Politisches Feuilleton
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28.12.2004
Der wild gewordene Zeitgeist
Über Konjunktiv, Zitate und Einwegflaschen
Von Bernd Wagner

Wie lautete der Satz, der den Italiener Buttiglione das Amt als EU-Kommissar kostete? "Ich mag denken, dass Homosexualität eine Sünde ist, so hat das dennoch keinerlei Auswirkungen auf die Politik - außer ich würde sagen, Homosexualität ist ein Verbrechen." Es handelte sich also um ein Nachdenken, dessen hypothetischer Charakter unter anderem durch den Gebrauch des Konjunktivs deutlich werden sollte. Das half ihm genau so wenig wie es dem CDU-Abgeordneten Hohmann half, als er seine Überlegungen zur deutschen und jüdischen Geschichte mit dem einzigen nicht im Konjunktiv gehaltenen Satz "Daher sind weder 'die Deutschen' noch 'die Juden' ein Tätervolk" abschloss. Dem Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger seinerseits wurde vor allem zum Verhängnis, dass er nicht mit den Fingern in der Luft krabbelte, um seine Zitate des Nazijargons als solche zu kennzeichnen. Und was hatte sich eigentlich Stefan Heitmann zuschulden kommen lassen, dass er seine Kandidatur zur Bundespräsidentenwahl zurücknehmen musste?

Es ist gleichgültig; denn ob Konjunktiv oder Zitat, mit Fragezeichen oder ohne, derartige Feinheiten interessieren die Wächter politischer Moral nicht, wenn sie die Annäherung an ein von ihnen aufgestelltes Tabu wittern. "Die 'Political Correctness'", konstatiert Hans Peter Duerr, "ist ein Lügengespinst, das einen rigiden und humorfreien Persönlichkeitstypus schafft - den Typ des Dauerempörten, der nur darauf wartet, abzusondern und zu bestrafen." Doch dass allein die Lust am Bestrafen die Jagden auf so unterschiedliche Köpfe wie die Jenningers und Walsers, Hohmanns, Heitmanns, Möllemanns und Buttigliones inspirierte, scheint mir bei aller Einsicht in die menschlichen Fähigkeiten zur Niedertracht unwahrscheinlich. Ich vermute in ihnen vor allem Ersatzhandlungen, die einer heimatlos gewordenen Linken die verloren gegangene Identität heraufbeschwören sollen.

Denn machen wir uns nichts vor: zwar war die Sowjetunion nicht die Heimat aller Werktätigen, aber doch in stärkerem Maße als sie es selbst vermuteten, der Rückhalt vieler sich als "progressiv" verstehender Intellektueller. So wenig sie in ihr leben mochten, so sehr sie die Missstände in ihr verdammten - die Sowjetunion und ihre Verbündeten waren eine reale Alternative zum westlichen Staatensystem, ein Bollwerk gegen die ungehinderte Verbreitung des Kapitalismus.

Als dieses wegbrach, setzte auch der Verfall des gesamten linken Wertesystems ein, dessen begrenzte Möglichkeiten sich an der Unfähigkeit, die deutsche Einheit zu verhindern, allzu deutlich erwiesen. Nun, rein machtpolitisch wurde dieser Zusammenbruch gut überstanden. Fast in sämtlichen osteuropäischen Staaten kamen nach einer kurzen libertären Phase wieder altkommunistische Kader der zweiten und dritten Reihe an die Macht, die sich häufig sozialdemokratisch nannten und mit den ebenfalls im Aufwind befindlichen Bruderparteien des Westens eine wirkungsvolle Allianz bildeten. Das Problem aber ist, dass die Regierungsgewalt innerhalb eines kapitalistischen Systems ausgeübt werden muss, dessen Vormarsch durch nichts mehr gebremst wird. Indem die globalisierte Macht des Marktes auf nationale Grenzen immer weniger Rücksicht nehmen muss, werden die Spielräume der einzelnen Regierungen geringer. Die heute an der Macht befindliche Linke ist Gefangene dieses Systems: wie ihre konservativen Gegner hat sie Betriebe und Banken zu privatisieren statt zu enteignen, hat sie Soldaten in den Kosovo und nach Afghanistan zu schicken, hat sie Sozialleistungen und Renten zu kürzen, muss sie sich an den gleichen wirtschaftlichen Zuwachszahlen messen lassen, deren Anbetung sie noch vor einem Jahrzehnt als Ausdruck eines menschlichen Irrglaubens gegeißelt hat.

Woran kann sie sich halten, um nicht vollends ihr Gesicht zu verlieren? An den Kampf mit Windmühlen gegen Atomkraftwerke und Erdölraffinerien, an den Zwangspfand für Einwegflaschen, an die Glorifizierung einer multikulturellen Gesellschaft, die nirgendwo als in den eigenen Köpfen existiert - und an einen rhetorischen Antifaschismus, der sich niemals in der Realität bewähren musste und stattdessen nach Ersatzopfern sucht. Diese regelmäßig stattfindenden Strafgerichte haben den Vorteil, den Korpsgeist zu stärken und von den alten Flecken abzulenken, die eigene Mitstreiter oder Koalitionspartner aus den Reihen der PDS auf ihren Westen haben.

Doch nicht nur die linke Perspektive ist unserer Gesellschaft abhanden gekommen, auf der rechten Seite des Spektrums sieht es nicht anders aus - warum sonst hat die CDU ihre Mitglieder Jenninger und Hohmann so bedenkenlos dem wild gewordenen Zeitgeist geopfert? Man könnte das als ein Aufbrechen ideologischer Verkrustungen begrüßen, wenn damit nicht zugleich jedes Denken preisgegeben würde, das eine Gesellschaft noch nach anderen als ökonomischen Gesichtspunkten beurteilt. Und wenn als Reaktion darauf nicht ein Anwachsen radikaler Bewegungen zu befürchten wäre, die das entstandene Vakuum auf ihre eigene, wirkliche Gefahr bringende Weise füllen werden.


Bernd Wagner wurde 1948 im sächsischen Wurzen geboren, war Lehrer in der DDR und bekam durch seine schriftstellerische Arbeit Kontakt zur Literaturszene in Ost-Berlin. 1976 erschien sein erster Band mit Erzählungen, wenig später schied er aus dem Lehrerberuf. Von Wagner, der sich dem Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns anschloss, erschienen neben einem Gedichtband mehrere Prosabände und Kinderbücher. Als die Veröffentlichung kritischer Texte in der DDR immer schwieriger wurde, gründete Wagner gemeinsam mit anderen die Zeitschrift "Mikado". Wegen zunehmender Repression der Staatsorgane siedelte er 1985 nach West-Berlin über. Zu seinen wichtigsten Büchern zählen "Die Wut im Koffer. Kalamazonische Reden 1-11" (1993) sowie die Romane "Paradies" (1997) und "Club Oblomow" (1999). Zuletzt erschien "Wie ich nach Chihuahua kam".
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