern, in einer Zeit, in der auch den Bildungsministern oft nicht mehr zur Bildung einfällt als dass sie auf Globalisierung und Informationsgesellschaft vorbereite. Die Schule erzieht nicht nur zur Berufsfähigkeit, sie erzieht auch künftige Staatsbürger und Familiengründer, Menschen also, die ihr Leben selbständig führen sollen.

Damit aber sind wir an dem Punkt, an dem die Kritik an den Aufgabenstellungen der Pisa-Tests ins Leere geht. Denn es gibt Schulen und Schüler, für die es überhaupt keinen Sinn hat, hohe Bildungsziele der genannten Art aufzustellen. Weil sie kaum lesen können. Weil sie Schwierigkeiten haben zu erklären, warum man medizinische Instrumente in heißem Wasser abkocht. Weil sie nicht wissen, worauf man achten muss, wenn man eine Statistik liest.

Es sind bildungsarme Kinder, und sie kommen meist aus bildungsarmen Familien. Aber ihnen fehlt nicht nur der Kontakt zum Schönen, Guten und Wahren des klassischen Bildungsbegriffs. Vielmehr noch fehlen ihnen Techniken des Denkens, des Beschreibens und des Durchschauens von Zusammenhängen. Wer eine Hauptschulklasse in einer deutschen Großstadt besucht, der wird nicht auf die Idee kommen, die Kinder dort und ihre Eltern als "bildungsfern" zu bezeichnen. Man sagt von jemandem, der gerade ertrinkt, ja auch nicht, dass er kein guter Rückenschwimmer ist.

Die Bildung, das ist wahr, leidet in allen modernen Gesellschaften - weil es hektische, ungeduldige Gesellschaften sind, und weil es egalitäre Gesellschaften sind, die auf Massenkonsum, Massendemokratie und Massenerziehung setzen. Bildung ist ein bürgerliches Ideal. Und wenn in bürgerlichen Schichten der Sport die Kammermusik und das Fernsehen die Lektüre ersetzt, bleibt das nicht ohne Folgen.

Doch die Probleme, die von der Pisa-Studie angesprochen werden, sind anderer Art. Hier geht es nicht darum, dass fast niemand mehr weiß, wie die Mutter von Achill heißt. Hier geht es darum, dass es soziale Schichten gibt, in denen selbst zu elementaren Fähigkeiten des Nachdenkens und der Lebensführung nicht mehr erzogen wird.

Und es geht darum, dass es Schulen gibt, denen zugemutet wird, diese Erziehung stattdessen zu leisten. Diese Zumutung verlangt von den Schulen, vor allem den Hauptschulen, riesige Anstrengungen. Dabei müssen sie nicht nur finanziell und durch mehr Freiheit, die man ihnen geben muss, unterstützt werden. Es ist darüber hinaus auch nötig, etwas zu tun, was in Deutschland besonders schwer fällt: Die Schule nicht von ihrem oberen Ende, vom Gymnasium her zu denken - sondern von unten her, von dorther also, wo sich keine Bildungsfragen stellen, weil nicht einmal die einfachsten Erziehungsaufgaben schon bewältigt sind.


Jürgen Kaube, geboren 1962, studierte Wirtschaftswissenschaften, Philosophie, Germanistik sowie Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin und war Hochschulassistent für Soziologie an der Universität Bielefeld. Seit 1998 ist er Redakteur im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", wo er für Fragen der Bildung, Wissenschafts- und Gesellschaftspolitik zuständig ist.
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