Politisches Feuilleton
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15.12.2004
Die Türkei, die EU und die Machtfrage
Von Bruno Preisendörfer

Bruno Preisendörfer (Bild: privat)
Bruno Preisendörfer (Bild: privat)
Vor ein paar Wochen bin ich wieder mal auf eine Party gegangen. Wie oft bei solchen Gelegenheiten tagte in der Küche ein Gästeparlament. Nachdem das Thema Irak abgehakt war, wurde über Integration politisiert, über Kopftuchverbot und Leitkultur. Unter den Gästen war ein türkisches Paar, Ende Zwanzig vielleicht, sehr nett, hellwach, topmodern; beide in Deutschland geboren, wie sich im näheren Gespräch herausstellte, und mit makellos hochdeutscher Aussprache - was ich von mir nicht behaupten kann, wie Sie hören.

Wie es sich so ergibt bei Küchendebatten, wurde ich gefragt, was ich vom EU-Beitritt der Türkei halte. Die Frage brachte mich in Verlegenheit. Schließlich bin ich genau so alt wie die "Römischen Verträge", mit denen 1957 der europäische Einigungsprozess begann. In Gestalt des jungen Paares wurde mir die Frage gewissermaßen von der Zukunft gestellt. Wenn die beiden so alt sein werden wie ich heute bin, wird die Türkei Mitglied der Europäischen Union sein. Daran habe ich nicht den geringsten Zweifel - bin aber trotzdem dagegen. Und genau deshalb war mir die Frage so peinlich. Es kam mir irgendwie abweisend vor, dem charmanten Paar ins Gesicht zu sagen, dass ich gegen die Aufnahme der Türkei bin; ich hatte das skurrile Gefühl, ihnen damit gewissermaßen persönlich die Tür vor der Nase zuzuschlagen - obwohl die beiden als deutsche Staatsbürger ja schon längst "drin" sind in der Union.

Ich gab mir einen Ruck und sagte meine Meinung. Das Paar versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, war aber doch ziemlich irritiert. Bei der Diskussion um die deutsche Leitkultur hatte ich wie alle anderen brav die üblichen multikulturellen Positionen vertreten, ich hatte sogar einen vaterländischen Witz über die deutsche Leitkultur und das deutsche Reinheitsgebot beim Bierbrauen gemacht. Das türkische Paar hatte lachend das deutsche Reinheitsgebot verteidigt, und ich hatte mich, ebenfalls lachend, geschlagen gegeben, obwohl mir trotz meiner niederbayrischen Herkunft mexikanisches Bier lieber ist, ehrlich gesagt.

Von dem kleinen Bierstreit abgesehen war man sich aber einig gewesen - bis zu dem Punkt, an dem die Frage nach dem türkischen Beitrittsgebiet aufs Tapet kam. Weil meine Auffassung in dieser Frage von dem multikulturellen Mainstream abwich, in dem ich nur wenige Augenblicke zuvor noch mit geschwommen war, machte sich ein gewisse Ratlosigkeit, um nicht zu sagen Verlegenheit breit. Weil die Leute aber nett waren, beharrten sie nicht weiter. Verständnisvoll wechselten sie das Thema, wie man es eben macht, wenn man jemandem, der gerade in den Fettnapf getreten ist, aus der Patsche helfen will.

Die kleine Szene hat mich länger beschäftigt. Warum bloß hatte ich dieses komische Gefühl, irgendwie abweisend zu sein, als ich meine Meinung äußerte? Es ging doch um keine persönliche Auseinandersetzung, sondern um eine außenpolitische Frage; und warum hatte meine Antwort auf diese Frage jene Art von Nachsicht hervorgerufen, die man Leuten entgegenbringt, die im falschen Moment einen schmutzigen Witz erzählen?

Nachdem ich das eine zeitlang durchgegrübelt habe, bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass es nur an der Macht liegen kann. Das eigentlich Peinliche ist die Macht. Machtfragen sind in Multikulti-Milieus so peinlich, dass jeder politische Konflikt zum kulturellen Problem umgedeutet wird. Der EU-Beitritt der Türkei ist aber von eminent machtpolitischer Bedeutung. Gemessen daran sind die ganzen Werte-, Kultur- und Kopftuchfragen fünftrangig: An erster Stelle geht es um die künftige europäische Außenpolitik, die nur als Machtpolitik begriffen werden kann; an zweiter Stelle geht es um die innere Verfassung Europas; an dritter Stelle um Wirtschaftspolitik; an vierter um Bevölkerungspolitik, und erst an fünfter um die kulturellen Dimensionen, die bei uns unglückseligerweise alle anderen dominieren.

Es wird gerne gesagt, man könne das alles nicht voneinander trennen. Und ob man das kann. Und weil man das kann, bin ich schon wegen des noch unabgeschlossenen europäischen Verfassungsprozesses und wegen der Machtkonflikte innerhalb einer künftigen gesamteuropäischen Außenpolitik gegen den Beitritt, selbst wenn die Türkei so christlich-abendländisch wäre wie Österreich.

Die Türkei ist ein politischer Koloss und ein historischer Riese, ein bewundernswertes Land mit einer imperialen Vergangenheit und einer großen republikanischen Zukunft. Deshalb ist das Land eine Nummer zu groß für die Europäische Union. Nach dem Beitritt, der wohl nicht mehr zu verhindern ist, werden wir das zu spüren bekommen.

Bruno Preisendörfer, Jahrgang 1957, lebt als freier Publizist und Schriftsteller in Berlin. Er studierte Germanistik, Politikwissenschaft und Soziologie in Frankfurt am Main und Berlin. 1997 Promotion mit einer Arbeit über "Ästhetik und Herrschaft im preußischen Absolutismus". Preisendörfer hat viele Jahre als Redakteur gearbeitet. Seine literarischen Texte veröffentlicht er unter dem Schriftstellernamen Bruno Richard. Zuletzt erschien der Roman "Desaster".
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