Politisches Feuilleton
Politisches Feuilleton
Montag bis Samstag • 7:20
24.12.2004
"Wie hast du's mit der Religion?"
Von Barthold C. Witte

Katholische Mönche und eine Nonne beten in der Geburtskirche in Bethlehem (Bild: AP)
Katholische Mönche und eine Nonne beten in der Geburtskirche in Bethlehem (Bild: AP)
Am Heiligen Abend wird es sein wie jedes Jahr: überfüllte Kirchen, altvertraute Lieder, Weihnachtsevangelium, glänzende Kinderaugen, nachdenkliche Erwachsenengesichter, da und dort schon mal eine Träne. Man könnte meinen, wir seien, allen Unkenrufen zum Trotz, nach wie vor ein christliches Land. Sind wir es wirklich? Das äußere Bild scheint das zunächst zu bestätigen: Der Sonntag ist für die meisten ein Ruhetag, die wichtigen christlichen Feiertage sind staatlich geschützt, die Medien berichten fleißig über Stellungnahmen von Bischöfen oder Synoden, die Finanzämter sammeln die Kirchensteuer ein - kurz, christliche Kirchen, christlicher Glaube scheinen unangefochten.

Aber jedermann weiß, dass dies nur die Schauseite ist. Die andere Seite: Nicht einmal jeder zehnte Christ ist im normalen Sonntagsgottesdienst zu finden, jeder dritte Bürger. Jede dritte Bürgerin unseres Landes gehört keiner Religionsgemeinschaft an, die Kirchen klagen über Austritte und über schwindenden Einfluss auf Politik, Wirtschaft und Kultur - kurz, Religion ist weder cool noch in.

So ganz neu ist das alles freilich nicht. Schon Goethe ließ sein frommes Gretchen ihren Geliebten Heinrich Faust angstvoll fragen: "Wie hast du's mit der Religion?" Oft genug wurden Kirchen und Religion sogar totgesagt, zum Beispiel von Karl Marx. In dessen materialistischem Weltbild war für Gott kein Platz. Heute denkt der bürgerliche Materialismus ganz ähnlich: Geld regiert die Welt. Aber stimmt das wirklich? Erschöpft sich darin der Sinn des Lebens? Eine wachsende Zahl von Menschen stellt sich diese Frage, ist auf der Sinnsuche, wie Umfragen zeigen. Und auch in der Politik, sogar in der Wirtschaft wächst die Erkenntnis, dass der Staat, die Gesellschaft, die Unternehmen auseinander brächen, wenn sie sich nicht auf immaterielle Werte stützten, mithin auf ethische Grundsätze, wie sie schon der jüdische Prophet Mose in seinen zehn Geboten und Jesus in der Bergpredigt zusammen fassten. Dazu gehören der Respekt vor dem Mitmenschen, seiner Freiheit und Würde, die Ehrfurcht vor dem Leben, der Schutz von Ehe und Eigentum, die Nächstenliebe, die Hilfsbereitschaft. Auch unsere Marktwirtschaft, oft als amoralisch verschrien, ruht auf solchen Grundlagen, zum Beispiel darauf, dass Vertragsfreiheit ohne Vertragstreue nicht denkbar ist.

Einige Vorgänge der letzten Jahre haben gezeigt, wie sehr ebenso politisches Handeln von ethischen Grundsätzen geprägt ist. Erinnern will ich etwa an das internationale Verbot der Todesstrafe, an die lange Auseinandersetzung um Möglichkeit und Grenzen des Schwangerschaftsabbruchs oder an die noch anhaltende Debatte um die Möglichkeit genetischer Veränderungen beim Menschen bis hin zum Klonen. Da gibt es allerdings vielfach Streit, der nicht leicht zu entscheiden ist, wenn nämlich solche Grundsätze miteinander in Konflikt geraten, zum Beispiel das Lebensrecht des ungeborenen Kindes mit dem fraulichen Recht auf Selbstbestimmung. In der Demokratie entscheidet am Ende die Mehrheit, doch bleibt diese gebunden an die verfassungsmäßige, nicht aufhebbare Garantie der Grundrechte jedes Menschen. Daran zeigt sich: Auch und gerade unser Grundgesetz ist von der Geltung ethisch bestimmter Grundwerte geprägt.

Gewiss kann man solche Grundwerte auch ohne Religion respektieren. Aber die historische Erfahrung lehrt, dass sie aus religiösem Grund erwachsen sind. Und deshalb sind religiöse Bindungen gerade in unserer pluralistischen Demokratie überaus hilfreich. Sie können sehr verschiedener Art sein, evangelisch oder katholisch, jüdisch oder moslemisch, kirchlich oder freireligiös. Gemeinsam ist ihnen, dass sie der Kitt sind, der unsere so vielfältige Gesellschaft zusammen hält, die Ligaturen, um mit dem großen Soziologen Ralf Dahrendorf zu sprechen. Religion sei allein Privatsache? Ja gewiss, wenn damit das Recht jedes Einzelnen gemeint ist, sich für oder gegen den Glauben zu entscheiden und zwischen seinen verschiedenen Formen zu wählen. Jedoch nein, wenn Religion hier, Staat, Wirtschaft und Gesellschaft dort nichts miteinander zu tun haben sollen. Sie haben durchaus miteinander zu tun, und das ist gut so.


Barthold C. Witte wurde 1928 in Kirchberg (Hunsrück) als geboren. Zu seinen Vorfahren gehört der Historiker Barthold Georg Niebuhr. Witte studierte Geschichte und Germanistik in Mainz und Zürich, Promotion 1957.

1971 trat er in den deutschen auswärtigen Dienst ein, war auf Posten in Genf und Kairo und ab 1977 bis 1983 stellvertretender Leiter, dann bis zur Pensionierung Ende 1991 Leiter der Kulturabteilung des Auswärtigen Amts, damit verantwortlich für die deutsche auswärtige Kulturpolitik.

Politisch engagierte er sich als Mitglied der FDP seit 1950, in welcher er zahlreiche Ehrenämter wahrnahm, zuletzt 1991-97 als Vorsitzender der Kirchenkommission der Bundespartei. Zugleich war er in der evangelischen Kirche seit 1967 ehrenamtlich tätig, lange Jahre als Vorsitzender des Ausschusses für öffentliche Verantwortung der rheinischen Landeskirche, 1991-97 als Mitglied des Rates der EKD und Vorsitzender der Evangelischen Kommission für das südliche Afrika.

Buchveröffentlichungen: "Was ist des Deutschen Vaterland?" (1967), "Der preußische Tacitus" (1979), "Davids Sohn" (1985), "Dialog über Grenzen" (1988), "Von der Freiheit des Geistes" (1998) und zuletzt "Für die Freiheit eine Gasse. Erinnerungen" (2003).



-> Politisches Feuilleton
-> weitere Beiträge