Politisches Feuilleton
Politisches Feuilleton
Montag bis Samstag • 7:20
11.1.2005
Schule neu erfinden?
Bildung und pädagogischer Fundamentalismus
Von Heribert Seifert

Die Ergebnisse der PISA-Studie 2003 schreckte Experten und Betroffene auf (Bild: AP)
Die Ergebnisse der PISA-Studie 2003 schreckte Experten und Betroffene auf (Bild: AP)
Zu den Merkmalen der "Wissensgesellschaft", in der wir angeblich ja leben, gehört die Überzeugung, dass nur solches "Wissen" die Wahrheit über die Wirklichkeit sagt, das sich in die Aura der Wissenschaft hüllen kann. Das Erfahrungs- und Handlungswissen von Betroffenen hat es gegenüber den "Studien" wissenschaftlicher Forscher viel schwerer, sich wirkungsvoll Gehör zu verschaffen. Zwar gab es schon lange eine kritische Erörterung der Vorzüge und Schwächen deutscher Schulen, an der sich Eltern, Lehrer und Schüler beteiligten. Der große Ruck, der die Republik aufschreckte, wurde aber erst durch Untersuchungen wie TIMSS und PISA ausgelöst, die die Leseleistungen, die mathematischen Fertigkeiten und die Fähigkeit zu naturwissenschaftlichem Denken zu prüfen beanspruchten. Obwohl doch eigentlich alle Menschen ihre Erfahrungen mit Schule und Unterricht gemacht haben oder noch machen, spricht, so scheint es, erst PISA der öffentlichen Erziehung das gültige Urteil.

Was im Schulhaus passiert, verwandelt sich dabei in Datensätze, die mit Hilfe komplizierter Operationen und Konstruktionen gewonnen wurden und mit denen die Forscher lernen messbar machen wollen. Wo sich zuvor zahllose individuelle Erfahrungen und Erinnerungen der vielen Beteiligten und Betroffenen zu einem sehr differenzierten Bild zusammenfügten, gilt jetzt nur noch, was wenige Experten interpretieren, beurteilen und auf die medienkompatible Faustformeln bringen: PISA zeigt, dass Deutschlands Schulen nur Mittelmaß sind.

So viel Vertrauen in die Experten einer wissenschaftlichen Pädagogik hat Folgen. Denn wer das Problem definiert, hat auch die Deutungshoheit über die geeigneten Lösungen. Wenn das Pauschalurteil über Deutschlands Schulen durchgesetzt werden kann, dann könnte es auch gelingen, Zustimmung zu ebenso pauschalen Veränderungen zu gewinnen. Lautstark artikuliert sich auch schon die Lobby jener "Strukturreformer", die gleich das ganze dreigliedrige Schulsystem umstürzen wollen. Unter Berufung auf die Ergebnisse von PISA lässt sich derzeit offenbar vieles fordern, was in ruhigeren Zeiten als wenig sinnvoll gilt.

Die OECD-Studie wird zum Grundbuch pädagogischer Fundamentalisten, die sich nicht länger mit Details aufhalten wollen, sondern unter dem inszenierten Schock der Ergebnisse die Schule neu erfinden möchten. Schule soll dabei das Zentrum einer fürsorglichen Belagerung von Kindheit und Jugend werden, bei der die Heranwachsenden vom Babyalter bis zum Abitur unters Kuratel pädagogischer Fachleute zu stellen sind. Die alte Selbstüberschätzung der Pädagogen, die gerne glauben machen wollen, alle Übel der Welt im Schulhaus kurieren zu können, kann deshalb fröhliche Urständ feiern, weil sie so kommod sich an den Wunsch vieler Zeitgenossen anschließt, die Verantwortung für Erziehung, Lernen und Bildung der eigenen Kinder an öffentliche Einrichtungen abzugeben. Wenn PISA doch gezeigt hat, so lautet der suggestive Kurzschluss, dass die derzeitige deutsche Schule den Schülern das Lesen nicht beibringt und sie nicht für Herausforderungen der Berufswelt qualifiziert, dann muss eben eine andere Schule her, die das alles besser leisten kann. In dieser Betrachtungsweise ist "Bildung" einfach eins der sozialstaatlich zu verteilenden Güter und Schule der gesellschaftliche Gesamtschuldner fürs Gelingen des Heranwachsens. Zeigen "Risikogruppen" nach den Messungen von PISA dabei eine "Unterversorgung" , so ist das Zeichen einer "Unterprivilegierung" oder gar "Diskriminierung", wie die Berliner Tageszeitung "taz", ganz Rächerin der Enterbten, empört anklagte.

Von dieser Betrachtungsweise profitieren nur die Experten, die sich neue Arbeitsfelder für Untersuchungen, Deutungen und Organisationsreformen schaffen, und jene Eltern, die keine Lust auf die Anstrengungen haben, die mit dem Aufziehen von Kindern verbunden sind. Förderlich fürs Gemeinwesen sind solche Sonderinteressen aber nicht. Wenn wir ihnen nicht auf den Leim gehen wollen, dann müssen wir PISA genau lesen und uns dem Pauschalurteil widersetzen, das "dem deutschen Schulsystem" die Leistungsfähigkeit abspricht. So zeigt PISA zum Beispiel auch, dass die Gymnasien ihre Schüler sehr gut ausstatten. Warum sollte man sie also in einer Einheitsschule verschwinden lassen, wenn es doch darum geht, in bestimmten Bundesländern die Lernmöglichkeiten in Hauptschulen zu verbessern?

PISA-Ergebnisse haben ihren Wert, wenn man sie nutzt, um passgenau die Schwachstellen des Systems zu identifizieren und über Stärken und Schwächen des Unterrichts als Kerngeschäft von Schule nachzudenken. An diesem Nachdenken können und dürfen sich aber nicht bloß die "Experten" von PISA und TIMSS beteiligen, sondern alle, die mit ihr zu tun haben.

Heribert Seifert, geb. 1948 in Dorsten/Westfalen. Studium der Geschichte, Germanistik, Philosophie und Erziehungswissenschaft in Münster, Berlin und Zürich. Danach Lehrer am Gymnasium in Recklinghausen, seit 1980 Lehrerausbilder an Studienseminar und Universität. Herausgeber von Schulbüchern, Autor von "Lehren und Lernen in der Schule", Köln 2000. Ständiger Mitarbeiter der Neuen Zürcher Zeitung, Beiträge für die epd medien, du-Zeitschrift für Kultur, novo.
-> Politisches Feuilleton
-> weitere Beiträge