Politisches Feuilleton
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18.12.2004
Das Heimchen am Herd
Kochende Männer. Oder: Der Wandel in der Familie
Von Sophie Dannenberg

Sophie Dannenberg (Bild: Doris Klaas)
Sophie Dannenberg (Bild: Doris Klaas)
Familie B. ist eigentlich fortschrittlich: friedensbewegt, ausländerfreundlich, umweltbewusst. Aber wenn sich Herr B. eine Schürze umbindet, zitieren alle lauthals Konrad Adenauer: "keine Experimente!" Herr B. kann kochen, und das sogar gut: Fischsuppe und Sauerkrautauflauf, Kartoffelsalat und Hackbraten, nach den Rezepten seiner Großmutter. Und weil er kreativ sein möchte und es gut meint mit seiner Familie, erfindet er jedes Mal Varianten - schnippelt Bananen in die Kartoffeln oder schaufelt Zimt in die Fischsuppe. Wenn Familie B. am Tisch sitzt, spielt sich meist folgendes ab: Herr B. strahlt, er hat Kerzen angezündet, Wein eingeschenkt, Soßen angerührt, Brot aufgebacken. Dann lüpft die Tochter demonstrativ ein Baguette, um zu prüfen, ob es angekohlt sein könnte. Frau B. probiert die Soßen. Da fehlt Muskat, sagt sie dann schmallippig. Und du hast mal wieder zu viel Öl reingerührt. Herr B. hört auf zu strahlen und wirkt bedrückt. Schweigend verteilt er den Salat. Nie habe ich erlebt, dass Frau B. ihrem Mann gedankt, dass sie ihn umarmt und für das schöne Essen gelobt oder ihm zuliebe die Mangomatjes oder den fritierten Kopfsalat einfach mal friedlich gegessen hätte. Sobald er sich eine Schürze umbindet, wird Herr B. zum Hanswurst der Familie. Obwohl er gar nichts Böses tut, im Gegenteil. Er nimmt seiner Frau die Arbeit ab, und während sie sich tagsüber beruflich entfaltet, versucht er eine uralte Kulturtechnik zu retten. Und doch kocht sich Herr B. um Kopf und Kragen. Ob sein Essen gelingt oder nicht: ausgelacht wird er am Ende immer. Vorbild ist er längst nicht mehr, Familienoberhaupt schon gar nicht.

Wenn ich meine Freundinnen, lauter kluge, attraktive, straighte Frauen Mitte dreißig, frage, ob sie kochen können, schütteln sie stolz den Kopf und erzählen selbstbewusst und fröhlich von angebrannten Tütensuppen und anderen Küchenkatastrophen. Fast scheint es, als wollten sie sich gegenseitig übertreffen. Nicht kochen zu können, ist eine Errungenschaft - für moderne Frauen. Für moderne Männer gehört das Kochen inzwischen zur Selbstdarstellung. Sie müssen nicht mehr jagen, Kriege gewinnen oder Unternehmen führen, sie müssen eine gute Mousse au chocolat machen können und eine echte Hollandaise, also ohne Mehl.

Meine Freundin Beate betont gern, dass sie ihrem Freund nicht mal eine Dose Spaghetti aufmacht. Ihr Freund ist Anwalt, erfolgreich, gut aussehend. Wenn er Beate zu sich nach Hause einlädt, rennt er vorher stundenlang durch die Markthalle, um Steinpilze, Jakobsmuscheln und schwarze Tagliatelle zu besorgen. Verlassen hat ihn Beate schließlich trotzdem.

Was ist geschehen? Der Mann ist zum Heimchen am Herd geworden, zum Hobby-Heimchen. Eine mütterliche Funktion erfüllt sein Kochen nicht mehr. Die Rolle der Mutter als Nährende hat sich erübrigt. Nicht nur sie, das Essen selbst hat sich längst emanzipiert. Das Essen braucht keine Köche mehr, weder mütterliche noch väterliche. Es ist ganz und gar autonom, sogar mobil. Und es macht mit uns, was es will. Es lockt uns aus dem Haus, lauert uns draußen auf, scheucht uns herum, löst die Familie auf - holt Vater und Mutter in die jeweilige Firmenkantine, die Kids erst zu Burgerking und dann in die Diätklinik. Auch zu Hause isst jeder allein. Nicht der Herd, sondern der Kühlschrank ist der neue Mittelpunkt des Hauses, an dem man sich aber nicht mehr begegnet. Möglicherweise kocht Herr B., um die Familie an einen Tisch zu bringen. Einen Lorbeerkranz kriegt er dafür nicht, denn er kocht an der falschen Front. Angesagt sind jetzt Patchwork und Schwulenehe. Das Prinzip Familie hat längst abgewirtschaftet. Ebenso das Prinzip Mann. Sein Kochen ist ein Flehen - um Anerkennung. Eine andere Chance hat er kaum. Wenn er Karriere macht, ist er ein Chauvi, denn er tut es auf Kosten seiner Frau. Wenn er keine Karriere macht, ist er ein Looser. Wenn er rauh ist, schimpfen wir auf sein Machogetue. Wenn er empfindsam und lieb ist, fällt uns ein, dass wir eigentlich einen richtigen Mann wollen.

Kochen und Essen als Geborgenheit und Familienkitt sind verschwunden. Das Heimchen am Herd ist mittlerweile eine Karikatur, nachgestellt von Männern. Sie werden dafür gelobt oder verachtet - gebraucht werden sie nicht. Beim Rollentausch hat sich nicht nur die Macht der Mutter verflüchtigt, sondern auch der Sinn des Kochens. Kochen macht Frauen nicht mehr begehrenswert. Es schmeckt zu sehr nach Muttchen, nach Glucke. Kochen wurde erst abgewertet, dann überflüssig und schließlich den Männern zugemutet. Damit wird ihr niedriger Status auch symbolisch demonstriert. Sie tun Nutzloses und sind nutzlos. Manchmal beschleicht mich der Verdacht, dass Herr B. den Zimt absichtlich in die Fischsuppe kippt. Er rächt sich - so wie früher die Domestiken mit ähnlichen Bosheiten an der undankbaren Herrschaft.

Sophie Dannenberg, geboren 1971 in Gießen, studierte Philosophie und Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaften in Bayreuth sowie Theaterwissenschaft in Berlin, wo sie auch lebt. Sie arbeitet als Redakteurin bei der ARD. 2004 veröffentlichte Sie den Roman "Das bleiche Herz der Revolution" über die Kinder der 68er.
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