Politisches Feuilleton
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10.1.2005
Die Guten und die Bösen?
Ein Blick über den Atlantik
Von Sibylle Tönnies

Eine Anhängerin der Republikaner feiert den Sieg von George W. Bush bei den US-Präsidentschaftswahlen 2004 (Bild: AP)
Eine Anhängerin der Republikaner feiert den Sieg von George W. Bush bei den US-Präsidentschaftswahlen 2004 (Bild: AP)
Eigentlich müsste man Kondolenzbriefe an die amerikanischen Demokraten schicken. Sie sind dauerhaft traumatisiert; sie fühlen sich verstoßen. Sie fühlen sich dominiert von einer Macht, mit der sie nichts zu tun haben, von einer fremden, bösen Macht, die ihnen wesensfremd ist. Manche denken an Auswanderung.

Wir Europäer, soweit wir fortschrittlich-linksliberal sind, trauern mit. Voller Mitgefühl blicken wir über den Atlantik, wo wir beidseitig politisch einwandfreie Küstenstriche sehen, auf denen unsere Freunde leben - und dazwischen eine geistlose, fette Mitte.

Irgendwie tut es uns gut, den Amerikanern - den richtigen, die wir mögen, denen, die genauso fortschrittlich-linksliberal sind wie wir - mit Mitgefühl begegnen zu können. Und sogar mit einem gewissen Überlegenheitsgefühl. Denn wir haben immerhin eine Regierung, die außenpolitisch die fortschrittlich-linksliberalen Ideen vertritt, um deretwillen wir sie gewählt haben. Die Armen! können wir sagen, wenn wir an unsere politischen Freunde in Amerika denken. Ihr Präsident ist ein Vollidiot. Gegen den Willen des besseren Teils seines Volkes betreibt er einen Angriffskrieg, gegen den Willen des besseren Teils seines Volkes will er Homosexuellen die Ehe verbieten, gegen den Willen des besseren Teils seines Volkes ist er der Abtreibung und der Genmanipulation im Wege.

Die Bush-Regierung hat keinen Respekt vor der UNO und ihrer Satzung. Es kümmert sie nicht, dass das Völkerrecht den Angriffskrieg unter allen Umständen verbietet. Da sind wir Europäer doch ganz anders. Wir sind doch auf Konsens und Diskurs aus und gegen die Gewalt. Wir waren doch immer gegen den Krieg - oder? Wir Linken sind doch die Kinder der Vietnam-Proteste. Wir standen doch immer auf der Seite von Make Love not War - oder? Wir wollten doch immer Schwerter zu Pflugscharen machen - oder?

Es fragt sich. Das Gedächtnis der Linksliberalen ist schwach. Sie haben vergessen, dass sie die Auflösung des Völkerrechts selbst betrieben haben. In den neunziger Jahren waren sie es, die nicht nachgelassen haben, die militärische Einmischung im Balkan zu fordern. Das war gut gemeint, das war humanitär motiviert, aber völkerrechtswidrig. Die Linksliberalen riefen ja nach einem Angriffskrieg. Und er wurde geführt - unter Clinton und Madeleine Albright. Keineswegs hat das links-liberale Denken ein Bollwerk gebildet, das die Charta geschützt hätte. Im Gegenteil. Es hat dem Angriffskrieg eine Bresche geschlagen. Bush geht den Weg, den ihm diese Denkwelt gebahnt hat, weiter.

Wie steht es mit den anderen großen Fragen, in denen sich scheinbar die große Kluft zwischen Gut und Böse auftut? Müssen wir uns wirklich kulturell unüberwindbar von denen getrennt fühlen, die gegen die Ehe von Homosexuellen sind? Kann man in dieser Frage nicht geteilter Meinung sein - nicht, weil man etwas gegen Homosexuelle hat, sondern einfach deshalb, weil man traditionell denkt und nicht davon runter kommt, dass die Ehe die Verbindung von Mann und Frau ist? Oder aus ganz anderen Gründen: weil man die Ehe für eine veraltete, spießige Einrichtung hält, die man nicht auf andere Personengruppen ausdehnen möchte?

Muss man diejenigen hassen und fürchten, die gegen die Abtreibung sind? Kann man nicht auch in dieser Frage geteilter Meinung sein? Die Abtreibung ist doch im wesentlichen eine sozialhygienische Maßnahme, durch die sich der Staat von den Sozialhilfeansprüchen allein stehender Mütter frei hält. Der Wert, der hinter dem Abtreibungsverbot steht, ist immerhin das Leben. Was auch immer gegen die Abtreibungsgegner spricht - auf ihrer Seite steht die höhere Sensibilität gegenüber dem Lebendigen.

Und das Verbot der Genmanipulation? Ja - sind wir denn für die Genmanipulation? Soweit ich mich erinnere, gehört sie nicht zu dem Set an Wünschenswertem, das die Linksliberalen verbindet.

Irgendetwas stimmt nicht mit diesem Set. Die Bündelung der Werte, die den Guten und den Bösen zugeordnet werden, hat etwas Zufälliges. Die einzige Frage, die eine die westliche Welt durchziehende Spaltung rechtfertigen würde, ist die Frage nach Krieg und Frieden. Aber auch hier findet man auf der linken Seite kein konsistentes Weltbild. Der Pazifismus ist passé. So locker, wie man das Völkerrecht 1999 - gegenüber Milosovicz - aufgegeben hat, könnte man es aus gegebenem Anlass immer wieder beiseite schieben.

Nein - so einfach, wie es nach der amerikanischen Präsidentschaftswahl scheint, lässt sich die Linie zwischen Gut und Böse nicht ziehen. Die Welt steckt in einer tieferen Veränderung, deren Ende noch nicht absehbar ist.
Nur eins ist erkennbar: Sie wächst zusammen. Sie zentralisiert sich. Sie kristallisiert um einen Mittelpunkt: die Vereinigten Staaten.

Sibylle Tönnies, 1944 in Potsdam geboren, studierte Jura und Soziologie. Sie arbeitete zunächst als Rechtsanwältin und war Professorin im Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Bremen. Zu Ihren zahlreichen Veröffentlichungen zählen die Bücher "Der westliche Universalismus", "Linker Salon-Atavismus" und "Pazifismus passé?"



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