Politisches Feuilleton
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14.12.2004
Gleichheit und Gerechtigkeit
Von Michael Rutschky

Merkwürdigerweise sind die Skandaleffekte, die krasse Ungleichheit auslöst, höchst unterschiedlich. Während Herr Ackermann mit seinen Einkünften und seinem Victory-Zeichen vor Gericht sofort in die Ikonographie des Antikapitalismus einging, regt sich über Eminems horrende Tantiemen niemand auf. Dasselbe gilt für Fußballer-Honorare und die stupenden Summen, die berühmte Kunstwerke auf Auktionen erzielen - hier reagiert das Publikum mit Staunen, mit einer Art Fassungslosigkeit, wie sie Wunder (oder Zaubertricks) hervorrufen. Niemand kommt auf die Idee, diese Gelder zu enteignen.

Irgendwie entsprechen die Einnahmen von Eminem und seinesgleichen den Regeln der Meritokratie - irgendwie haben sie das viele Geld "verdient". Dagegen speist sich die Empörung über die Gehälter der Manager erstens daraus, dass sie keinen erkennbaren Leistungen entsprechen, im Gegenteil, die Firma ging ja pleite; vor allem aber zielt die Empörung auf die Prozedur: die Gruppe der Manager selbst legt ihre Gehälter fest, ein Fall von Selbstermächtigung - entsprechend bastelt zwecks Reparatur die Regierung an einem Gesetz, das den Aktionären Entscheidungsgewalt verschafft.

Vor allem bei Ostbürgern stößt man auf die Überzeugung, dass eine Wirtschaftsweise, die diesem oder jenem, aber nicht Ihnen oder mir ermöglicht, Millionär zu werden, in sich falsch und korrupt ist. Allenfalls wäre sie zu rechtfertigen, wenn sogleich eine höhere Instanz, der Staat eingriffe, die Millionäre enteignete, um das Geld umzuverteilen.

Die Probleme des praktischen Geldverdienens liegen außerhalb des allgemeinen Diskurses. Die meisten Leute sind, so sie Arbeit haben, Angestellte mit festem Monatseinkommen - die Debatten um Hartz IV, die Proteste dagegen liefen so, als wären im Grunde auch Arbeitslose Angestellte, die jetzt von einer ungerechten Minderung ihres Monatseinkommens bedroht seien; als käme der Staat gegenüber den Arbeitslosen seinen Pflichten als Arbeitgeber (der er ja nicht ist) nur unbefriedigend nach.

Die ökonomische Eigeninitiative, auf die der Kapitalismus so stark rechnet, beschränkt sich bei den Angestellten auf kluges Haushalten, weshalb die Parole "Geiz ist geil" bei ihnen so gründlich einschlug. Der Freiberufler, der - in gewissem Umfang - sein Einkommen selbst bestimmen kann, beobachtet, wenn er Erfolg hat, bald mit Entsetzen, wie die Steuerprogression zugreift. Ich gestehe, dass ich nach ein paar fetten Jahren mit zweifelhafter Befriedigung beobachtete, wie mein Einkommen und meine Steuerzahlungen wieder abnahmen. Das Finanzamt, dem man regelmäßig so viel voraus- respektive nachzuzahlen hat, will sich einfach nicht als heilige Stätte gesamtgesellschaftlicher Solidarität auffassen lassen. Keine noch so tiefe sozialdemokratische Gesinnung setzt dafür die Überzeugungskraft frei. Niemand vermag seinen Einkommensteuerbescheid stolz an die Wand zu hängen wie eine Leistungsurkunde: So viel habe ich für das Gemeinwohl getan.

Unheimlich wird es, wenn man - aufgrund von Erbschaft beispielsweise - über eine größere Geldsumme verfügt. Nach meiner Beobachtung setzt das ein brausendes Phantasieren frei, das einerseits Beraubungsängste, andererseits Größenideen stachelt. Vor allem aber entscheidet sich, ob man sich überhaupt für Geld als Arbeitsmaterie interessiert; ob man Lust hat, in die entsprechenden Operationen einzusteigen, Operationen, an denen man dann dauerhaft teilnehmen muss, sonst lohnt es sich nicht; Sie müssen den Geschäftsmann in sich entdecken, der den Profitmechanismus umsichtig und intelligent für sich zu nutzen weiß. Das unterscheidet sich fundamental vom klugen Haushalten, dem Warten auf den nächsten Monatsersten, worauf die Angestelltenexistenz ökonomisch beschränkt bleibt. Wer den Profitmechanismus abschaffen will, damit wir alle wie die Angestellten mit festem Monatseinkommen leben können, würde vermutlich alles kaputt machen.

Aber wahrscheinlich wollen Sie gar nicht den Geschäftsmann, sondern viel lieber den Künstler in sich entdecken. Es hat mich, wie ich gestehen muss, immer geschmerzt, dass ich nicht zeichnen kann - auch gar keine Talentresiduen in mir entdeckte, mittels deren ich es hätte lernen können. Von einer vorhandenen musikalischen Begabung dagegen machte ich ohne Bedauern keinen Gebrauch.

Keine Instanz kann hier Gleichheit herstellen, Ungerechtigkeit ausgleichen. Wir betreten ein morastiges Feld, das der moralisch folgenreichen Gefühle. Neid und Missgunst gehören dazu (die man bei Gerechtigkeitsdebatten gern schamhaft ausklammert: es handelt sich nicht um Gefühle, auf die man stolz sein kann). Aber, worauf vor allem die englischen Moralphilosophen immer insistiert haben, ebenso Sympathie, Mitleid und Wohlwollen.

Michael Rutschky, geboren 1943 in Berlin, ist Schriftsteller und freier Publizist. Er arbeitet für Presse und Rundfunk. Buchveröffentlichungen unter anderem "Die Meinungsfreude", "Unterwegs im Beitrittsgebiet", "Mit Dr. Siebert in Amerika" und "Berlin - die Stadt als Roman".
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