Politisches Feuilleton
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31.12.2004
The same procedure as every year…
Silvesterrituale
Von Barbara Sichtermann

Barbara Sichtermann (Bild: privat)
Barbara Sichtermann (Bild: privat)
Wenn sich am letzten Tag des Jahres die Familie oder der Freundeskreis um 19 Uhr 40 vor'm Fernseher versammelt, um auf NDR 3 "Dinner for one" einzuschalten, dann ist es wie voriges Jahr. Und wie vorvoriges Jahr. Ein Hauch von Ewigkeit weht durch die Stube. Miss Sophie und James, sie sterben nie. Und das Silvester-Gefühl, genährt auch durch das immergleiche Mahl, den Sekt und das Knattern der ersten Böller auf der Straße - es stellt sich wieder ein, und es tut gut. Warum es gut tut? Weil es uns die Illusion schenkt, dass alles wiederkehrt und nichts für immer dahingeht. Dass die Zeit ein Rad ist, das sich dreht und keine Ressource, die erschöpft werden kann. Dass wir in der Zeit geborgen sind, denn sie führt uns stets auf's Neue zurück an denselben Ort und schenkt uns dieselbe Stunde.

Es ist kein Zufall, dass wir just am Silvesterabend die Zeit als Zyklus empfinden und uns mit Ritualen ihrer ewigen Wiederkehr vergewissern wollen. Denn der letzte Tag im Jahr spricht eigentlich von ganz etwas anderem. Er sagt uns deutlich, dass die Zeit enteilt. Er spricht davon, dass etwas Neues beginnt und dass das "gefühlte Tempo", in dem die Jahre aufeinander folgen, sich stetig beschleunigt. Wir Gefangenen der Zeit erschaffen uns mit den Ritualen ein Widerlager, mit dem wir uns der Flucht der Monate sozusagen entgegenstemmen, mit dem wir uns einbilden können: es ist wie es war. "Dieselbe Prozedur wie letztes Jahr" heißt doch wohl: die Dinge bleiben zu unserer Verfügung. Keine Panik. Wir machen einfach weiter.

Wäre die Vorstellung einer zyklischen Zeit, die nur nimmt, um zurückzugeben, nichts als ein holder Wahn - wir könnten sie mit noch so vielen feierlichen Ritualen nicht heraufbeschwören. Die Zeit hat einen Doppelcharakter. Sie flüchtet, aber sie kehrt auch wieder. So ist es keineswegs bloße Illusion, wenn wir sie uns rund vorstellen. Vielleicht sollte man sagen: wir Menschen, die wir in der Zeit leben, können die temporäre Dimension auf zweierlei Weise erleben: Als lineares Phänomen, das nur vorwärts treibt und vorwärts treibt und uns am Ende dem Tod überantwortet. Aber auch als Rad, dem wir mit den bedeutungsvollsten Augenblicken unseres Lebens in die Speichen greifen, so dass es seine Fahrt verlangsamen muss. Auch als Kreislauf, der uns im Gefolge von Tag und Nacht, von Frühling, Sommer, Herbst und Winter, das Erlebnis der Wiederholung und der Wiedererkennung verschafft. Am letzten Tag des Jahres drängt sich uns das Gefühl des Abschieds auf. Vorüber ist ein volles Jahr, das so nie wieder kommt. Um nicht im Kummer zu versinken, setzen wir eine gewollte Fröhlichkeit dagegen, mit Luftschlangen, komischen Hüten und Feuerwerk. Wir gehen noch weiter. Wir beglaubigen die zyklische Gestalt der Zeit, indem wir am 31.12. möglichst zu jeder Stunde dasselbe tun "wie jedes Jahr", indem wir zur Mitternacht anstoßen und uns umarmen. So verliert die Linearität der Zeit ihren Schrecken, und ihre Kreisform gewinnt Gestalt und tröstliches Potenzial.

Aber wir machen noch mehr, wenn wir Silvester feiern. Die Furcht vor dem Neuen schlägt genauso durch wie das Bedürfnis, das Alte festzuhalten. Im beliebten Brauch des Bleigießens kommt unser Wunsch zum Ausdruck, über die Zukunft Bescheid zu wissen, damit sie uns nicht erschrecken kann. Wenigstens spielerisch möchten wir die Blackbox, die das neue Jahr für uns ist, ein Stück weit öffnen und mit Optionen füllen. Und noch etwas spielt eine Rolle: wir greifen, um die Unsicherheit loszuwerden und um die Angst vor dem Neuen zu dämpfen, auf eine Quelle von Stärke zurück, die nie versiegt: Gemeinsamkeit, Zusammenhalt. Silvester ist kein einsames Fest, und wer es für sich persönlich doch dazu erklärt, ist wenigstens an diesem Tag ein Sonderling. Neujahr ist eher ein Tag der Besinnung und des einsamen Spaziergangs, Weihnachten das Fest der Familie - am Silvestertag aber fassen auch Unbekannte einander an den Händen. Junge Leute ziehen Parties vor, auf denen unendlich viele Gäste sich tummeln und drehen und einander zuprosten. Schließlich haben wir das alle gemeinsam: dass wir der Zeit unterworfen sind, ihrer Eile und ihren Rhythmen. Und dass es uns wohl tut, wenn wir in einem Augenblick zusammenhalten, in dem die Zeit nicht gleitet, sondern - in unserer Wahrnehmung - fühlbar voranruckelt. Der Zeiger erreicht die Zwölf, der Strom der Zeit eine neue Markierung, und wir machen das rituelle Geräusch dazu: laut und knallig, mit Zischen und Pfeifen.

Barbara Sichtermann, Jahrgang 1943, lebt als freie Autorin in Berlin. Sie ist Kolumnistin der Wochenzeitung "DIE ZEIT". Ihre letzten Buchveröffentlichungen: "Lebenskunst in Berlin" (mit Ingo Rose) und "Romane vor 1900" mit (Joachim Scholl) und "Das Wunschkind" (Mitautor Klaus Leggewie).
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