Politisches Feuilleton
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16.12.2004
Rettet uns der Patriotismus?
Eine Polemik
Von Alexander Schuller

Alexander Schuller (Bild: privat)
Alexander Schuller (Bild: privat)
1990 lichtete sich der Nebel. Jetzt wissen wir, dass wir nicht wissen, wer wir sind. Bis dahin glaubten wir es zu wissen: kleine mürrische Amis. Wir protestierten zwar gegen Notstandsgesetze, Gorleben und Bildung, aber zwischen Mauer im Osten und Schuldbewusstsein im Herzen fühlten wir uns geborgen. Ein bisschen waren wir ja auch gesamtdeutsch. Dafür sorgten die Engelmanns und die Engholms, die Wallraffs und die Wehners. Die Wirtschaft brummte, und im Sommer flogen wir in den Süden. Eine Außenpolitik brauchten wir nicht, und unsere Innenpolitik verteilte um. Weil alle bei allem mitbestimmten, waren Entscheidungen überflüssig. Einen Ernstfall gab es nicht.

Damit ist es vorbei. Die Wirtschaft brummt nicht mehr und wir fliegen auch nicht mehr in den Süden, sondern raus. Die einst weltweit führende deutsche Photoindustrie ist ausgelöscht, die einst weltweit führende deutsche chemische Industrie, unsere Textilindustrie ringen nach Luft. In dem Land, das den Computer erfunden hat, beherrschen amerikanische und asiatische Geräte den Markt. Geblieben sind uns unsere wunderbaren Autos, und auch hier bangen wir um Marktanteile. Die D-Mark wurde von Kohl an die Franzosen verscherbelt. Das Bruttosozialprodukt zittert über der Null. Dafür steigen die Schulden und die Steuern ins Unglaubliche. Pisa macht aus dem Volk der Dichter und Denker ein Volk von Deppen und Doofen. Die Ungebildeten wandern ein in unser Land, die Gebildeten wandern aus. Unsere ausländischen Mitbürger sind uns plötzlich zu viele und außerdem unheimlich geworden.

Kaum noch etwas klappt in Deutschland, dem einstigen Land der Leistung und des Wirtschaftswunders und der Wissenschaft, der Seele und der Sehnsucht. Der Geburtsort der deutschen Philosophie - Königsberg - trägt schon lange den Namen eines sowjetischen Massenmörders. Arbeitsmarkt, Maut, Magisterstudium - nichts geht. Selbst in der letzten uns verbleibenden Kompetenz, der "Erinnerungskultur", versagen wir: Das majestätisch konzipierte Projekt einer "Topographie des Terrors" brechen wir ab. Das andere, das größte Mahnmal aller Zeiten, ist zwar nicht abgebrochen, sieht aber so aus - wie eine missratene Hommage an Albert Speer.

Alle denken und Friedrich Merz sagt, dass wir uns der "kollektiven Dekadenz" nähern. Weder von unserer Vergangenheit noch von unserer Zukunft, weder von unserer Innen- noch von unserer Außenpolitik haben wir eine Ahnung. Was wollen wir und woran glauben wir? Wir lachen über unser längst vergessenes Christentum und erzittern vor dem Islam. Wir erkennen nicht, wer unsere Freunde sind und wer unsere Feinde. Wir beklagen den Geburtenrückgang und fördern die Homosexualität. Wir spüren, dass wir nicht mehr zu Hause sind in diesem Land voller fremder Gesichter, fremder Sprachen, fremder Sitten. Die Deutschen sind nur noch irgendwelche "Menschen draußen im Lande".

Es entspricht einer gnadenlosen historischen Ironie, dass wir gerade jetzt unser Land lauthals lieben sollen. Das würde uns angeblich wieder auf die Beine helfen. Frau Merkel möchte sich gerne über Patriotismus unterhalten. Ein substanzloses Reden über Landesliebe und Leitkultur soll deren offensichtlichen Verfall abwenden. Wir haben zwar eine Leitkultur, irgendeine, aber geblieben ist eine multikulturelle Verwirrung. Das nennt man dann ein Identitätsproblem.

Das ist zwar besonders für uns Deutsche - nach zwei verlorenen Kriegen - gravierend, aber nicht nur für uns. Der berühmte Sam Huntington hat es mit dem Titel seines jüngsten Buches auf den Nenner gebracht. Er fragt: "Who are we?" Globalisierung und in ihrer Folge die massenhafte Invasion der Armen in die westlichen Länder hätten unsere kulturelle Identität untergraben und unsere Regierungen zunehmend handlungsunfähig gemacht, meint Huntington. Man müsse einen solchen Vorgang als politischen und kulturellen Imperialismus begreifen, wie - entsprechend - jenen, der den Islam einst bis nach Tours, bis nach Wien, bis nach Haidarabad geführt hatte.

Max Frisch hat diesen Gedanken übrigens schon vor Jahren in dem Theaterstück "Biedermann und die Brandstifter" zum Ausdruck gebracht. Wenn ein Willensstarker und ein Willensschwacher sich begegnen, siegt immer der Willensstarke. In der Konfrontation zwischen selbstbewussten, totalitären und kinderreichen Gesellschaften sind identitätslose, kinderlose und kindische Gesellschaften zum Untergang verurteilt. Der Ernstfall, dessen wir uns mit Fußball und Fernsehen entledigt glaubten, rückt uns täglich näher. Wenn uns ein Muslim demnächst fragt, wer wir sind, wäre es nicht schlecht, wenn wir eine Antwort hätten.

Alexander Schuller ist Soziologe, Publizist und Professor in Berlin. Er hatte Forschungsprofessuren in den USA (Princeton, Harvard) und ist Mitherausgeber von "Paragrana"(Akademie-Verlag). In seinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen befasst er sich mit Fragen der Anthropologie und der Bildungs-, Medizin-, Geschichts- und Alltagssoziologie. Er arbeitet als Rundfunk-Autor sowie für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und gelegentlich für die "TAZ", die "Süddeutsche Zeitung", "Die Welt", "Die Zeit" und für die Zeitschriften "Merkur" und "Universitas".
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