Politisches Feuilleton
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3.1.2005
Die Freiheit, die ich meine
Von Erik von Grawert-May

Wer sonntags das DeutschlandRadio Berlin einschaltet, wird in schöner Regelmäßigkeit pünktlich um 11 Uhr 58 Zeuge folgender feierlich gesprochener Sätze: "Ich glaube an die Unantastbarkeit und an die Würde jedes einzelnen Menschen. Ich glaube, dass allen Menschen von Gott das gleiche Recht auf Freiheit gegeben wurde. Ich verspreche, jedem Angriff auf die Freiheit und der Tyrannei Widerstand zu leisten, wo auch immer sie auftreten mögen." Währenddessen vernimmt der Hörer das Geläut der Freiheitsglocke, das um Punkt Zwölf wieder verstummt.

Die Glockentöne klingen, als kämen sie aus einer anderen Welt. Dabei kommen sie aus dem Turm des Schöneberger Rathauses, dem einstigen Sitz des Regierenden Bürgermeisters. Seit dem 24. Oktober 1950 ist das so. Anfangs erklangen sie sogar täglich um 18 Uhr, samt dem oben wiedergegebenen Gelöbnis. Später wurde die Zeremonie auf den Sonntag reduziert, vielleicht, weil man Sorge trug, dass sich das Zeremoniell bei täglicher Wiederholung abnützen könnte. Doch stattdessen ist etwas anderes eingetreten: Wir verstehen den Text nicht mehr, und die Glockentöne dringen nicht mehr in unser Herz. Politisch gesehen, sind wir in ein anderes Zeitalter eingetreten.

Erinnern wir uns: Die Berliner Freiheitsglocke ist der "Liberty Bell" in Philadelphia nachgebildet. Im dortigen State House hing sie seit 1753. 23 Jahre später läutete sie die Amerikanische Unabhängigkeit von England ein. Im Unterschied zur Liberty Bell trägt die Freiheitsglocke die Inschrift: "That this world under God shall have a new birth of freedom". Auf Deutsch: "Möge diese Welt mit Gottes Hilfe eine Wiedergeburt der Freiheit erleben." Es war die Zeit der gerade überstandenen Blockade Berlins. Lucius D. Clay, der frühere amerikanische Militärgouverneur Deutschlands, der die Luftbrücke entscheidend mitorganisiert hatte, sorgte für die Finanzierung der Glocke. 17 Millionen Amerikaner beteiligten sich als Spender. Sie unterzeichneten dabei den Schöneberger "Freiheitsschwur" - jenes politische Glaubensbekenntnis, das den Gedanken des Rechts auf Widerstand gegen staatliche Tyrannei aus der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 übernahm, aber nicht mehr auf England beschränkte, sondern auf die ganze Welt ausdehnte.

Die Freiheitsglocke läutete am 3. Oktober 1990 auch die Deutsche Einheit ein. Spätestens seit diesem Tag leben die Deutschen in Freiheit vereint. Doch so seltsam, wie der Text, so seltsam kommt uns auch die Glocke vor. Ihre Feierlichkeit will zu unserer Auffassung von Freiheit nicht recht passen. Eine Nation, der die christliche Leitkultur weitgehend abhanden gekommen ist, kann mit der religiösen Färbung des Gelöbnisses sowieso schon wenig anfangen. Um so weniger, je mehr sich unser Freiheitssinn von der Verpflichtung gelöst hat, der Tyrannei, wo auch immer sie auftritt, Widerstand zu leisten. Wahrscheinlich kein Wunder in einem Land, in dem die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 noch immer keine rechte Heimstatt gefunden haben.

Alles das wäre wohl halb so besorgniserregend, wenn die gegenwärtige Koalitionsregierung in Berlin eine politische Linie erkennen ließe, die strategisch gegensteuern würde. Doch sie tut etwas anderes. Der Kanzler tönt von einer selbstbewussten Nation, zu der wir Deutschen herangewachsen seien. Dies Selbstbewusstsein soll mit einem Sitz en permanence im Weltsicherheitsrat gekrönt werden - selbstverständlich mit Vetorecht. In den letzten Landeswahlkämpfen wurde Deutschland voreilig als Friedensmacht erkoren, wo wir doch lediglich friedensstabilisierend tätig werden - eine Aufgabe, die aller Ehren wert ist. Altbundeskanzler Helmut Kohl missfällt an seinem Nachfolger die Mischung aus Bismarck- und Churchill-Attitüde. Das hat er gut gesehen. Offensichtlich ist Gerhard Schröder inzwischen in das ihm vom Vorgänger bereitgestellte Kanzleramt, das ihm anfangs doch so überdimensioniert erschienen war, hineingewachsen. Als würde nun auch seine Politik sich dem byzantinisch anmutenden Gebäude angepasst und entsprechend aufgeplustert haben.

Selbstbewusst kann die Berliner Republik erst dann auftreten, wenn sie die Pflichten nicht mehr übersieht, die uns jeden Sonntag um Zwölf in Erinnerung gerufen werden. Man lege eine Standleitung vom Rathaus Schöneberg ins Kanzleramt, damit der Hausherr wenigstens einmal pro Woche hört, was die Freiheitsglocke geschlagen hat.

Erik von Grawert-May, 1944 in Lauban/Niederschlesien geboren, studierte Romanistik und Wirtschaftswissenschaften in Paris, Tübingen und Berlin. Er habilitierte sich über den Barockbegriff "Theatrum Belli", ist seit 1994 Professor für Unternehmensethik und -kultur an der Fachhochschule Lausitz und leitet seit 1999 das "Hanns von Polenz Institut für regionalgeschichtliche Studien, Senftenberg".

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