Politisches Feuilleton
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7.1.2005
Die Rückkehr der Religion
Von Dieter Rulff

Muslime in Deutschland (Bild: AP)
Muslime in Deutschland (Bild: AP)
In die vielstimmige Abwehr, welche das Erstarken des Islam in westlichen Gesellschaften hervorruft, mischt sich eine Grundmelodie ungläubigen Staunens über die Vitalität dieser Religion. Es ist eine Vitalität, die hierzulande allenfalls noch als ferner Abglanz auf Kirchentagen erscheint. Ansonsten herrscht die müde Routine professioneller Glaubensverwaltung.

Die christlichen Kirchen verfügen über ein erhebliches Maß an politischem Einfluss und öffentlichen Sonderrechten. Doch steht diese Macht auf tönernen Füßen. Ihr entspricht keine Kraft, die einem praktizierten Glauben entspringt. Ja es scheint so, als hätten sich die christlichen Kirchen in den letzten Jahrzehnten damit arrangiert, dass eine zunehmende Säkularisierung notwendiger Bestandteil des allgemeinen Fortschritts ist. Dessen Motoren sind Wissenschaft, Technik und Wirtschaft, sein Medium ist der freie Warenverkehr und der aufgeklärte Diskurs. Religiosität wurde so zur Privatangelegenheit, öffentliche Bekenntnisse waren verpönt.

Mit dem 11.September 2001 wurde dieses Fortschrittsmodell ins Wanken gebracht. Der Philosoph Jürgen Habermas sprach kurz nach den Anschlägen auf das World Trade Center von einer postsäkularen Gesellschaft, die sich auf das Fortbestehen religiöser Gemeinschaften in einer sich fortwährend säkularisierenden Umgebung einstellt. Das war für postmoderne Ohren eine Zumutung. Die wurde noch dadurch gesteigert, dass sie mit der Forderung einherging, die Grenzen zwischen weltlicher und religiöser Sphäre kooperativ zu regeln.

Zwischen Christentum und weltlichen Instanzen schien dies noch eine leicht zu bewältigende Aufgabe, ist doch das Verhältnis in jahrhundertelanger Reibung eingeschliffen. Die deutschen Amtskirchen sind mit allen Wassern der Aufklärung gewaschen.

Die eigentliche Herausforderung liegt im Islam. Dessen terroristische Ausprägung hat ein wehrhaftes Christentum auf den Plan gerufen. Auch wenn Georg Bushs Rede vom Bösen in den Ohren des alten Europas übertrieben klingt, so hat doch auch hierzulande das Zusammenleben der Kulturen einen religiösen Unterton bekommen.

Der "Clash of Civilisation" ist zu einem bevorzugten Interpretationsmuster gesellschaftlicher Konflikte geworden. So wie nach Außen die christliche Tradition Europas in Stellung gebracht wird gegen eine auf Integration drängende Türkei, so werden im Inneren die zweifellos vorhandenen sozialer Problemlagen in religiösen Rastern sortiert. Ob Parallelgesellschaft, Frühverheiratung oder das Machogebaren junger Türken - alles wird zum Ausdruck eines archaischen Islam genommen, der nach dem Beispiel der christlichen Kirchen von seiner Atavismen geheilt werden soll.

Die nun in Deutschland erwogenen Maßnahmen gegen die Bedrohung des Islamismus laufen im Kern auf eine Verstaatlichung des Islam hinaus. Er soll aus dem Dunkel der Hinterhöfe und Hinterzimmer geholt werden. Er soll eine den Amtskirchen vergleichbare Struktur bekommen, um Verantwortliche zu benennen und Übeltäter identifizieren zu können. Dafür werden seine Repräsentanten der erheblichen Privilegien teilhaftig, welche die christlichen und jüdischen Glaubensgemeinschaften als Körperschaften des öffentlichen Rechts genießen. Die Ausbildung der Prediger wird in staatliche Regie übernommen. Durch regulären Islamunterricht an den Schulen soll dessen ordnungsgemäße Verkündung sichergestellt werden. Der Weg der dem Islam aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit vorgegeben wird, ist dem der christlichen Kirchen in einer Weise nachempfunden, die geradezu leitkulturell anmutet.

Auf diese Weise wird der Islam jedoch jene urwüchsige Stärke verlieren, die paradoxerweise nicht wenige gutmeinende den beiden christlichen Kirchen empfehlen, um ihre lahmenden Glaubensressourcen zu beleben. Das Heil vor dem islamistischen Fanatismus liegt augenscheinlich in jener amtskirchlichen Erschlaffung, unter der die christlichen Gemeinden zunehmend leiden.

Dabei ließe sich durchaus die Frage stellen, ob dieser Islamismus tatsächlich Ausdruck eines traditionellen Religionsverständnisses ist, oder ob er nicht vielmehr etwas reanimieren will, das mit der Migration der Großeltern unwiederbringlich verloren ging. Die dritte Generation der Migranten sind Kinder der Postmoderne. Ihr Fundamentalismus ist eine einfache Antwort auf die komplexen Herausforderungen der westlicher Zivilisation, an denen sie und ihresgleichen häufig genug scheiterten. Dieser Fundamentalismus lebt vom Zwang, sich um der eigenen Identität Willen zu unterscheiden.

Wenn dem so ist, so wäre ihm allerdings weniger durch das leuchtende Beispiel der christlichen Kirchen beizukommen. Die kulturellen Differenzen würden sich nur verlagern. Es ist schon erstaunlich, wie schnell der republikanische Blick sich durch die religiöse Brille eintrüben ließ, wo es darauf ankäme, politisch Flagge zu zeigen. Repressiv, wo egal aus welchen religiösen Motiv heraus, Gesetze gebrochen und Verordnungen missachtet werden. Bildungs- und arbeitsmarktpolitisch, wo es gilt, die angestrebte Integration sozial zu unterstützen.


Dieter Rulff, freier Journalist, Jahrgang 1953, studierte Politikwissenschaft in Berlin und arbeitete zunächst in der Heroinberatung in Berlin. Danach wurde er freier Journalist und arbeitete im Hörfunk. Weitere Stationen waren die taz und die Ressortleitung Innenpolitik bei der Hamburger 'Woche.' Seit dem März 2002 ist Rulff freier Journalist in Berlin. Er schreibt für überregionale Zeitungen und die Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte.

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