Politisches Feuilleton
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17.12.2004
Der Label-Wahn
Ein Preis der Demokratie
Von Claus Koch

Claus Koch (Bild: claus-koch.com)
Claus Koch (Bild: claus-koch.com)
Nach dem Zweiten Weltkrieg trugen ältere Herren gerne auf ihrem Jacken-Revers das Reichssport-Abzeichen - wobei man das Reich nicht aussprach. Es war offensichtlich ein Ersatz. Die Siegermächte hatten ja alle Orden und Abzeichen aus vergangener Zeit verboten. Die Rühmung der Sportlichkeit aber konnten sie nicht unterbinden. Mit ganz nackter Anzugsbrust hätten sich jene älteren Herren unwohl gefühlt.

Die Jüngeren, zumal wenn sie Arbeitsdienst und Militärzeit hinter sich hatten, fanden das lächerlich und spießig. Sie genossen vielmehr die neue Zivilität der Zeichenlosigkeit. Und wer sich schon einen Anzug machen lassen konnte, wollte auch am Innenfutter kein Marken- oder Schneiderzeichen sehen. Für ein paar Jahre war noch einmal bürgerliche Gleichheit eingekehrt, die etwas Gleicheren konnte man am Tuch erkennen.

Gentlemen, sofern noch einige übrig geblieben waren, trugen nachher wie vorher nicht Orden noch Bekenntnisabzeichen am Leib. Wer ein Herr ist, gehört erst einmal sich selbst, er gehört nicht mit seinem Äußeren einem Verein, einem Orden, einer Kirche an. Das gilt auch heute noch. Damit ähnelt er freilich dem Geheimpolizisten, der sich nicht identifizieren lassen soll. Der Gentleman dagegen ist seine Identität, er gibt sich durch seine zivile Haltung, durch seine Manieren zu erkennen. Doch er macht sich nichts daraus. Er muss keine Identität voraustragen, wie die Politiker und andere Prominente.

Tempi passati. Den Jungen von heute ist die Abzeichenscheu der zivilen Bürger fremd. Viele bepflastern sich über und über mit Wort- und Spruchmarken, oft ohne zu wissen, was sie bedeuten. Wenn jemand STANFORD auf dem Rücken trägt, kann man sicher sein, dass er niemals dort gewesen ist, dass er nicht mal weiß, wer oder was das ist. Wer tatsächlich dort war, käme niemals auf die Idee, das auch anzuzeigen. Der STANFORD-Träger tut es vielmehr Michael Schumacher nach, dem Helden der bekennenden Prolls. An ihm können höchstens Kenner sehen, für welche der Halbdutzend Marken, mit denen er normalerweise beklebt ist, er zurzeit nicht fährt und fährt. Das gibt Rückschlüsse auf die Stärke der Konsumwerbung, nicht auf die Person von Schumi, der unter all seinen Markenzeichen nur sein blasses Grinsen hat.

Das ist die Rache der Massen- und Mediengesellschaft: Niemand kann sich mehr hervortun, Bedeutendes leisten und sich dafür von den Autoritäten auszeichnen lassen, sei es auch nur mit einem kleinen Bändchen wie der französischen Ehrenlegion. Mag einer auch hoch verdient sein und einen interessanten Kopf tragen: Wenn er durch die Medien sich nicht vermarkten lässt, gibt es ihn so gut wie nicht. Es verschwindet damit auch die höhere Autorität, die ihn auszeichnen und dem Volk als beispielhaft vor Augen stellen könnte. Niemand weiß, was der feinste deutsche Orden ist, der Pour le Mérite, und wer ihm angehört. Andererseits wird das Nobelpreis-Komitee längst als eine hohe Werbeorganisation angesehen, deren besonderer Trick darin besteht, dass ihre Mitglieder anonym sind. Niemand braucht zu wissen, woher sie das Recht nehmen, die feinsten Werbeträger für den Fortschritt auszuwählen - und dadurch ihren Marktwert zu erhöhen. Es hat keinen Sinn, sich dagegen zu wehren - etwa weil man meint, so viel habe man doch nicht bewirkt, es gäbe da viel Verdienstvollere und Würdigere. Wenn doch einmal einer ausbricht und nicht mitspielt, also die Auszeichnung ablehnt, wie Jean Paul Sartre es tat, erhöht sich damit sein Marktwert erst recht.

Die Werbeindustrie, die Preise verleiht und den Preis bestimmt, ist allemal die mächtigere. Sie erlaubt niemandem, auch nicht der größten Flasche, die Weigerung, sich durch sie aufs Treppchen oder Thrönchen stellen zu lassen. Es dauert freilich meist nicht lange, was und wen sie in die Höhe lobt. Das Verdienst, für das jemand hervorgehoben wird, verblasst rasch, wenn man sich daraus keine Prominenz verschaffen kann oder will. Und der Markt des Ruhms verlangt einen raschen Durchsatz an Prominenz. Wer gerade oben ist, amüsiert sich auf einem Trümmerhaufen weggeworfener Prominenzen seiner Vorgänger. Das ist der Preis, der für die Demokratie bezahlt werden muss. Er riecht nicht gerade angenehm.

Claus Koch, in München geboren, studierte Philosophie, Ökonomie und Geisteswissenschaften und war zunächst in einem Wirtschaftsverlag tätig. Seit 1959 arbeitet er als freier Journalist für Presse und Rundfunk, seit 2003 gestaltet er den Mediendienst "Der neue Phosphoros". In den sechziger Jahren redigierte Koch die Monatszeitschrift "atomzeitalter", später war er Mitherausgeber und Redakteur der Zeitschrift für Sozialwissenschaft "Leviathan" und Mitarbeiter mehrerer sozialwissenschaftlichen Forschungsprojekte. Zu seinen Buchveröffentlichungen zählen "Ende der Natürlichkeit - Streitschrift zur Biotechnik und Biomoral", "Die Gier des Marktes - Die Ohnmacht des Staates im Kampf der Weltwirtschaft" und "Das Ende des Selbstbetrugs - Europa braucht eine Verfassung".
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