Politisches Feuilleton
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22.12.2004
Die Kunst der Provokation
Von Richard Herzinger

Richard Herzinger (Bild: DIE ZEIT)
Richard Herzinger (Bild: DIE ZEIT)
Am 23. Dezember feiern wir Auferstehung. Endlich, endlich tritt Harald Schmidt wieder leibhaftig vor seine von Entzugserscheinungen gepeinigte Zuschauer-Gemeinde.
Doch die Messer der Kritik sind schon gewetzt. So unerträglich hoch sind die Erwartungen, ist das Sinnen und Sehnen der Fans nach den Scherzen und Sottisen des Meisters gespannt, dass das - darin scheint man sich im Kritikerlager schon vorab einig zu sein - ja wohl nichts werden könne. Ein Mann soll im öffentlich-rechtlichen Auftrag seiner eigenen Legende als nonkonformistisches Original gerecht werden - kein Wunder, dass der geschäftstüchtige Entertainer sich gegen ein abzusehendes Scheitern bereits vorab mit einer exorbitanten Gage abgesichert haben soll.

Es gab mal eine Zeit, da wirkte Harald Schmidt in der braven deutschen Fernsehlandschaft tatsächlich wie ein Provokateur. Damals, als er noch "Dirty Harry" hieß, also in den ersten Jahren seiner Late Night Show bei Sat 1, so etwa zwischen 1995 und 1998, stempelte ihn das deutsche Highbrow-Feuilleton zum Exekutor des definitiven Niedergangs der Fernsehkultur im Besonderen und jeglichen kulturellen Anspruchs im Allgemeinen. Ein menschenverachtender Schmuddelkomiker, so damals die vorherrschende Ansicht in gebildeten Kreisen, der sich - oh pfui und dreimal pfui! - ans Privatfernsehen verkauft hatte, um auf Kosten von Minderheiten mit sexistischen und ausländerfeindlichen Witzen die dumpfen Volksinstinkte zu bedienen. Angeschaut hat sich die Sendung damals von diesen Kritikern wohl keiner. Sonst hätten sie vielleicht gemerkt, dass sich Schmidt im Grunde gar nicht über die armen Schwachen in der Gesellschaft lustig gemacht hat, sondern über jene gute Gesellschaft, die ihr Gutsein immerfort durch pietätvolles Gerede über arme Schwache und Benachteiligte zur Schau stellt, welche ihr angeblich so sehr am Herzen liegen.

Irgendwann hat dann aber irgendwer damit angefangen (im Zweifelsfalle war es die FAZ), in Schmidt ein vieldeutiges, doppelbödiges, experimentalavantgardistisches Genie postmoderner Humorkultur zu sehen. Und dann haben alle, alle mitgemacht und sich in Lobpreisungen des neuen Idols gegenseitig übertroffen. Selbst wenn Schmidt, weil ihm partout nichts mehr einfiel, minutenlang in die Kamera schwieg, wurde das als aufregender Vorstoß in die Sphäre des Anti-Fernsehn-Fernsehns gefeiert. Als Schmidt seine Show dann urplötzlich einstellte, waren Heulen und Zähneklappern entsprechend groß. Ein Kritiker der "Zeit" beschied melancholisch, nach Schmidt werde es im Fernsehen nichts Nennenswertes mehr zu sehen geben. War es zunächst sein Erscheinen auf dem Bildschirm, so war nun Schmidts Abgang gleichbedeutend mit dem endgültigen Untergang der Kultur des Abendlandes.

Mit seiner Seligsprechung durch den deutschen Geistes-TÜV ist Harald Schmidt aber unwiederbringlich der Giftzahn gezogen worden. Was immer er nun von sich gibt, alle sind wild entschlossen, es gut zu finden, vom Marken-Provokateur brüskiert und echauffiert zu werden. Das Dumme ist nur: Provokation lebt vom Unerwarteten und Unberechenbaren. Gesellschaftlich abgefragter und staatlich subventionierter Tabubruch jedoch beginnt das Publikum bald wieder zu langweilen. Das Schicksal aller Berufs-Provokateure: Irgendwann landen sie als ergrauende Dauerbesetzung für die Sparte Querdenkertum in den Talk-Shows der Dritten Programme. Stichwort: "Sagen Sie doch mal was Unverschämtes!"

Doch eigentlich ist es auch längst abgeschmackt, sich über diesen Mechanismus der Provkations-Integration lustig zu machen. Über die eigene Kultur Hohn und Spott auszugießen, gehört nun einmal zu den Selbstvergewisserungsstrategien offener Gesellschaften, und es bleibt deshalb nicht aus, dass die Grenzüberschreitung über kurz oder lang in den offiziellen Kulturbetrieb eingebaut wird. Ernsthaft herausgefordert wird dieses Prinzip heute nicht mehr durch Eingriffe staatlicher Autoritäten, sondern von selbst ernannten Sprechern so genannter kultureller oder religiöser Minderheiten, und das ausgerechnet im Namen der Toleranz. In England wird derzeit ein Gesetz vorbereitet, das Aufstachelung zu "religiösem Hass" unter Strafe stellen soll. Besorgt zeigt sich der Gesetzgeber vor allem wegen der vermeintlich grassierenden "Islamophobie". Muslimische Organisationen haben wiederholt klar gestellt, was sie darunter verstehen. Witze über den Propheten Mohammed etwa werden als beleidigend und rassistisch eingestuft

Die Ermordung des niederländischen Regisseurs Theo van Gogh, einem notorischen Provokateur, der absichtlich stets zu weit ging, durch einen islamistischen Fanatiker hat gezeigt, wie weit die Bedrohung von dieser Seite potenziell reicht. So könnte der humoristisch-frivole Tabubruch, der in unserer Gesellschaft längst zum selbstreferenziellen Spiel geronnen war, bald wieder ganz realen Wagemut erfordern.

Dr. Richard Herzinger, Jahrgang 1955, ist Deutschlandkorrespondent der in Zürich erscheinenden "Weltwoche". Zuvor hatte Herzinger als Redakteur und Autor der Wochenzeitung "DIE ZEIT" gearbeitet. Seine letzten Buchveröffentlichungen: "Die Tyrannei des Gemeinsinns - ein Bekenntnis zur egoistischen Gesellschaft" und "Republik ohne Mitte".

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