Politisches Feuilleton
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8.1.2005
Lernen aus der Katastrophe
Von Gunter Hofmann

Vielleicht könnte man ja doch lernen. Mir scheint, dass die Politik, aber auch 'wir', die Journalisten oder die Nicht-Politiker, zu oft groß und klein verwechseln. Wir rücken ins Scheinwerferlicht, was Aufmerksamkeit verdienen mag, aber nicht Dauerschlagzeilen und -erregung. Ich frage mich, ob wir in den Medien - vielleicht geht es anderen anders? - nicht zu oft Nebensachen zu Staatsaffären machen.

Wir warten auf Events, starren auf Events, machen Events. Sagen wir: Hartz IV, die Zehn-Euro-Praxisgebühr, oder, ob Frau Merkel Kanzlerkandidatin wird und mehr derlei. Seit einigen Jahren beschleicht mich der Eindruck, an den Relationen stimme etwas nicht, und es gingen uns Maßstäbe verloren, sie geradezurücken. Zwar heißt es, die Bundesrepublik trage immer mehr internationale Verantwortung. Aber trägt sie sie wirklich? Mehr noch: Ist die Bundesrepublik in einem gewissen Sinne nicht Provinz, waren wir nicht sogar schon einmal weiter in unserer Weltneugier? Ich fürchte, beides stimmt. Wir tragen internationale Verantwortung, wir stationieren Soldaten in Afghanistan, am Kosovo, und für den Irak bilden wir sie mindestens aus. Internationale Probleme holen uns ein . Ob wir wollen oder nicht. Aber wir geben darauf allenfalls eine sehr partielle Antwort: Wir entsenden Soldaten, auch zum zivilen Wiederaufbau, aber was den Blick in die Welt angeht, waren wir offener. Chefredakteure renommierter Zeitungen beteiligten sich an internationalen Diskursen. Kanzler holten sich Stimmen mit Welterfahrung ins Haus. Nostalgie? Nein: Ausgerechnet in der Ära der Globalisierung, und nach dem Ende der Systemgrenzen in Europa, wenden wir uns nach innen. Dass es einen Norden und einen Süden gibt, dass weder die Wirtschaft noch der Sozialstaat, weder die Ökologie noch die Migrationsfragen 'national' zu lösen sind, ahnen wir - aber klammern uns an den Gedanken, die alte Welt sei letztlich intakt. Wir halten es so, und die Politik ähnlich. Nur hat sich die Welt geändert. Warum hätte man denn vor allem Bilder von Mitarbeitern des Technischen Hilfswerks oder Soldaten vor Augen, die in Sri Lanka, auf Sumatra oder Thailand helfen? Die klassische Entwicklungspolitik hilft einfach nicht weiter, wenn es um den Aufbau ziviler Gesellschaften oder eben um Katastrophenhilfe geht. Beides aber gehört zunehmend zu unseren Aufgaben, wenn wir der 'internationalen Verantwortung' gerecht werden sollen. Wenn wir Großes und Kleines nicht länger verwechseln möchten. Wenn man die Welt wirklich als 'eine' wahrnimmt, wie der Bundeskanzler gesagt hat, dann kann man nicht ewig die kleinen Alltagssorgen mit den großen Weltproblemen verwechseln. Darauf stoßen die Bilder aus Aceh oder aus Südostasien. Es ginge nun darum, aus solchen Lektionen Politik zu machen. Das heißt: Nicht nur schnell, spontan und großzügig auf einen Albtraum zu reagieren, sondern daraus etwas Dauerhaftes zu machen. Zunächst hieße das: Unsere Wahrnehmung zu ändern. Die Dritte Welt ist nicht Dritte Welt! Meinen wir es grundsätzlich ernst, dass wir eine Welt sind, wie der Kanzler postuliert? Vielleicht ist es zu optimistisch anzunehmen, dass man aus der Weihnachts-Katastrophe so viel lernt. Aber ich denke doch, dass man sich nun leichter über die Grundannahme verständigen kann, wie die Welt miteinander zusammenhängt. Zugegeben: Ähnliches hatte ich erhofft nach dem 11. September, der Gedanke schien nahezuliegen, man könne nun reden über die tieferen Ursachen des Terrorismus, darüber, was wirklich aus dem Lot gerät, bevor ein Mohammed Attah Mordpläne schmiedet. Inzwischen weiß man: Die Sache war politisch und ideologisch zu aufgeladen, auf die ideologischen Motive reagierte ein Feldzug gegen die Taliban, und einer gegen Saddam Hussein, man begann, mit militärischen Mitteln zu definieren, was 'internationale Verantwortung' heißt. Die Frage spaltete, sie einte nicht. Vielleicht wird das nach der Naturkatastrophe anders. Keine ideologischen Querelen sollten beim Lernen hindern. Es müssen nicht Feinde bestraft werden, angesichts der Katastrophe sollte es auch nicht um Koalitionen der Willigen gehen. Zu spüren ist natürlich schon: Jeder möchte seinen politischen Vorteil daraus ziehen und Bündnispartner gewinnen. Die richtige Hilfe wird auch zum Politikum. Man kann sich Freunde machen. und Freunde verscherzen. Aber zerstörerische Naturgewalten wie die tödliche Welle vom Weihnachtstag könnten die Kraft entfalten, die Idee von der 'einen' Welt dauerhaft zu verankern. Applaus für jeden, der es versucht, die 'Provinz' zu verlassen.

Gunter Hofmann, Jahrgang 1942, Dr. phil., seit 1977 bei der Wochenzeitung "Die ZEIT", seit 1994 Büroleiter in Bonn, seit dem Regierungsumzug in Berlin, einer der angesehensten Beobachter des deutschen Politikbetriebs, jüngste Buchveröffentlichung: "Abschiede, Anfänge. Die Bundesrepublik. Eine Anatomie."

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