Politisches Feuilleton
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12.1.2005
Surfen auf dem Tsunami
Erfahrungen in Sachen Globalität
Von Burkhard Müller-Ullrich

Warten auf die Evakuierung: Touristen auf einem Pier auf Phi Phi Island, Thailand (Bild: AP)
Warten auf die Evakuierung: Touristen auf einem Pier auf Phi Phi Island, Thailand (Bild: AP)
Wer je ein Erdbeben erlebt hat, weiß, wie sich die Erschütterungen im Gemüt fortsetzen: Es ist das Urvertrauen in den festen Grund, das einen Stoß bekommt. Von allen praktischen Erwägungen abgesehen - von den leidvollen Folgen und der konkreten Furcht vor weiteren Zerstörungen - gibt es eine tiefer gehende und schwerer zu fassende Wirkung solcher geophysikalischen Großereignisse: Sie besteht in einem metaphysischen Gefühl der Haltlosigkeit, ja fast in einer Art Schwindel vor dem Schwanken des Alls.

Wir erleben die Erde in unserer alltäglichen Wahrnehmung als das solideste überhaupt vorstellbare Gebilde. Schon die Tatsache, dass sie sich dreht, war der Menschheit lange unerfindlich, und es kostete bekanntlich einige Überwindung, um diese wissenschaftliche Erkenntnis hinzunehmen. Gleichwohl ist die aufhängungslose Schweberei und Dreherei des Globus unserem Empfindungshaushalt fremd geblieben, und jede noch so weite Reise bestätigt allein schon durch die Erfahrung der Weite, wie übermächtig stark und sicher jener Boden ist, der dies alles trägt.

Deshalb drängt sich, wenn es unterirdisch kracht, fast automatisch die Frage nach der Verantwortlichkeit auf - als ob jemand im Erdinneren aus Unbesonnenheit einen schlimmen Unfall verursacht hätte. Die Frage war jedenfalls bei vielen die erste - oftmals uneingestandene - Reaktion auf die Schreckensnachrichten, denn so ist der Mensch, nicht nur der deutsche: er braucht die Schuld, er sucht den Schuldigen und versichert sich dadurch reflexhaft seiner eigenen Unschuld. "Selber schuld" - so lautet ja die kindische Entlastungsstrategie, mit der wir gern die Unerträglichkeit des Unvermeidlichen in den Rahmen irgendeiner vorgestellten Richtigkeit zu stellen suchen.

"Selber schuld" gilt aber nicht bei Erdbeben. Das musste selbst dem größten Wirrkopf klar sein, weshalb die Frage mit einer gewissen feuilletonistischen Leichtigkeit gleich an Gott weitergegeben wurde. So entstand in Medien, von denen man dies nicht gerade erwartet hätte, eine bizarre theologische Debatte, die sich in der Aporie des frühchristlichen Kirchenvaters Laktanz erschöpfte: Wenn der Allmächtige solches Leid nicht verhindern kann, dann ist er nicht allmächtig; und wenn der Allgütige es nicht verhindern will, dann ist er nicht allgütig.

Wie gerufen kommt da jene Deutung, die das kindische "Der andere ist selber schuld" zu einem masochistischen "Wir sind alle selber schuld" pervertiert. Es ist die Deutung, die in gewissen Umweltschützerkreisen Karriere macht und sich in dem beliebten Racheszenario der Natur äußert. Klimaerwärmung, Treibhauseffekt, Wirbelstürme und Sintfluten sind nach dieser Auffassung nur die gerechten und erwartbaren Reaktionen einer wütenden Natur, gegen die wir uns durch Zivilisationsanstrengungen vergangen haben. In der Tat klingt in der öffentlichen Rede über das Desaster fast jeden Tag auch etwas von Umweltschutz durch - und niemand äußert über diese schmählichen Versuche, politisch auf dem Tsunami zu surfen, die leiseste Empörung.

Naturschutz von der radikalen Art, die dem Fortschritt alle Übel zuschreibt, bedeutet für die Dritte Welt seit langem, dass sie sich besser nicht entwickeln solle. Keine Siedlungen am Meer, kein Aufschwung durch Tourismus, keine energiefressende Infrastruktur wie in Europa und Amerika: das ist der zynische Traum, den manche Europäer und Amerikaner von umweltschutzgerechten Paradiesen in Südasien träumen, zu denen sie dreimal im Jahr mit Billigfliegern düsen. Die so genannten Globalisierungsgegner wollen vor allem nicht ihr eigenes Wohlergehen globalisieren.

Jetzt aber lehrt der Globus uns alle eine strenge Lektion in Sachen Globalität. Denn diesmal spricht die Erde mit ihrer tektonischen Titanenstimme, und der Mensch erzittert bis ins Innerste seines Existenzkonzepts. Wenn zwischen Ozean und Magma Kontinentalplatten auseinander- und aufeinander krachen, wenn das freundlich-abstrakte Wissen, dass der feste Boden unseres Daseins bloß eine schwimmende Kruste ist, auf einmal in glühendem Ernst zur Anwendung kommt, dann geraten wir Bewohner und Bürger dieses Sterns in Dimensionen, für die wir - um es behutsam auszudrücken - seelisch nicht gerüstet sind.

Schon gibt es Meldungen, dass bei dem gigantischen Umbau im Untergrund die Erdachse selbst einen Schlag erhalten haben könne und dass sich die Rotation unseres Planeten künftig etwas beschleunigen werde. Gewiss, es handelt sich um Millionstelsekunden pro Umdrehung, aber gerade diese messbare Gewissheit konterkariert jene andere, die wir zum Leben brauchen: die Gewissheit von der Beständigkeit der Erde.

Burkhard Müller-Ullrich, geboren 1956 in Frankfurt am Main, studierte Philosophie, Geschichte und Soziologie und begann als Literatur- und Theaterkritiker beim Bayerischen Rundfunk. Seit 1980 ist er ständiger Mitarbeiter u.a. der "Süddeutschen Zeitung", der "Welt", des Wiener "Standard" und der Schweizer "SonntagsZeitung". Außerdem arbeitet er als Autor und Moderator für zahlreiche Rundfunkprogramme. Er war Redakteur beim Abendstudio des Schweizer Radios, beim Schweizer Buchmagazin "Bücherpick" und Chefredakteur der Buchhändlerzeitschrift "Sortiment". Zuletzt leitete er die Redaktion "Kultur heute" des Deutschlandfunks. Schwerpunkt seiner journalistischen Arbeit ist die internationale Kulturberichterstattung. Als Essayist beschreibt er die Merkwürdigkeiten unserer Medienwelt (so in dem 1996 erschienenen Buch "Medienmärchen - Gesinnungstäter im Journalismus") und die Anpassungszwänge des modernen Lebens.
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