Politisches Feuilleton
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27.12.2004
Brief an einen großen Pädagogen
Vom Lehren und Lernen
Von Paul Stoop

Paul Stoop (Bild: privat)
Paul Stoop (Bild: privat)
Lieber Herr Ohm,
Sie werden sich wundern, dass ich mich nach so langer Zeit bei Ihnen melde. Sie waren einst mein Englischlehrer. Jetzt müssten Sie gerade in Pension gegangen sein. Nun, in diesem Jahr musste ich angesichts manch deutscher Debatte immer wieder an Ihren Unterricht denken, daher dieser Brief.

Womöglich erinnern Sie sich gar nicht mehr an mich. Ich war einer dieser Jungen mit einem gespaltenen Leben: meine holländische Familie bildete die kleine Parallelgesellschaft, aus der ich jeden Tag in die Schule kam. Wenn es darauf ankam, korrigierte ich das Deutsch meiner Eltern. So manches Deutsche blieb uns ganz fremd. Wir hätten nie unter Eid versprochen, dass uns künftig der Abend des 24. Dezember heilig sein würde. Oder akzeptiert, dass der Nikolaus am 6. Dezember kommt, wo der doch die Holländer am 5. Dezember abends besucht. Die mehligen Kartoffeln kamen aus der Heimat; der fest kochenden deutschen Leitknolle verweigerten wir uns beharrlich.

Seit der Schulzeit bin ich ganz gut zurechtgekommen, und das habe ich auch Ihnen zu verdanken. Sie waren heilig von Ihrem Beruf erfüllt und haben keine Minute mit Nebensächlichkeiten vergeudet. Die Wörter und die Reihenfolge der Satzteile mussten stimmen, und wir redeten mit Ihnen und untereinander Englisch, von der ersten Stunde an. Sie haben unseren Ehrgeiz angestachelt. Immer wieder gab es spontan ein Quiz. Das war stressig, denn je besser einer war und patzende Konkurrenten überflügelte, desto mehr stand er im Mittelpunkt. Alle fieberten mit: Aussprache, Intonation, Übersetzung. Wir sammelten Punkte und wollten gut sein - jeder wollte zur Elite gehören.

Wenn wir nicht spurten, hatten Sie einen Trumpf in der Hand, der immer stach: die Singstunde. Die wollten wir nicht verlieren. Zur Gitarre sangen wir jede Woche amerikanische und englische Lieder, Volksweisen, Popsongs, Kanons. Sie waren ein Musikant, ein Sänger und ein Schauspieler. Wenn wir etwas immer wieder Geübtes doch wieder falsch machten, konnte es vorkommen, dass Sie sich theatralisch die Haare rauften und wie ein tief gekränktes Rumpelstilzchen auf der Bühne tobten. Den Fehler haben wir danach nie mehr gemacht.

Sie waren mein Lieblingslehrer, aber sie waren nicht allein. Manche Ihrer Kollegen, die uns auch beeindruckten und mitrissen, waren so jung wie Sie. Zum Beispiel Christian Eschweiler, der ein schulübergreifendes Programm zusätzlicher Lernmöglichkeiten entwickelte, von Philosophie und Politik über Journalismus und Sprachen bis Musik und Yoga. So entstand von unten eine Art autonome Ganztagsschule. Andere Kollegen waren alt, wie der kurz nach der Jahrhundertwende geborene Paul Nathrath, der aus dem fernen deutschen Osten stammte, und uns die Weltliteratur nahe brachte. Goethe und Schiller waren ihm wichtig, aber Zola, Gogol und Solschenizyn mussten wir auch kennen lernen, selbst wenn das Fach Deutsch hieß. Er zog uns in den Bann durch seine eigene Begeisterung für den Stoff.

Warum mich all das mich nun umtreibt? Weil ich mich inmitten der aktuellen Debatten frage, was Sie in diesen Jahrzehnten als Lehrer bewegte. Hätten sie anders unterrichtet, wenn der Bund in Bildungsfragen mehr zu sagen gehabt hätte als das Land? Hat es für Sie irgendeine Rolle gespielt, wie der Schultyp hieß, auf dem Sie unterrichteten? Hätten Sie weniger gesungen, wenn wir mit dreizehn statt mit elf Jahren zu Ihnen in den Unterricht gekommen wären? Haben Sie sich jemals einen Deut um die Kultusministerkonferenz geschert? Hat Ihnen etwas gefehlt, als es jahrelang keine Föderalismusdebatte gab? Wäre Ihnen jemals in den Sinn gekommen, einem Politiker oder Gewerkschafter eine schwierige pädagogische Frage zur Beantwortung vorzulegen? Hat Ihnen ein Funktionär oder Minister jemals etwas vermittelt, das für Ihren Unterricht hilfreich war?

Ich liege wohl nicht falsch mit der Annahme, dass Ihre Antwort auf all diese Fragen Nein lautet. Hätten Sie nicht Lust, mit anderen Lehrern die Bildung in diesem Land zu erneuern? Wir würden alle Ministerkonferenzen für eine Weile stilllegen, Funktionäre würden wir in den Ruhestand schicken, und dann würde endlich darüber geredet, worüber jetzt soviel geschwiegen wird: Lernen und Lehren. Dolmetscher aus dem Finnischen und Holländischen könnten wir dann auch einsparen.

Ich freue mich auf Ihre Antwort,
Ihr Paul Stoop



Paul Stoop, 1955 in Amsterdam geboren, wuchs in Bonn auf und studierte dort Geschichte, Politologie und Spanisch. Nach seiner Promotion als Historiker an der Vrije Universiteit Amsterdam ging er 1988 zunächst als freier Autor nach Berlin. Von 1990 bis 1999 gehörte Stoop der Redaktion des Berliner TAGESSPIEGEL an und war 1994/95 Jahresstipendiat der Nieman Foundation for Journalism an der Universität Harvard. 1999 wurde er Programdirector der American Academy in Berlin, deren Stellvertretender Direktor er seit Anfang 2002 ist. Buchveröffentlichungen: 'Niederländische Presse unter Druck 1933-1940', 'Geheimberichte aus dem Dritten Reich. H.J. Noordewier als politischer Beobachter 1933-1935'.
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