Politisches Feuilleton
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4.1.2005
Gegen das Verschwinden der atlantischen Gemeinschaft
Von Robert B. Goldmann

Der alte und neue US-Präsident: George W. Bush, 3.11.2004 (Bild: AP)
Der alte und neue US-Präsident: George W. Bush, 3.11.2004 (Bild: AP)
Ein neues Jahr, aber die alte Stimmung. Eine Wende im Kalender, aber derselbe Präsident. In Manhattan und anderen grossen Zentren des Nordostens Amerikas lebt man noch immer in Schock und Ärger über die Wiederwahl George W. Bushs. Die Tatsache, dass Bush die Wahl mit einer Dreieinhalb-Millionen-Mehrheit der Stimmen gewann, bedeutet ihnen nichts. "Dumme Menschen” nannte ein aus Europa stammender Wissenschaftler die Millionen zwischen dem Hudson und Kalifornien, die Bush wählten. Und selbst viele in Mittelklasse- und Arbeitervierteln in Brooklyn und Queens - ein Brückensprung vom allwissenden Manhattan - wählten Bush. Aber natürlich erwartet man ja nichts anderes von ihnen. Die gingen nicht auf Harvard, Yale oder Columbia.

Als ich den Wissenschaftler auf seine masslose Arroganz aufmerksam machte, besann er sich, kam zum Schluss, dass ich recht hätte und fügte hinzu: "Lieber lebe ich mit meiner Arroganz, als meinen Hass auf Bush aufzugeben.”

Aber was nun? Bush hat Mehrheiten in beiden Häusern des Kongresses und fühlt sich vom Volk mit einem Mandat bestätigt. Während andere die schweren Probleme, vor denen Amerika steht, als ernüchternde Herausforderung sehen, ist sich Bush seines Weges sicher: Amerika ist von Gott gesegnet, ist ausersehen, die Demokratie in der Welt zu verbreiten und so viel wie möglich der Initiative oder Entscheidung des einzelnen Bürgers zu überlassen, anstatt den Staat, wie es Bush sieht, als Kindermädchen zu behandeln. Aber jetzt, wo die südasiatische Tsunami-Katastrophe alles andere überschattet und Bush die amerikanische Hilfsaktion - wenn auch spät und am Anfang zu bescheiden - in die Wege geleitet hat, muss der Staat notwendigerweise führen.

Die Überzeugung seiner Mission erklärt Bushs Außen- und Innenpolitik. Wohl erkennt er, dass er sich mit seiner Irak-Invasion viele Feinde, besonders bei den großen kontinental- europäischen Alliierten, gemacht hat, und dass seine Wirtschaftspolitik zu einem riesigen und auf die Dauer gefährlichen Defizit geführt hat. Aber er beharrt auf der Verlängerung seiner Steuerkürzungen und will die Sozialversicherung soweit wie möglich privatisieren, was in der Übergangszeit zu noch größeren Defiziten führen würde.

In der Außenpolitik wird man gespannt verfolgen, inwieweit Frau Rice, bisher die vertraute Beraterin, nunmehr als Chefin des Außenministeriums Ansichten erfahrener Berufsdiplomaten vertreten wird, die nicht ins Weltbild des Präsidenten passen. Bush hat vor, bald die Löwengrube des "alten Europa” zu besuchen, um zu versuchen, die Beziehungen zu den Regierungschefs Frankreichs und Deutschlands zu bessern. Man fragt sich hier, ob die Verbitterung in Paris und Berlin so tiefgründig ist, dass sie Annäherung verhindert. Die Demonstrationen, die den Präsidenten sehr wahrscheinlich erwarten, machen nach bisheriger Erfahrung wenig Eindruck auf ihn.

Aber nicht alle Schuld liegt bei Bush. Der angesehene Kommentator Thomas Friedman schrieb vor kurzem in der New York Times: "Ist es wirklich so schwer, sowohl für Araber als auch Europäer, sich auszurechnen, zu welcher Seite sie gehören?... Darf man hoffen, dass sich die meisten Mitglieder der NATO ein positives Resultat im Irak wünschen? Aber eine unnachgiebige Minderheit macht sich mehr Gedanken über einen amerikanischen Erfolg als über das Misslingen im werdenden Irak. Diese Minderheit hindert die NATO, zu helfen.”

Kurzum, es gibt Starrköpfigkeit auf beiden Seiten des Atlantiks. Auch die Arroganz der Guten und Gescheiten ist an beiden Ufern gut vertreten. Wäre es nicht ratsam, für Frau Rice und Senator McCain, mit Bush offen zu sprechen und ihn zu überzeugen, dass die Welt nicht schwarz/weiss, sondern grau, und dieser Tage allzu grau ist? Und können sich Jacques Chirac und Gerhard Schröder dazu aufschwingen, einen neuen Anfang zu machen? Sie mögen stolz auf die Multipolarität und besonders den europäischen Pol sein, aber verlangen die gemeinsamen Interessen der atlantischen Gesellschaft nicht mehr - sowohl von Bush als auch von Paris und Berlin?

Fragen und Wünsche für 2005.


Robert B. Goldmann wurde 1921 als einziger Sohn eines jüdischen Landarztes in einem Odenwalddörfchen geboren. Er machte in Frankfurt am Main Abitur. Kurz darauf verließ die Familie Deutschland und kam 1940 über Großbritannien nach New York. Goldmann schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, um sein Studium zu finanzieren. Er war viele Jahre lang Journalist, bevor er sich sozial- und entwicklungspolitischen Aufgaben in der Dritten Welt widmete und schließlich ein Wegbereiter für die deutsch-jüdische Verständigung wurde. 1996 veröffentlichte er sein vielbeachtetes Buch "Flucht in die Welt", eine Lebens- und Familiengeschichte. Goldmann arbeitete lange für die Anti-Defamation League in New York und publiziert noch immer in amerikanischen und deutschen Medien.
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