Politisches Feuilleton
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30.12.2004
Die Jahrhundert-Katastrophe
Von Klaus Bresser

Klaus Bresser (Bild: AP)
Klaus Bresser (Bild: AP)
Es fällt schwer, Worte zu finden angesichts dieser Katastrophe. Zu grauenhaft ist das, was an den Küsten Südasiens geschah und noch geschieht. Wir sehen Fernsehbilder und hören Berichte der Überlebenden, und doch geht das Ausmaß der Katastrophe über unsere Vorstellungskraft. Anders als bei anderen Erdbeben zuvor wird auch Tage danach die Dimension des Geschehens noch immer nicht ganz erkennbar. Die Zahl der Opfer muss von Stunde zu Stunde nach oben korrigiert werden. Und schon sprechen Hilfsorganisationen davon, dass sie sich durch Seuchen noch erhöhen könnte.

Eine Katastrophe ohne Beispiel. Entsetzen, Leid, Trauer. Und die hilflose Frage, in welcher Welt wir leben. Eine unsichere Welt, so die banale Erkenntnis. Es gibt keinen Schutz vor den Kräften der Natur. Nirgends sind Menschen vor Unglück, Verletzung und Tod bewahrt.

Etwas ist neu: Zum ersten Mal hat eine Naturkatastrophe zur gleichen Zeit und in großem Ausmaß Einheimische und Touristen, Menschen aus der so genannten Dritten und der Ersten Welt heimgesucht. Das Jahrhundert-Unglück macht endgültig klar: Wir leben auf ein und demselben - wie wir jetzt wieder erfahren - brüchigen Planeten. Das verheerende Ereignis schärft das Bewusstsein dafür, dass wir das globale Dorf namens "Welt" längst haben. Globalisierung der Wirtschaft und internationaler Tourismus haben dazu geführt, dass es getrennte, abgeschiedene Welten kaum mehr gibt. Die Flutwelle kommt über alle - über die in den Hütten und die in den Hotels. Sie macht keine Unterschiede. Bringt Gefahr und Tod, Not und Verzweiflung für alle - Einwohner und Gäste.

Das hat es so noch nicht gegeben. Hunderte Touristen sind umgekommen, zehntausende Einwohner. Keiner konnte vorher gewarnt werden. Es gibt im indischen Ozean mit seinen vielen armen Ländern ringsum aus Kostengründen kein Vorwarnsystem wie im Pazifik mit seinen wohlhabenden Anrainer-Staaten. Das Leben von Zehntausenden hätte gerettet werden können, wenn die Küstenbewohner gleich nach dem Seebeben über die drohende Flut informiert worden wären. So sind sie gestorben. Die Touristen, die sich nicht in den oberen Etagen eines Hotels aufhielten oder sich dorthin nicht retten konnten. Und die Einheimischen in ihren Fischerdörfern, in den Slums, auf den Straßen, am Strand.

Einen Unterschied gibt es - für die Überlebenden. Die Touristen haben Schreckliches erlebt, aber sie konnten in ihre Heimat zurückkehren oder werden noch dorthin ausgeflogen. Die Einwohner bleiben in den Trümmern zurück, in Notunterkünften und Auffanglagern. Sie haben Obdach und Existenz verloren. Sie werden Monate, Jahre brauchen, um aus Verwüstung und Elend wieder herauszukommen.

Die Kosten für die Versorgung der Verletzten und die Betreuung traumatisierter Überlebender sind gar nicht abzuschätzen. Der Tourismus, die wichtigste Erwerbsquelle für viele an den Küsten, wird lange Zeit darnieder liegen. Die Wirtschaft der betroffenen Länder wird erheblich unter Druck geraten. Allein die Wiederherstellung der Infrastruktur wird Milliarden verschlingen. Anders als in der entwickelten Welt müssen die betroffenen Einwohner die Kosten des Wiederaufbaus durchweg selbst tragen. Die meisten sind nicht versichert, weshalb die Münchener Rück-Versicherung lediglich von 100 Millionen Euro für die Erstattung ausgeht.

Die Schadenssumme bei den letzten Hurrikans in Florida sei mit 500 Millionen weitaus höher gewesen. Asien ist eben nicht Amerika.

Wir leben in einer Welt. Nur - die einen leben darin besser als die anderen. Die Armen an den Küsten Asiens sind in diesen Tagen noch ärmer geworden. Daran ist zu denken, wenn jetzt die Hilfsorganisationen um Spenden bitten.


Klaus Bresser, geboren in Berlin, studierte in Köln Germanistik, Theaterwissenschaften und Soziologie. Anschließend ging er zum "Kölner Stadtanzeiger", dessen Chefreporter er schließlich wurde. Ab 1964 stellte er erste Fernsehbeiträge für das Magazin "Report" in Köln zusammen. Später wurde er beim WDR Redakteur mit besonderen Aufgaben ( u.a. "Monitor" ). 1977 wechselte Bresser zum ZDF, wo er 1981 die Leitung des "heute-journals" übernahm. Nach weiteren Aufgaben im ZDF wurde Bresser im April 1988 Chefredakteur des Zweiten Deutschen Fernsehens; diesen Posten übte er bis März 2000 aus. Bresser ist u.a. Theodor-Wolff-Preisträger und wurde mit der "Goldenen Kamera" (1987) ausgezeichnet.
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